> > > Heinrich Schütz: Geistliche Chor-Musik 1648: Ensemble Polyharmonique
Mittwoch, 14. April 2021

Heinrich Schütz: Geistliche Chor-Musik 1648 - Ensemble Polyharmonique

Gipfelwerk


Label/Verlag: Raumklang
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Polyharmonique macht bei den Motetten der 'Geistlichen Chor-Music', diesem Schwergewicht der Musikgeschichte, wie schon vorher bei der Musik von Schütz' Kollegen eine glänzende Figur. Mehr davon!

Heinrich Schütz und seine 'Geistliche Chor-Music' 1648 – das steht synonym für die Summe eines langen Komponistenlebens. Diesen Aspekt betont Oliver Geisler in seinem ebenso kundigen wie anregenden Bookletessay zur aktuellen Produktion des Ensembles Polyharmonique, die beim Label Raumklang erschienen ist. Geisler macht das in seinen Betrachtungen über die ‚taube Nuss‘ und den ‚rechten Kern‘, die Schütz in seinem fabelhaften und auch heute noch unbedingt lesenswerten Vorwort zur Sammlung der 29 Motetten beschrieb, sehr anschaulich: Schütz war an Substanz und Gehalt gelegen, an solidem Können und tatsächlicher Durchdringung. Skeptisch stand er oberflächlichen Modeerscheinungen gegenüber. Doch sollte man sich nicht täuschen: Zwar ist diese Musik im engeren Sinne konservativ, also bewahrend, die Grundlagen betonend, die Fundamente einer Profession und Kunst sichtbar machend. Doch ist sie nicht rückwärtsgewandt. Vielmehr kann sie als selbstbewusst formulierte Bilanz eines schöpferischen Lebens begriffen werden – in diesem Zugriff auch überhaupt nicht verengend, wenn Schütz etwa ‚teutsche Kunst‘ und ‚italienische Manier‘ wägt: Er war ja spätestens seit seinem Opus eins, den 'Italienischen Madrigalen', Protagonist beider Sphären, der kontrapunktischen Tradition ebenso wie des affektiven Aufbruchs, den er selbst maßgeblich von jenseits der Alpen in den deutschen Kontext hinein transferiert hat.

Das Programm der aktuellen Platte bietet einen Auszug von zwölf Sätzen der 'Geistlichen Chor-Music', einige der attraktivsten der gesamten Sammlung sind darunter. Dazu treten – wie in einem kontrastierenden Rückgriff auf einen früheren, ästhetisch anders definierten Punkt der Karriere Schütz‘ – drei Beispiele aus den 'Kleinen Geistlichen Konzerten'. Das Programm strebt also keine enzyklopädische Größe, sondern Sinnfälligkeit an. Ein wenig bedauert man diese Entscheidung: Einerseits mit Blick auf den einzigen echten Kritikpunkt an der Platte, die mit nicht einmal einer Stunde Spielzeit Raum für deutlich mehr geboten hätte. Andererseits, weil das Ensemble Polyharmonique eben singt, wie es singt.

Profiliert und klangschön

Es hat sich in den vergangenen Jahren ein tolles Profil erarbeitet, in vergleichbarem Repertoire mit Kompositionen des Thomaskantors Tobias Michael oder des Zittauer Organisten und Komponisten Andreas Hammerschmidt. Schon da reüssierten die Vokalisten mit erlesener Klangkultur und einiger Frische. Und auch hier, bei Schütz, dem kompositorischen Goldstandard jener Epoche, erweisen sich Magdalene Harer und Joowon Chung (Sopran), Alexander Schneider (Altus), Johannes Gaubitz und Sören Richter (Tenor) sowie Matthias Lutze (Bass) nicht als Museumswärter verstaubter Künste, sondern als selbstbewusste Gestalter aufregenden Materials. Als besondere Qualitäten zahlt dabei neben dem individuellen Vermögen vor allem das fein balancierte Zusammenwirken auf der Habenseite ein. Die natürliche, nicht überakzentuierte Sprachbehandlung ist ebenso ein Gewinn wie die makellose Intonation.

Alexander Schneider als Primus inter pares führt die Formation durch ein gut belüftetes, insgesamt frisches Tableau der Tempi, kennt Varianten, lässt dynamisch die delikaten Aspekte der Besetzung hervortreten. Artikuliert wird folgerichtig in enger Verbindung mit der Sprache. Doch zugleich zeigen sich die Sechs an den linearen Schönheiten interessiert – Klangmagie wird, im Unterschied zu manch anderer Schütz-Exegese trockeneren Zuschnitts, mindestens zugelassen, wenn nicht als ein Ziel mit angestrebt. Instrumental untersetzt ist das Geschehen von einem Violone, von Juliane Laake mit Geschmack gespielt, und einer Orgel, mit der Klaus Eichhorn den Vokalklang angemessen und füllend fortsetzt. Das Klangbild ist konzentriert, von maßvoller räumlicher Expansion, sehr klar strukturiert und gestaffelt, in feiner Balance befindlich. Das Ensemble Polyharmonique macht bei den Motetten der 'Geistlichen Chor-Music', diesem Schwergewicht der Musikgeschichte, wie schon vorher bei der Musik von Schütz‘ Kollegen eine glänzende Figur. Mehr davon!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Heinrich Schütz: Geistliche Chor-Musik 1648: Ensemble Polyharmonique

Label:
Anzahl Medien:
Raumklang
1
Medium:
EAN:

CD
4018767039030


Cover vergössern

Schütz, Heinrich


Cover vergössern

Raumklang

Das Label RAUMKLANG wurde 1993 von Sebastian Pank in Leipzig gegründet. Nach wie vor steht der Name Raumklang für ein authentisches Klangerlebnis. Die Aufnahmen entstehen überwiegend mit nur einem Stereo-Kugelflächen-Mikrophon (One-Point-Recording).
Den Schwerpunkt aller RAUMKLANG-Veröffentlichungen bildet die Alte Musik. In jüngster Zeit ergänzt neben experimenteller/zeitgenössischer Musik eine Reihe mit Weltmusik das RAUMKLANG-Programm. Für seine aufwendig produzierten und anspruchsvoll gestalteten CDs mit ausführlichem Begleitheft erhielt RAUMKLANG bereits zahlreiche begehrte Auszeichnungen, darunter "Grand Prix de l'Académie Charles Cros" und den "Diapason 5".
Seit 1998 liegt der Hauptsitz des Labels auf Schloss Goseck in Sachsen Anhalt, auf dem sich in den letzten Jahren das "Europäsiche Musik- und Kulturzentrum" sowie ein Zentrum für Archäologie (7000 Jahre altes Sonnenobservatorium) etabliert haben. Nicht zuletzt aus dieser Verknüpfung ergeben sich zahlreiche Kontakte zu renommierten Künstlern der Alten Musik im In- und Ausland.
Seit 2003 veröffentlicht RAUMKLANG verschiedene Editionen. Jede Edition wird von einem anderen Produzenten herausgegeben und erweitert damit die Vielfalt des Labelrepertoires. So erscheint neben edition raumklang von Sebastian Pank (Schloss Goseck) die marc aurel edition in Köln, gegründet von Aurelius Donath. Aus der Zusammenarbeit mit der berühmten Schola Cantorum Basiliensis (SCB) in Basel hat sich die schola cantorum basiliensis edition ergeben. In dieser Reihe stellt der Produzent Thomas Drescher (stellv. Direktor der SCB) viel versprechende Absolventen aus Basel vor. 2005 entstand aus den engen Kontakten zur Musikstadt Leipzig eine weitere neue Edition: Unter dem Namen edition apollon veröffentlicht nun das international bekannte Vokalesemble "amarcord" seine CDs.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Raumklang:

  • Zur Kritik... Ambition und Klangsinn: Ein sehr schöner Erstling des Ensembles L'ultima parola: Johannes Ockeghems ambitionierter Satz ist hier in den besten Kehlen. Der hoffentlich weitere Weg wird mit Interesse zu verfolgen sein. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Die Ordnung der Kräfte: Das Ensemble Ars Choralis Coeln bringt eine CD-Fassung des 'Ordo virtutum' von Hildegard von Bingen heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Nordisch: Wenn Sjaella die anderen Himmelsrichtungen mit der gleichen Verve und dem gleichen künstlerischen Temperament angeht, dann besteh Grund zur Vorfreude. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Raumklang...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Luzides Lob: Ein schönes, rundes Programm des BR-Chors, das Arvo Pärt in seinen Eigenarten und seinem unverwechselbaren Kern expliziert: So kann man gratulieren, auch nachträglich. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Vom Choral inspiriert: Eine feine zweite Platte des Ensembles BachWerkVokal: Hier entfaltet eine musikalische Kraft Wirkung, die interessant und abwechslungsreich zu programmieren versteht und interessante Blicke auf Arriviertes wie auf Schönheiten der Seite zu richten weiß. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Luxusklang zur Passionszeit: Mit New York Polyphony ist in diesem feinen Programm ein echtes Luxusensemble zu erleben: Die klug konzipierte Platte für die Passionszeit bietet eine mehr als schöne Alternative zum vertrauten Kanon. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich