> > > Joachim Raff: Chamber Music Vol. 1: Leipziger Streichquartett
Montag, 26. Juli 2021

Joachim Raff: Chamber Music Vol. 1 - Leipziger Streichquartett

Vertane Chance


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Leipziger Streichquartett bleibt für die Erkundung der ersten beiden Gattungsbeiträge Joachim Raffs interpretatorisch zu zahm.

2020 erschien bei Breitkopf & Härtel eine Neuausgabe der Streichquartette d-Moll op. 77 und A-Dur op. 90 von Joachim Raff im Druck, in enger Fühlung mit dem 2018 gegründeten Raff-Archiv in Lachen bei Zürich. Die Eröffnung des Archivs wurde durch eine wissenschaftliche Tagung begleitet, in der fast alle Werkgattungen des schöpferisch reichen Komponisten zur Sprache kamen. Die Streichquartette Nr. 1 und 2 entstanden 1855/56 bzw. 1857 (?) und folgen nicht zuletzt den etablierten Traditionslinien. Dennoch ist die Emanzipation Raffs von diesen leicht festzustellen – und diese Individualität herauszuarbeiten, sollte mit Ziel der Interpretation sein.

Leider findet die Neuedition, die gerade auch auf den Bereich der von Raff sehr genau ausgearbeiteten Dynamik große Sorgfalt angelegt, nur sehr bedingt Eingang in die neue Einspielung. Raff nutzt das vollständige dynamische Spektrum zwischen Pianissimo und Forte, teilweise auch auf engem Raum (Fortissimo-Momente gibt es nur bei scharf zu setzenden Akzenten). Dieses Spektrum wird in der Neueinspielung durch das Leipziger Streichquartett (in der Besetzung Stefan Arzberger, Tilman Büning, Ivo Bauer und Peter Bruns) nicht ‚notengetreu‘ ausgespielt. Das ist sehr schade, steht doch die Spielkultur der vier Musiker außer Frage. Doch unbekanntes Repertoire stellt nicht selten auch an Profis gehörige Anforderungen, die teilweise nur mit langjähriger Auseinandersetzung zu einem rundum glücklichen Ergebnis führen können.

Hoher Anspruch

Mit jeweils über zehn Minuten Dauer sind Raffs Kopfsätze von hohem Anspruch und großer Raffinesse. Das Leipziger Streichquartett beherrscht fraglos den Notentext, doch genauere Ausarbeitung der dynamischen Angaben wäre dringend wünschenswert gewesen, wie es die bisherige Referenzeinspielung mit dem Quartetto di Milano (Tudor) vormacht. Bei dem italienischen Ensemble bleibt ein wenig das Tempo auf der Strecke, doch die differenziertere Ausarbeitung führt zu insgesamt weit einsichtsvolleren Ergebnissen.

Das Scherzo von Raffs erstem Quartett werden viele in die Mendelssohn-Nachfolge stellen, obschon auch Mendelssohn Beiträge zu einer mehr oder minder bereits existierenden Scherzogestalt hinzufügte (dass die weiteren Entwicklungsschritte heute vergessen sind, erschwert das Verständnis der Musikgeschichte im 19. Jahrhundert). Formal und konzeptionell spannender ist nicht zuletzt deshalb das Scherzo des zweiten Quartetts, in dem von bekannten Vorbildern nichts mehr zu spüren ist. Umso bedauerlicher ist, dass das Leipziger Streichquartett mit diesem quirligen Satz nichts Rechtes anfangen kann.

Gewisse Schwere

Während das ‚Vorbild‘ Mendelssohn beim ersten Quartett Hilfestellung leistet und dem Ensemble Charme und Leichtigkeit einhaucht (aber der Blick voraus in Richtung etwa Smetana unhörbar bleibt), sind die ganz eigenen Schwierigkeiten im zweiten Quartett scheinbar unüberwindbar – die Linienführung ist (scheinbar fast als Konzept) unsauber ausgeführt, auch die Balance zwischen den einzelnen Stimmen nicht immer ganz überzeugend. Auch die langsamen Sätze überzeugen bei den Leipzigern weniger als anderswo – im ersten Quartett fehlt die vorgeschriebene Sanftheit im Ton, im zweiten macht sich eine gewisse Schwere breit, wo die Italiener den Satz fast mozartisch leicht interpretieren (und mit insgesamt mehr Überzeugungskraft). Erst im Finalsatz des ersten Quartetts gehen die Leipziger stärker aus sich heraus und überbieten hier auch die Mailänder – während sie im zweiten Quartett abermals die dynamischen Vorschriften eher ignorieren.

Auch der Booklettext nutzt die Erkenntnisse der Neuedition nicht – die Kompositionsumstände des ersten Quartetts sind schlicht unkorrekt dargestellt, die wertenden Einlassungen zu Raff und seiner Bedeutung mindern den Wert des Textes, denn dass sie ihn oder die Bedeutung der Musik stützen würden. Schade, dass diese Neuveröffentlichung (bis auf wenige Details in der Interpretation) so wenig zu bieten hat, das sie an die vorderste Front der Raff-Diskografie platzieren könnte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Joachim Raff: Chamber Music Vol. 1: Leipziger Streichquartett

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Anzahl Medien:
MDG
1
Medium:
EAN:

CD
760623218724


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Raff, Joseph Joachim


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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