> > > Jaromir Weinberger: Frühlingsstürme: Komische Oper Berlin, Jordan de Souza
Sonntag, 1. August 2021

Jaromir Weinberger: Frühlingsstürme - Komische Oper Berlin, Jordan de Souza

Letzte Weimarer Operette


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als letzte Ausgrabung in der Weimarer-Operettenserie an der Komischen Oper hat Barrie Kosky 'Frühlingsstürme' (1933) von Jaromir Weinberger präsentiert. Kurz vorm Ausbruch der Pandemie.

Wenn man bei der Komischen Oper Berlin höchste Erwartungen hat, wenn’s um eine Operettenproduktion geht – besonders ein Stück aus der Zeit der Weimarer Republik –, dann liegt das daran, dass Barrie Kosky als Intendant und Regisseur seit 2013 am Haus Maßstäbe gesetzt hat für einen neuen zeitgemäßen Umgang mit dem Genre. Die großen Erfolgsproduktionen von Kosky, angefangen mit Paul Abrahams ‚Ball im Savoy‘ und fortgesetzt mit Oscar Straus‘ ‚Eine Frau, die weiß, was sie will‘ und ‚Die Perlen der Cleopatra‘, haben das Verständnis von Operette bei vielen Menschen radikal verändert.

Die Produktionen haben auch neue Zuschauerschichten für Operette begeistern können und Menschenmengen ins Theater gelockt, die ein bunter Spiegel einer diversen Hauptstadtbevölkerung sind. Die alte Gleichung, dass Operette nur was für alte Omi sei, wurde von Kosky auf den Kopf gestellt. Inzwischen ist in Berlin Operette etwas für Hipster und Nachtschwärmer, Touristen und Alteingesessene. Und das ist wunderbar so.

Gegen Ende seiner zehnjährigen Intendanz hat Kosky als Abschluss seiner Weimarer-Ausgrabungsserie Jaromir Weinbergers ‚Frühlingsstürme‘ auf den Spielplan gesetzt, ein Werk, das wenige Tage vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten Anfang 1933 Premiere in Berlin feierte und dann verschwand – weil der Komponist jüdisch war, die Stars Richard Tauber und Jarmila Novotna ebenfalls usw. usf.


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Unter dem Label ‚Letzte Operette der Weimarer Republik‘ kam’s dann im Januar 2020 zum Comeback. Das aber nur ein kurzes war, denn bekanntlich schlug wenig später Corona zu und die ‚Frühlingsstürme‘ verschwanden. Sang und klanglos. Sie werden jetzt für den post-Corona-Spielplan und Koskys letzte Spielzeit als Intendant nicht wieder aufgenommen. Erhalten bleibt eine DVD, mit einer Aufführung, die am 25. Januar 2020 gefilmt wurde.

Es ist fast bittere Ironie: Dass ausgerechnet die Produktion, die am wenigsten gespielt wurde und am wenigsten die geniale Kosky-Operettenrevolution spiegelt, diejenige ist, die nun für den Weltmarkt verfügbar gemacht wird. Während die erwähnten Abraham- und Straus-Produktionen zwar gestreamt wurden (also als Film vorhanden sind), aber nie auf DVD veröffentlicht wurden, egal wie beliebt sie beim Publikum sind und egal wie bejubelt sie von der Kritik wurden. Der Jubel der Presse bei ‚Frühlingsstürme‘ hielt sich – bis hin zur New York Times – in Grenzen.

Wenn man sich jetzt nochmals die DVD anschaut, versteht man warum. Statt wie bei seinen Großtaten zuvor, entschied sich Kosky bei Weinberger, nicht mit seinem kongenialen Team Dagmar Manzel als Star und Adam Benzwi als musikalischem Leiter zusammenzuarbeiten. Stattdessen sind diese ‚Frühlingsstürme‘ mit dem Hausensemble besetzt, denen bei einem Stück, das für Tauber/Novotna konzipiert wurde, schlichtweg der Glamour fehlt.

Tansel Akzeybek als Spion Ito im Japanisch-Russischen Krieg trifft zwar alle Töne mit weicher Tenorstimme, aber es mangelt ihm am Glamour-Faktor, sowohl vokal als auch darstellerisch. Beim ‚Ball im Savoy‘ hatte Kosky mit Schauspielstar Manzel jemanden aufgeboten, der absolut nicht wie Uraufführungssängerin Gitta Alpar klingt, sondern dem historischen Vorbild etwas ganz eigenes und anderes entgegensetzen konnte, etwas, das restlos überzeugte. Statt eines Möchtegern-Taubers wäre hier eine radikal andere Besetzung vermutlich besser gewesen. Denn wer singt schon wie Tauber und könnte den Vergleich aushalten? (Nicht mal Jonas Kaufmann könnte das, auch wenn er selbst das vermutlich anders sieht.)

An der Seite des Tenors schlägt sich Vera-Lotte Boecker als Lydia Pawlowska besser, aber auch ihr fehlt die Diva-Aura, die Novotna einst bis nach Hollywood und zu herausragenden Filmrollen führte (u. a. ‚Die Gezeichneten‘ neben Montgomery Cliff). Für das verführerische Zentrum eines Spionagethrillers braucht man mehr als runde und gesunde Töne.

Darstellerisch auf einem gänzlich anderen Niveau bewegt sich Schauspieler Stefan Kurt als General Wladimir Katschalow. Er demonstriert, wie man sich solch einer Rolle nuanciert nähern kann, wie man ihr charakterliches Format verleihen kann, wie man sie spannend und menschlich ergreifend macht. Aber General Katschalow ist eine Nebenfigur in diesem Stück, und so kann Kurt im Alleingang die schauspielerische Inkompetenz um sich herum nicht vergessen machen. Mit solcher glänzt leider auch Barihunk Dominik Köninger als Kriegsreporter Roderich Zirbitz. Seine Slapstick-Szenen mit Tansel Akzeybek und mit Alma Sadé als Generalstochter Tatjana sind peinigend anzuschauen. Und das, obwohl Köninger in ‚Perlen der Cleopatra‘ ein wirklich ideal gecasteter Komiker ist. Hier passt er aber nicht auf gleiche Weise genial zur Rolle bzw. Rollenkonzeption.

Die verschollene Originalpartitur wurde von Norbert Biermann rekonstruiert und neu arrangiert. Die einfühlsame Arbeit Biermanns kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Werk nicht wirklich neben der großen Operettenhits der Weimarer Ära bestehen kann, also neben ‚Land des Lächelns‘ (1929) und ‚Im weißen Rössl‘ (1930). Es lebte damals vom Glanz Taubers und Novotnas, von denen es berauschende Aufnahmen der Solos und Duette gibt. Aber ohne diesen Rausch ist die Partitur eher Gebrauchsware. Mit dem Etikett ‚Letzte Operette der Weimarer Republik‘ historisch interessant und das Kennenlernen lohnend, aber nicht mehr als das.

Dieser Eindruck wird verstärkt, weil Dirigent Jordan de Souza an keiner Stelle mit seinen Solisten so gearbeitet hat, wie Adam Benzwi das tut. Er lässt sie singen, ohne das Besondere aus ihnen herauszukitzeln. Und er sucht bei Weinberger nicht nach jenem genialen Funkeln, das diese Partitur irgendwie zu einem Höhenflug verhelfen würde. Da bleibt das meiste gut gemachte Routine, statt die Vorstellungskraft zu entzünden.

Die Inszenierung selbst spielt in einer schwarzen Kiste, die sich aufklappt, um alle möglichen ‚asiatischen‘ Räume in stimmungsvoller Abstraktion zu zeigen (Bühne: Klaus Grünberg; Kostüme: Dinah Ehm). Mit anderen Darstellern hätte das Ganze in dieser Reduktion gut funktionieren können. Dass sich Kosky als Intendant von seinem Operndirektor und Casting Chef keine anderen Darsteller hat geben lassen, darf man mit Staunen quittieren. Denn: Operette steht und fällt immer mit der Besetzung, egal wer Regie führt.

Das Bild mit den Federfächern, das man auf dem Cover sieht, ist übrigens der einzige echt opulente Moment, bei dem kurzzeitig so etwas wie ein Hauch von Operettenüberwältigung aufkommt. Aber es bleibt ein momentanes Erlebnis. Es scheint dennoch, dass Naxos als Vertriebslabel denkt, eine solche ‚traditionell‘ mit Opernsängern besetzte unbekannte Operette könne international eher auf Interesse stoßen als die erwähnten Jazz-Stücke von Abraham und Straus mit Schauspiel- und Musicalstars (zu denen an der Komischen Oper auch Max Hopp, Helmut Baumann und Katharine Mehrling zählen). Das ist erstaunlich und auch ein bisschen traurig stimmend. Sind DVD-Käufer wirklich so gestrig und in Hörgewohnheiten eingefahren?

In der letzten Kosky-Spielzeit 2021/22 werden jedenfalls alle erwähnten Jazz-Operetten ein letztes Mal zurückkehren. Die ‚Frühlingsstürme‘ haben derweil den Weg in den Corona-Himmel gefunden und wurden vom Virus entsorgt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Jaromir Weinberger: Frühlingsstürme: Komische Oper Berlin, Jordan de Souza

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
2
Medium:
EAN:

DVD
747313567751


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Weinberger, Jaromir


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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