> > > Tormenti d'amore: Philipp Mathmann, Capella Jenensis, Gerd Amelung
Samstag, 25. September 2021

Tormenti d'amore - Philipp Mathmann, Capella Jenensis, Gerd Amelung

Aus dem Archiv ans Licht


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das erste Soloalbum von Philipp Mathmann und der Capella Jenensis unter der Leitung von Gerd Amelung punktet mit einer klugen und innovativen Programmgestaltung und in jeder Note mitklingendem Herzblut. Davon möchte man gerne mehr hören.

Man muss es gleich zu Beginn einmal konstatieren: was für eine in vielerlei Hinsicht wunderbare Doppel-CD, die hier beim Label Querstand erschienen ist. 'Tormenti d’amore' ist das erste Soloalbum des jungen Countertenors bzw. Sopranisten Philipp Mathmann und der Capella Jenensis unter der Leitung von Gerd Amelung. Und es überzeugt mit einer klugen und innovativen Programmgestaltung und in jeder Note mitklingendem Herzblut.

Es wäre ein Leichtes gewesen, die erste Solo-CD mit den gängigen Arien und Dauerbrennern zu bestreiten und sich dabei für zukünftige Barockopern-Projekte anzupreisen. Dieser Versuchung widerstehen Mathmann und Amelung. Sie widmen sich in der vorliegenden Aufnahme vom Herbst 2019 den unerhörten Notenschätzen des Meininger Archivs. Hier gibt es wirklich etwas zu entdecken – von Paolo Scalabrini oder Giuseppe Porsile hört man beispielsweise nämlich eher selten bis nie. Amelung ist für das ungewöhnliche Programm in die Archive gestiegen und hat Werke zutage gefördert, die seit Jahrhunderten nicht mehr gespielt worden sein dürften. Die Geschichte hinter diesen Schätzen ist fast ebenso spannend wie die erneute Klangwerdung im 21. Jahrhundert. Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen ließ bei einem Aufenthalt in Wien ab 1724 ihm wertvoll oder interessant erscheinende Vokal- und Instrumentalwerke kopieren, um sie mit nach Meiningen zu nehmen und sie dort im Archiv für die Nachwelt zu bewahren. So gibt die Meininger Sammlung einen breitgefächerten Eindruck vom Wiener Musikleben des frühen 18. Jahrhunderts und zugleich ist sie ein beeindruckendes Zeugnis des musikkulturellen Lebens in Thüringen. Von den über 170 Kantaten aus dem Meininger Archiv hat Gerd Amelung vier für die vorliegende Einspielung ausgewählt, ergänzt um zwei Trio-Sonaten von Johann Adolf Hasse und zwei typische kleine Barock-Sinfonien von Scalabrini.

Schon die einleitendende Sinfonia g-Moll von Paolo Scalabrini stimmt den Hörer auf die ungewöhnliche Zusammenstellung ein. Wie Amelung im Beiheft erklärt, steht das kurze Werk auf der Grenze zwischen dem damals populären neapolitanischen Opernstil und einer neuen deutschen Empfindsamkeit. Überhaupt macht das umfangreiche Beiheft der Neuerscheinung dem Hörer und Leser viel Freude. Es ist eine fundierte Anleitung zum Hören der Archivfunde, es bietet Informationen zu den Komponisten und zu den Werken, ebenso zu den Künstlern, und die Gesangstexte sind vollständig abgedruckt. So wünscht man sich ein Booklet. Dass die beiden CDs eine Gesamtspieldauer von knapp über 80 Minuten aufweisen, macht die Aufteilung auf zwei CDs zwar plausibel, lässt aber auch Gedanken zu einer wünschenswerten Erweiterung des Programms aufkommen, um die beiden Tonträger adäquat zu füllen. Sei es drum, die beiden tontechnisch auf Transparenz und Natürlichkeit bedachten CDs sind hörenswert, egal, wie voll sie sind.

Ein charismatischer Solist

Im Zentrum des Interesses steht ohne Frage der Solist: Philipp Mathmanns außergewöhnliche Stimme verfügt über enorme Höhensicherheit und einen geschmeidigen, glockenklaren Ton. Mathmanns Gesang ist fraglos charismatisch zu nennen – denn nicht alles, was der Sänger auf dem Doppelalbum vokal anbietet, ist per se tadellos. Immer wieder verwischen Läufe, Töne werden nicht exakt angesteuert, sondern von oben oder unten angeschliffen, die Intonation erweckt den Eindruck von zeitweiser Ungenauigkeit. Daneben blühen aber eben auch überirdisch schöne Phrasen und Klänge auf, die alle Kritik für die Dauer des besonderen Augenblicks verstummen lassen. So zaubert Mathmann gleich mit der ersten Kantate 'Or che dorme l’idol mio' von Georg Reutter d. J.: weitgespannte Bögen und zarte, zerbrechliche Phrasen, mutig in ihrer Farbgebung und Ausdeutung. Dann folgen virtuose Verzierungen, die den jungen Sänger an seine technischen Grenzen treiben, aber im Gesamtzusammenhang absolut funktionieren. So bleibt man auch bei Porsiles 'Le sofferte amare pene', Hasses 'Lascia i fior' und dem finalen 'Non ti sovvien, mia Fille' immer hin- und hergerissen zwischen seliger Bewunderung und dem Durchwinken von vokalen Ausrutschern. Es bleibt aber unterm Strich der überzeugend positive Gesamteindruck. Und der ist – neben der Frische der Capella Jenensis – der entwaffnenden Ausstrahlung und Präsenz von Mathmanns Gesang zu verdanken. Der Sänger verkünstelt sich nicht, erhebt keinen Anspruch auf entrücktes Interpretieren – er musiziert mit Herz und Verstand, mit einer wunderbaren Direktheit und Authentizität, mit dem Mut zum Risiko.

Die Capella Jenensis mit ihrem Leiter Gerd Amelung ist dem Künstler ein kongenialer Partner. Die bestens aufeinander eingespielten Instrumentalisten agieren herrlich unprätentiös. Energetisch und mit Lust am Wiederbeleben der vergessenen Schätze nehmen sie dem musikwissenschaftlich angehauchten Projekt alles Akademische. Davon möchte man gerne mehr hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tormenti d'amore: Philipp Mathmann, Capella Jenensis, Gerd Amelung

Label:
Anzahl Medien:
Querstand
2
Medium:
EAN:

CD
4025796020021


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Hasse, Johann Adolf


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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