> > > Hammerschmidt: Ach Jesus stirbt: Vox Luminis, Lionel Meunier
Montag, 26. Juli 2021

Hammerschmidt: Ach Jesus stirbt - Vox Luminis, Lionel Meunier

Kraftvolle Stimme


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Welche Musik welcher Hand des 17. Jahrhunderts auch immer Lionel Meunier und Vox Luminis anfassen – das Vorhaben glückt einfach, auch hier bei Andreas Hammerschmidt.

Andreas Hammerschmidt ist eine mitteldeutsche Musikergröße des 17. Jahrhunderts, die durchaus bekannt ist, aber erstaunlicherweise bis heute (zu) wenig Strahlkraft entfaltet. Dem sucht eine neue Platte beim Label Ricercar abzuhelfen, die Lionel Meunier und sein Vokalensemble Vox Luminis herausgebracht haben. Hammerschmidt, geboren 1611 oder 1612 im böhmischen Brüx und gestorben 1675, entstammte einem protestantischen Haushalt. Seine Familie zog 1629 ins sächsische Freiberg, dort wurde er wohl unterrichtet von Christoph Demantius. Später versah Hammerschmidt selbst eine Organistenstelle in Freiberg, danach fand er in gleicher Funktion seine Lebensstellung in Zittau. Während vom Organisten Hammerschmidt aber keine Kompositionen erhalten sind, gibt es eine reiche Überlieferung instrumentaler und vor allem vokaler Musik.

Es ist attraktive, gehaltvolle Klangkunst, die zwischen dem – durchaus polyphonen – Erbe einer älteren protestantischen Ästhetik und den neuen italienischen Einflüssen der Zeit balanciert. Der Satz ist sicher und harmonisch gebaut. Und die Frage, was im Vergleich zu den weit berühmteren Werken der etwas älteren Kollegen Schütz oder Schein fehlt, kann man sagen: Gelegentlich vielleicht eine Spur affektiver Individualität. Doch relativiert sich solche Aussage angesichts eines Werks wie 'Ach Gott, warum hast du mein vergessen', das, einem Schützschen Dialogus ähnlich, erzählende, mild dramatisierte Qualitäten gewinnt. Erst recht eindrucksvoll gerät 'Die mit Tränen säen', das im direkten Vergleich mit den prominenten Vertonungen von Schütz und Schein über diesen Text eindeutig mithalten kann.

Jérôme Lejeune hat mit Vox Luminis einen Streifzug durch die 15 Sammlungen Hammerschmidts programmiert, die zwischen 1639 und 1671 veröffentlicht wurden, mit dem inhaltlichen Schwerpunkt auf Kompositionen zur Passionszeit und zu Ostern. Ein schöner Spiegel des reich überlieferten Oeuvres, in sehr verschiedener Ausprägung und Besetzung; instrumentale Werke sind nicht einbegriffen. All das ermöglicht einen mehr als lohnenden Blick auf aufführungspraktisch absolut relevantes Material. Mehr Hammerschmidt wagen – das könnte eine der Schlussfolgerungen sein. Dessen Musik sollte in größerem Maßstab in Programmierungen zur Musik der Zeit einbezogen werden.

Farbenreich und differenziert

Wenn sie dann idealerweise so gesungen wird, wie hier von Vox Luminis, dann wäre das umso besser. Die hier über weite Strecken zwölf Vokalisten haben über etliche Jahre ein Ensembleideal geformt, das sehr auf ein edel balanciertes Stimmengeflecht achtet, gebildet aus perfekt konturierten Einzelstimmen – von instrumental-leicht geführten, absolut höhensicheren Sopranen über plastisch-präzise Mittelstimmen bis hin zu Bässen von schlanker Virilität. Gerade die Stilistik der mittleren Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts mit ihrem feinen Balanceakt zwischen oft knappen Soli und Ensembles von einiger Bewegtheit ist den Gaben des Ensembles, scheint es, magisch eingeschrieben und wird von ihm – Beispiele von Schütz über Scheidt bis zu den älteren Mitgliedern der Bach-Familie haben das immer wieder eindrucksvoll belegt – in der diskografischen Gegenwart maßgeblich mitgeprägt.

Die instrumentale Besetzung aus Streichern, gelegentlich Posaunen, Trompeten oder Fagott eröffnet eine auch in dieser Hinsicht erstaunlich reiche Palette an Farben. Natürlich in kompletter Besetzung, in der fast orchestrale Effekte erzielt werden, aber auch in den eleganten Wirkungen kleinerer Konstellationen, die das insgesamt harmonische Bild prägen. Besondere Erwähnung verdient die erklingende Thomas-Orgel der Kirche Notre Dame in Gedinne: Mit ihren 14 Registern entfaltet das ebenerdig, also ideal zum gemeinsamen Musizieren mit Vokalisten und weiteren Instrumenten aufgestellte Instrument eine üppige Wirkung – nicht erst, wenn in schönen Schlusswirkungen der 16-Fuß-Subbass hinzutritt. Für Musik der Zeit ist die größere oder gar große Orgel im Vergleich zur meist verwendeten Truhe das Instrument der Wahl. Dafür plädieren Vox Luminis und der Organist Bart Jacobs hier so eindrucksvoll wie es Gregor Meyer in seiner Gesamteinspielung der Kantaten von Johann Kuhnau mit der Silbermann-Orgel in Rötha tut.

Makellose Intonation

Lionel Meunier, der wie stets auch als Bassist des Ensembles zu glänzen weiß, gestaltet ein in Sachen Tempi ausgesprochen variantenreiches Tableau, mit entschiedenen Gesten und stimmigen Relationen. Dynamisch kosten die Akteure die erstaunlich variable Anlage weidlich aus, bis hin zur ganz großen Wirkung, etwa im österlichen 'Triumph, Triumph, Victoria'. Intoniert wird durchgehend makellos, viele Passagen und Akkordverbindungen geraten geradezu beglückend. Und: Mehr und deutlicher von Text und Sinn auf die Musik zu schließen, als es hier praktiziert wird und die Sätze auf diese Weise zu explizieren, ist im Grunde nicht möglich. Das Klangbild greift die verschiedenen Szenerien von höchster Konzentration bis zur ganz ‚vollen Kapelle‘ gelungen auf. Entzückend die filigranen Doppelechowirkungen des abschließenden 'Siehe, wie fein und lieblich ist's' realisiert.

Welche Musik welcher Hand des 17. Jahrhunderts auch immer Lionel Meunier und Vox Luminis anfassen – das Vorhaben glückt einfach, auch hier bei Andreas Hammerschmidt. Die Gründe sind eine tiefe Kenntnis von Stil und Zeit, ein enormes stimmliches Potenzial in höchster Verfeinerung, dazu Delikatesse und Musizierfreude von Graden. Ein beeindruckendes Plädoyer für Hammerschmidt und seine Kunst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hammerschmidt: Ach Jesus stirbt: Vox Luminis, Lionel Meunier

Label:
Anzahl Medien:
Ricercar
1
Medium:
EAN:

CD
5400439004184


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Hammerschmidt, Andreas


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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