> > > Der Gute Hirte: Purcell Choir, Orfeo Orchestra, György Vashegyi
Montag, 26. Juli 2021

Der Gute Hirte - Purcell Choir, Orfeo Orchestra, György Vashegyi

Entdeckung eines bedeutenden Oratorums


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gregor Joseph Werner (1693-1766) war der Vorgänger Joseph Haydns am Fürstenhofe Esterházy. Von ihm ist nur ein schmales Oeuvre bekannt, darunter auch vorliegendes Oratorium. Wir haben es mit der Entdeckung eines großartigen Werkes zu tun.

Diese Aufnahme dürfte das zweite Mal sein, dass Gregor Joseph Werners Oratorium 'Der gute Hirte' nach seiner Uraufführung 1739 überhaupt erklingt. Es geht um eine Darstellung des Guten Hirten, der seinem verlorenen Schäflein nachgeht, die 99 anderen sich selbst überlässt und das Schäflein tatsächlich findet. Die Quelle dieser Geschichte findet sich in der Bibel, wird hier aber entschieden ausgeweitet und allegorisiert. Drei Personen, das Schäflein, ein Pilger und der gute Hirte, agieren miteinander. Es handelt sich um einen Kampf zwischen den Verlockungen der Welt und den Erfordernissen eines frommen Lebens, das der Ewigkeit würdig ist. Nach den Irrungen in der Welt, den Vermahnungen des Pilgers und dem Erblicken Jesu am Kreuz wendet sich die Lebenseinstellung des Schäfleins und es bittet um Vergebung. Die wird ihm auch gewährt. Ein Chor der Hirten und ein Chor der Schäflein kommentieren das Geschehen. Es fehlt nicht die geistliche Vermahnung an den Hörer. Die Musik erinnert manchmal an Georg Friedrich Händel, weiß aber auch die Errungenschaften des frühklassischen Stils aufzunehmen.

Die Geschichte wird vor allem in Secco-Rezitativen erzählt, in denen die Personen durch ihre Stimmlage charakterisiert werden. In den Begleitungen werden manchmal die Affekte durch ungewöhnliche Akkorde dargestellt. Unterbrochen wird die Erzählung durch acht Arien. Zur Einleitung erklingt eine 'Introductio' im französischem Stil, wobei der dritte Teil erheblich verkürzt wird. In dieser und den anderen Stücken mit dem ungarischen Orfeo Orchestra unter der Leitung seines Gründers György Vashegyi kann man nur den schier schwingenden Drive bewundern, der der historisch informierten Aufführungspraxis zu verdanken ist. Die Rhetorik des Spätbarocks wird hervorragend umgesetzt. Die Instrumente werden so geführt, dass sowohl ihre Resonanz wie auch die des Raumes genutzt werden. An Virtuosität mangelt es ebensowenig wie an Einfühlung. Vielleicht hat dieser überaus hohe Standard damit zu tun, dass der Konzertmeister Simon Standage heißt, ein ausgewiesener Kenner der historischen Aufführungspraxis. Der Purcell Choir, ebenfalls von György Vashegyi gegründet und geleitet, singt in unübertrefflicher Intonation und Geschlossenheit – man möchte mehr von diesem Chor hören als nur die beiden Nummern im vorliegenden Oratorium.

Klangschön und ausdrucksstark

Das abgeirrte Schäflein wird von Ágnes Kovács (Sopran) gesungen. In ihrem Timbre wird eine Kindlichkeit hörbar, die dem Charakter des Schäfleins entspricht. Sie singt mit wenig Vibrato, führt die Triller und wenigen Koloraturen mit Leichtigkeit vor. Der gute Hirt wird gleich von zwei Sängern dargestellt: der junge Hirte vom Countertenor Péter Bánáry, der erwachsene Hirte vom Tenor Zoltán Megyesi. Beide werden ihrer Rolle durchaus gerecht mit unprätentiösem, stilsicherem Gesang. Der Pilger endlich findet seinen Darsteller in Lóránt Najbauer (Bass). Er singt mit schlankem Ton und fügt sich nahtlos in das musikalische Geschehen ein. Auch er gestaltet seine wenigen Koloraturen meisterhaft. An einer Stelle wird ein Echo gefordert; Adriána Klafszky übernahm diesen sehr kleinen Part. Damit ist ein Solistenensemble vereint, das den Erfordernissen des Oratoriums klangschön und ausdrucksstark mehr als gerecht wird.

Erwähnung muss auch die erlesene Klanglichkeit finden. Bei den Arien erklingen Chalumeau und Trombone im Duo und bewirken eine sozusagen pagane Stimmung, die sehr anrührend ist. Auch das Zusammenspiel mit den anderen Instrumenten und den Sängern lässt keine Wünsche offen. So ist eine Aufnahme entstanden, die in jeder Hinsicht nachdrücklich zu empfehlen ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Der Gute Hirte: Purcell Choir, Orfeo Orchestra, György Vashegyi

Label:
Anzahl Medien:
Accent
1
Medium:
EAN:

CD
4015023265028


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Werner, Gregor Joseph


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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