> > > British Music for Strings I: Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim, Douglas Bostock
Sonntag, 17. Oktober 2021

British Music for Strings I - Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim, Douglas Bostock

Plädoyer für einen Bescheidenen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Douglas Bostock setzt sich ein weiteres Mal für die Musik Gordon Jacobs ein.

Trotz seiner großen Bedeutung für die britische Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts wird Gordon Jacob (1895–1984) auch in Kennerkreisen häufig noch belächelt. Der Grund mag darin begründet liegen, dass er sich als Kompositionsprofessor am Royal College of Musik über mehr als 40 Jahre zuvörderst in den Dienst seiner Studierenden stellte (unter ihnen Malcolm Arnold, Bernard Stevens, Philip Cannon, Imogen Holst und Pamela Harrison), während die aktive Promotion seiner eigenen Kompositionen unterblieb, so dass diverse seiner wichtigsten und wichtigen Werke bislang nicht den Weg auf den Tonträger gefunden haben. Dem bemüht sich Douglas Bostock seit fast über zwanzig Jahren Abhilfe zu schaffen – schon 1997 entstand in München seine erste ganz der Orchestermusik Jacobs gewidmete CD.

Die Sinfonie für Streicher ist ein wichtiges Werk Jacobs, nicht zuletzt da in ihm, einem Teilnehmer des Ersten Weltkriegs, seine Kriegserfahrung Verarbeitung findet. Das Werk wurde im Oktober 1943 vollendet und erlebte seine Uraufführung am 9. Dezember 1944 in der Londoner Wigmore Hall durch das Boyd Neel String Orchestra. Die kontrapunktische Dichte und der tiefe Ernst der Musik zeigt den Komponisten in Höchstform – hier sind wir trotz aller Gebundenheit an die Tonalität alles andere als ‚Kuhfladenmusik‘, wie manche solche Werkbeiträge durch spitze Zungen abschätzig bezeichnet wurden. Bostocks Fürsprache für den Komponisten und sein Werk lässt keine Wünsche übrig, weder in den kraftvoll-scharfkantigen noch in den lyrisch-feinen Momenten.

Eher intime Note

Ein anderes Werk des vorliegenden Programms verbindet man häufig ebenfalls mit Gordon Jacob – 1946 erlebte seine Bearbeitung von Edward Elgars (1857–1934) Orgelsonate G-Dur op. 28 (1895) für großes Orchester ihre Uraufführung; auch diese Bearbeitung wurde erst nach Jacobs Tod nachhaltig bekannt. Die hier vorliegende Einrichtung für Streichorchester erstellte Hans Kunstovny 2006 für das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim und seinen damaligen Chefdirigenten Sebastian Tewinkel. Der Interpretation des im englischen Konzertleben in der Originalgestalt äußerst bekannte Werks durch die Uraufführungsinterpreten eignet hier eine eher intime Note, die der reichen Farbigkeit des Originals (und der Fassung für Orchester) eher entgegensteht. Bostock versucht dem Werk jene Ecken und Kanten zu geben, die auch Elgars 'Introduktion und Allegro für Streicher' und dessen Streicherserenade auszeichnet, ohne den intimen Charakter zu diskreditieren. Der Spagat gelingt nicht immer – manche Tempi scheinen bewusst zu zurückhaltend gewählt, eben um in der Komposition neue Facetten zu entdecken, die dem neuen Medium, dem Streichorchester besser geeignet sind. Manch einer könnte dies auch als Mangel an Frische des Zugangs bekritteln – doch zeigen sich die Qualitäten der neuen Fassung eben anderswo, etwa im langsamen Satz, der so transparent wohl noch nie zu hören war.

Von einem genuinen Mangel an Frische kann man aber bei Hubert Parrys (1848–1918) 'English Suite' sprechen. Wie frisch diese Musik, die wohlgemerkt während des Ersten Weltkriegs entstand, als Parry gesundheitlich schon schwer angegriffen war, klingen kann, kann man anderswo unter dem greisen Sir Adrian Boult hören, der Jacobs Orchestrierung der Elgar-Orgelsonate uraufgeführt hatte. Im direkten Vergleich wirkt die Neueinspielung nahezu buchstabiert, ohne Boults (oder auch Richard Hickox‘) mitreißende Verve, um nur die Referenzeinspielung(en) der Vergangenheit zu erwähnen. Dies soll die Klangkultur des Südwestdeutsche Kammerorchesters nicht in Abrede stellen, eher die Hingabe, die auch diese Musik benötigt, um rundum lebendig zu werden. Parrys Musik ist schwierig zu interpretieren – man muss das kompositorische Idiom kennen oder verstehen und dies auch Musikern vermitteln können, die in diesem Repertoire eher fremd sind. So ist die vorliegende CD nicht in allen Punkten rundum ‚neue Referenz‘ – aber weit davon entfernt von jedem Mittelmaß. Eine gute, wichtige, in puncto Jacob unverzichtbare Veröffentlichung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    British Music for Strings I: Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim, Douglas Bostock

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203538225


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Elgar, Edward
 - Organ Sonata in G op.28 - Allegro maestoso
 - Organ Sonata in G op.28 - Allegretto
 - Organ Sonata in G op.28 - Andante expressivo
 - Organ Sonata in G op.28 - Presto
Jacob, Gordon
 - A Symphony for Strings - Andante maestoso
 - A Symphony for Strings - Andante espressivo
 - A Symphony for Strings - Allegro molti vivace
Parry, Sir Hubert
 - An English Suite - Prelude
 - An English Suite - In Minuet Stype
 - An English Suite - Sraband
 - An English Suite - Caprice
 - An English Suite - Pastoral
 - An English Suite - Air
 - An English Suite - Finale


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Dirigent(en):Bostock, Douglas
Orchester/Ensemble:Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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