> > > J.S.Bach: St. John Passion: Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki
Freitag, 5. März 2021

J.S.Bach: St. John Passion - Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

Mit Distanz und kühler Betrachtung


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In vielen Punkten ist Suzukis vorliegende Aufnahme der Johannes-Passion reizvoll, gerade hinsichtlich des Orchesters, eines starken Evangelisten und eines Bass-Solisten zum Niederknien.

In den ersten Tagen des deutschen Lockdowns im März 2020 entstand in Köln noch eine Neueinspielung von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion – mit voller Chor- und Orchesterbesetzung. Das ist ein Umstand, den man momentan in Zeiten der kleinen Kammerfassungen kaum noch gewohnt ist. Stabführend bei diesem Projekt ist der Dirigent Masaaki Suzuki, der hier mit seinem Originalklangensemble, dem Bach Collegium Japan, seine schon umfassende Bach-Diskografie erweitert. Das Label BIS hat die Aufnahme auf zwei klanglich einwandfreien SACDs herausgebracht.

Sogwirkung

Suzukis Johannes-Passion atmet vor allen Dingen große Klarheit. Durchsichtig ist der Orchesterklang, wunderbar homogen die zahlreichen Chöre, bei denen das Vokalensemble des Bach Collegiums Japan auch von den Solisten verstärkt wird. Schon der Eingangschor entwickelt jene unwiderstehliche Sogwirkung, die den Hörer unmittelbar gefangen nimmt und auf das biblische Geschehen einstimmt. Das liegt zum einen an Bachs genialer Komposition, aber auch am Drive, den Suzuki und seine Musiker entfachen, ohne jedoch mutig in unerhörte Grenzgebiete der Interpretationsmöglichkeiten vorzustoßen. Auch tut sich die vorliegende Einspielung mit jeglicher Form von Emotionalität schwer. Man darf dahinter ein gewolltes Konzept vermuten, denn nahezu alle Solisten ziehen in dieser Hinsicht an einem Strang.

An der Spitze des Ensembles steht der äußerst routinierte Evangelist von James Gilchrist mit hellem, feingliedrigem Tenor. Da ist jeder Satz genauestens durchdacht, jede Phrasierung ebenso tadellos wie die entwaffnende Diktion des Künstlers. Niemals käme man auf den Gedanken, dass hier kein Muttersprachler am Werk ist. Gilchrists Vortrag hat eine leichte Neigung zum Anämischen, er zeigt aber deutlich, wie kraftvoll in dieser distanzierten Erzählweise die Bilder dennoch sein können. Lautmalerisch macht er die physische Gewalt hörbar, färbt lebendige Situationen mit Nachdruck, legt gelegentlich einen kunstvollen Funken Entrüstung in seine Stimme, ohne jedoch wirkliche Involviertheit zu vermitteln. In erster Linie bleibt er aber ein Berichterstatter, der von außen auf das Geschehen blickt. Das beeindruckt in seiner Konsequenz und passt hervorragend zum akustischen Gesamtbild der Einspielung.

Spitz und effektvoll

Hana Blažíková stattet die Sopranpartie mit kristallinen Tönen und instrumentalem Feinschliff aus. Auch ihr Gesang nimmt von nachdrücklicher Emotionalität Abstand, was allerdings auch zur Folge hat, dass ihre Arien eine irritierende Kühle nicht verbergen können. Recht spitz, aber auch effektvoll entrückt gelingt ihr das ‚Zerfließe, mein Herze‘. In der Textverständlichkeit bleibt sie hinter Gilchrist deutlich zurück. Dieses Schicksal teilt sie aber mit dem Tenor Zachary Wilder und dem Altisten Damien Guillon. Letzterer verfügt über ein reizvolles Timbre, bleibt aber bei seinen beiden Arien in artifizieller Distanz leider zu blass. Zachary Wilder hält wenig von der scheinbar konzeptionell festgelegten Kühle. Leidenschaftlich und recht opernhaft wirft er sich mit großer Geste ins Zeug, was wiederum ins andere Extrem umzuschlagen droht. Die schöne Stimme besitzt Schmelz und Glanz, aber auch einen unüberhörbaren Knödel.

Für den starken Evangelisten von James Gilchrist gibt es nur einen wirklich kongenialen Partner: den Bass Christian Immler. Er ist die eigentliche Attraktion dieser neuen Johannes-Passion. Ihm gelingt das Kunststück, einen stilistisch versierten Weg zwischen Deklamation, kunstvoller Distanz und emotionaler Durchdringung zu finden. Das, was auch dem Bach Collegium Japan an seinen Instrumenten gelingt, zaubert Immler in seinem Gesang. Er nutzt dabei eine Spur mehr Vibrato als seine vokalen Mitstreiter, dosiert es aber so klug, dass das Gefühl weniger ihn selbst als vielmehr die Zuhörer erfasst. Als Jesus formt er einen unmittelbar fassbaren Charakter, in den Bass-Arien rührt er ans Herz. 'Mein teurer Heiland, lass dich fragen' besitzt Gänsehaut-Garantie.

In vielen Punkten ist Suzukis vorliegende Aufnahme der Johannes-Passion reizvoll, gerade in Bezug auf das Orchester, sowie Immler und Gilchrist. Von den klangvollen und schön ausbalancierten Chören versteht man leider viel zu wenig Text und verliert den Inhalt. Die übrigen Solisten bleiben bei aller Stimmschönheit und stilistischen Versiertheit hinter den starken Leistungen der benannten Kollegen zurück.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    J.S.Bach: St. John Passion: Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

Label:
Anzahl Medien:
BIS Records
2
Medium:
EAN:

CD SACD
7318599925516


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Bach, Johann Sebastian


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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