> > > William Alwyn: Miss Julie: BBC Symphony Orchestra, Sakari Oramo
Montag, 29. November 2021

William Alwyn: Miss Julie - BBC Symphony Orchestra, Sakari Oramo

Strindberg-Vertonung


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Neuaufnahme von William Alwyns 'Miss Julie' macht deutlich, dass diese Oper auf die Bühne gehört.

August Strindbergs Tragödie 'Fräulein Julie', die er 1888 publizierte, durfte anfangs nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegeben werden. Die Zensur verbot das provozierende Kammerspiel, das die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Rolle der Frau in einer zerstörerischen Beziehung hinterfragt. Fräulein Julie, eine junge Gräfin, verbringt im Mittsommernachtsrausch eine Liebesnacht mit dem Diener Jean. Was als erotisches Geplänkel beginnt, mündet in einen quälenden Kampf der Klassen und Geschlechter, den Julie verliert. Jean, der mit ihrer Hilfe und ihrem Geld aufsteigen will, treibt sie kalt in den Selbstmord.

Das damalige Skandalstück gehört heute zum Theater-Standardrepertoire, es wurde mehrmals verfilmt, vertanzt und vertont. Gleich fünf Opernversionen gibt es, von denen eine von dem künstlerisch vielseitigen William Alwyn (1905–1985) stammt. Der Brite startete seine Karriere als Soloflötist beim London Symphony Orchestra, wurde hauptsächlich für seine rund 200 Kino-Soundtracks bekannt, schrieb aber auch Sinfonien, Konzerte für diverse Soloinstrumente, Vokal- und Kammermusik. Daneben malte und dichtete er, war Kunstsammler und bekleidete wichtige administrative Positionen. 'Miss Julie' ist die letzte von Alwyns vier Opern und sie zeigt alle Qualitäten des versierten Filmkomponisten. Die stark atmosphärische, immer tonale Partitur illustriert die äußeren Aktionen und unterstreicht die Seelenzustände der Personen, deren Arien und Duette den Text musikalisch genau wiederspiegeln. Den Bezug zur Handlungszeit am Ende des 19. Jahrhunderts stellen die leitmotivisch eingesetzten Walzermelodien her, in denen die allgegenwärtige Feier der Mittsommernacht aufglimmt.

Gelungene Rehabilitation

Ihre Uraufführung erlebte 'Miss Julie' 1977 im Rahmen einer mit Jill Gomez, Benjamin Luxon, Della Jones und Anthony Rolfe Johnson renommiert besetzten BBC-Produktion, die kurz danach mit dem fast identischen Ensemble für das Label Lyrita eingespielt wurde. Szenisch gab es 'Miss Julie' erst 1992 in einem Off-Theater in Kopenhagen, dann 1997 im ostenglischen Norwich. Obschon die Oper geradezu auf die Bühne drängt, ist der rein akustische Eindruck fesselnd, wie die neue Gesamtaufnahme, die im Zusammenhang mit einer semi-konzertanten Aufführung im Oktober 2019 in London entstand, exemplarisch vorführt.

Anna Patalong hat sich die Julie total einverleibt und lotet alle Facetten dieser verunsicherten Frau mit wandlungsfähigem, höhenstarkem Sopran aus. Wie sie zusammen mit dem Bariton Benedict Nelson, dessen Jean Verführungskraft gepaart mit Brutalität ausstrahlt, die Abgründe der Beziehung mit subtilsten Untertönen beglaubigt, ist großes Musiktheater. Differenzierte Charakterstudien gelingen auch Rosie Aldridge als aufmüpfige Köchin Kristin und Samuel Sakker als Trunkenbold Ulrik – eine Figur, die Alwyn als sein eigener Librettist eingefügt hat. Der Dirigent Sakari Orama baut mit dem BBC Symphony Orchestra eine nicht nachlassende Spannung auf, legt die sinnlich-romantischen Strukturen frei und achtet dabei immer auf Transparenz, die von der Tontechnik optimal eingefangen wird. Die Einspielung, der ein dreisprachiges Booklet mit gutem Einführungstext und Libretto beiliegt, ist nicht nur eine gelungene Rehabilitation der vernachlässigten Oper, sondern auch eine Aufforderung an Dramaturgen, das Stück zu spielen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    William Alwyn: Miss Julie: BBC Symphony Orchestra, Sakari Oramo

Label:
Anzahl Medien:
Chandos
2
Medium:
EAN:

CD
095115525326


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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