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Donnerstag, 26. November 2020

Nu Gey - Ikh Bleyb - Yeddish Songs by Mordechai Gebirtig

Ein fast vergessener jiddischer Komponist und Textdichter


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Lieder des jüdischen Tischlers Mordechai Gebirtig aus Krakau haben ihren Autor überdauert und liegen nun in einer maßstäblichen Interpretation vor.

Mordechai Gebirtig wurde 1877 geboren. Zusammen mit einem Künstlerkollegen wurde er am 4. Juni 1942 im Ghetto von Krakau von einem deutschen Besatzungssoldaten auf offener Straße erschossen. Das künstlerische Vermächtnis des Tischlers umfasst 170 Lieder – umso erstaunlicher, als der Dichterkomponist Autodidakt war und sich seine Lieder auf einer Flöte vorspielen musste. Es gelang ihm dabei, die jiddische Kultur des Ostjudentums darzustellen und zu bereichern – eine Kultur, die von den Nationalsozialisten gnadenlos zerstört wurde. Seine Lieder umfassen viele Aspekte des menschlichen Lebens und des Zusammenlebens im Schtetl, also in einer vornehmlich jüdischen Ansiedlung. Sie sind eingängig, mehr Folklore als Klassik, aber Note für Note, Wort für Wort meisterhaft gestaltet.

Breite Palette

Vorliegende CD bringt eine repräsentative Auswahl von 19 Liedern. Liebeslieder sind dabei, Schlaflieder, Porträts von jüdischen Originalen wie dem Taschendieb Avreml, nostalgische Rückblicke auf die Kindheit. Die israelische Sängerin Dalia Schaechter und der Opernregisseur Christian von Götz erwecken diese im deutschen Sprachraum fast völlig unbekannten Lieder – und wie sie das tut, ist bewundernswert und bewegend. Die Sängerin verfügt über eine breite Palette von Ausdrucksmöglichkeiten, die sie unprätentiös einsetzt – es geht nicht um ihre zweifellos vorhandenen und hörbaren sängerischen Fähigkeiten, im Vordergrund steht das Mitfühlen mit den Menschen im Schtetl und ihren Nöten. Die Spannung zwischen Klage und resignierender Hinnahme des Unabänderlichen, zwischen verzweifelter Bedrängnis und überschäumender Lebensfreude wird anrührend und mit großer Gestaltungskraft wiedergegeben. Die meisten Lieder sind von stillem oder auch lautem Schmerz durchzogen, von der so schwierigen Existenz als eine Minderheit in wenig gastfreundlichen Gastländern.

Gleich das erste Lied, 'Hej klezmorim' (He, ihr Musiker) wartetet mit einer Überraschung auf. Andere Interpreten legen sogleich ein wildes tänzerisches Tempo vor. Dalia Schaechter dagegen beginnt das Lied ganz leise und ganz langsam, jede Silbe auskostend. Aber dann nimmt auch sie den tänzerischen Impuls des Liedes auf. Dadurch wird der wilde Rhythmus noch mehr betont als bei den anderen Interpreten. Der Gitarrist steuert perkussive Elemente bei. Ein anderes Beispiel ist das Lied 'Reyzele' (Röschen). Der Sängerin gelingt es hier, auf engem Raum drei Charaktere glaubhaft darzustellen: den verliebten Jungen, der nach seiner Geliebten ruft, die junge Frau, die ihm antwortet, und die Mutter, die das alles mit argwöhnischen Augen betrachtet. Wenn am Ende der junger Mann traurig seine Straße zieht, fühlt man mit ihm. Eindringlich wird das brennende Schtetl beklagt – ein Lied, dessen Aktualität auf der Hand liegt. Ihre sozusagen schauspielenden Talente, sofern man bei einer akustischen Aufnahme davon reden kann, kommt besonders im Gespräch zwischen zwei Jungen zur Geltung, die darüber streiten, ob man bei dem schönen Wetter nicht lieber im Freien ist als in der muffigen Schulstube. Wo es angemessen ist, kann Dalia Schaechter auch im Belcanto singen. In anderen Nummern vollführt die Sängerin mitreißend eine Art jüdischem Scat.

In einer Nummer singt Dalia Schaechter mit sich selbst zweistimmig im Playback-Verfahren, obwohl das an dieser Stelle kein Plus an musikalischer Substanz hervorbringt. Der Gitarrist begleitet zuverlässig rhythmisch genau, oft auch mitreißend. Manchmal spielt er ein wenig eintönig. Das Booklet bringt deutsche Inhaltsangeben und auf Jiddisch die Texte. Eine wörtliche Übersetzung parallel zum jiddischen Text gesetzt wäre hier hilfreich gewesen. Das sind drei kleine Einwände, die den überaus positiven Gesamteindruck der CD in keiner Weise schmälern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nu Gey - Ikh Bleyb: Yeddish Songs by Mordechai Gebirtig

Label:
Anzahl Medien:
ARS Produktion
1
Medium:
EAN:

CD
4260052385784


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Gebirtig, Mordechai


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
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