> > > Arvo Pärt: Lamentate: Lithuanian National Symphony Orchestra, Modestas Pitrenas
Sonntag, 17. Oktober 2021

Arvo Pärt: Lamentate - Lithuanian National Symphony Orchestra, Modestas Pitrenas

Pärt aus Litauen


Label/Verlag: ACCENTUS Music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Arvo Pärt instrumental: Gerade in den vergangenen Jahren haben doch Reflexionen zum Vokalen mit Blick auf das Werk des estnischen Meisters dominiert. Auch insofern eine erfreuliche Geburtstagsplatte aus Litauen.

Eine weitere feine Platte ist aus Anlass des 85. Geburtstag Arvo Pärts im Jahr 2020 entstanden: Das von Modestas Pitrėnas geleitete Nationale Litauische Sinfonieorchester hat beim Label Accentus Music gemeinsam mit der jungen Pianistin Onutė Gražinytė ein reines Instrumentalprogramm vorgelegt. Dominiert wird es vom 2002 entstandenen 'Lamentate', das Pärt unter dem Eindruck der Riesenskulptur 'Marsyas' schrieb, die Anish Kapoor in der Londoner Tate ausstellte: Einhundertfünfzig Meter lang, zehn Stockwerke hoch, regte es Pärt zu Gedanken über die eigene Existenz an, über die Position des Menschen in der Welt, über Zeitlosigkeit. Ein Stück für die Lebenden, die sich dem Gedanken an die eigene Vergänglichkeit stellen. Es ist personalstilistisch – natürlich, möchte man sagen – kenntlich, der luzide Klavierpart ist strukturklar gestaltet, mit Gewicht für jede einzelne Note. Es werden echte Orchestergesten entfaltet, sogar dynamisch und affektiv avancierte, doch ist diese energisch gesteigerte Welt nicht die eigentliche Umgebung Pärts. Eher sind es orchestral die extrem weitlagigen Streicherakkorde, die in nordischer Kühle den weiten Horizont evozieren, die prägen und eigenwillig sind. Noch etwas fällt auf: In Kenntnis etlicher der großen Vokalwerke Pärts lässt sich der Orchestersatz ohne substanzielle Transformation auch chorisch oder mit erheblichen vokalen Anteilen vorstellen – zu ähnlich sind Idiom und Gestaltung des Materials.

Ergänzt wird dieses Schwergewicht durch einige der emblematisch am Beginn der Tintinnabuli-Phase Pärts stehenden Werke für Klavier: 'Für Alina' von 1976 und 'Pari Intervallo' aus demselben Jahr sowie 'Variationen zur Gesundung von Arinuschka' von 1977, dazu 'Fratres' für Klavier und Violoncello aus dem Jahr 1989, ergänzt um das ähnlich gebaute 'Für Anna Maria' in zwei Varianten von 2006. Dazu am Schluss, gleichsam als interpretatorischer Sonderfall, das 'Vater unser' von 2005, in dem Onutė Gražinytė ihren Klavierpart mit schlankem, mädchenhaftem Sopran rezitierend kontrapunktiert. Auch hier also, im instrumentalen Bereich: Pärt nicht ganz ohne die für sein Werk im Grunde unverzichtbare menschliche Stimme.

Souverän und gelassen

Die Mittzwanzigerin Onutė Gražinytė spielt ihren Part hochkonzentriert, mit überwiegend plastisch geformten Gesten, angemessen feinsinnig, aber nicht zaghaft: Sie findet einen erkennbar tragfähigen Zugang zu Pärts Idiom. Gerade für das Drängen der Jugend nicht selbstverständlich, ist sie doch souverän, gelassen, im künstlerisch positivsten Sinne selbstsicher und erstaunlich geduldig: Pärts Musik ist auch instrumentalsolistisch nichts mit großer, prunkender Geste abzugewinnen; nie wird technische Brillanz überhaupt nur zum Thema, kann das klassische pianistische Feuerwerk gezündet werden. Geduld also, und Klangsinn, den sie bei 'Fratres' im Zusammenspiel mit dem neuseeländischen Cellisten Edward King entfaltet, prägen die Szene.

Das Nationale Litauische Sinfonieorchester lässt unter der Leitung von Modestas Pitrėnas viel konzentrierte Delikatesse hören: Jede klangliche Manifestation ist dezidiert gesetzt, nichts wirkt einfach nur schön oder richtig gespielt – jede Note, jeder vielleicht auch schüchtern wirkende Zusammenklang ist wichtig. Die Streicher stehen mit präzisem, klarem Ton im Vordergrund und bilden das klingende Kontinuum. Bläser und ein gelegentlich präsentes Schlagwerk kontrastieren dazu gelungen. Die Tempi, in denen Modestas Pitrėnas 'Lamentate' musizieren lässt, sind überwiegende gesammelt, so dass gelegentlich inszeniertes Drängen deutlichen Effekt macht. Dynamisch wird das, was Arvo Pärt in seinem orchestral-klavieristischen Werk ausdeutet, aufgegriffen, in dieser Haltung manchem seiner großen chorsinfonischen Arbeiten verwandt – wie schon angedeutet: Pärt nicht nur als Meister der Stille. Letzteres aber doch sehr deutlich, und auch in größerer Besetzung. Das Klangbild der Einspielung nimmt im 'Lamentate' die Größe der Besetzung auf, ist aber auch hier grundsätzlich von der Fähigkeit zum Abbild des Feinen, Gespinsthaften gekennzeichnet und entspricht damit Pärt und seinen ästhetischen Ambitionen sehr deutlich.

Arvo Pärt instrumental: Gerade in den vergangenen Jahren haben doch Reflexionen zum Vokalen mit Blick auf das Werk des estnischen Meisters dominiert. Auch insofern eine erfreuliche Geburtstagsplatte aus Litauen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Arvo Pärt: Lamentate: Lithuanian National Symphony Orchestra, Modestas Pitrenas

Label:
Anzahl Medien:
ACCENTUS Music
1
Medium:
EAN:

CD
4260234832396


Cover vergössern

Pärt, Arvo


Cover vergössern

ACCENTUS Music

ACCENTUS Music wurde 2010 als Produktionsfirma mit einem sehr erfahrenen Team aus Produzenten, Regisseuren, Kameraleuten, Tonmeistern und Cuttern und als gleichnamiges DVD Label auf dem Klassikmarkt gegründet. Die Firma mit Sitz in der Musikstadt Leipzig, unweit der Thomaskirche, produziert weltweit erstklassige Konzertereignisse, Opern sowie Künstlerportraits und Dokumentarfilme. Auf den DVD- und Blu-ray Veröffentlichungen finden sich herausragende Künstler wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Evgeny Kissin, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Pierre Boulez, Joshua Bell, Lucerne Festival Orchestra, New York Philharmonic und das Simón Bolívar Jugendorchester. ACCENTUS Music erfüllt sowohl künstlerisch wie auch technisch höchste Ansprüche von Klassik-Liebhabern rund um den Globus.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ACCENTUS Music:

blättern

Alle Kritiken von ACCENTUS Music...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Cembalistische Variationskunst: Bachs Goldberg-Variationen: Was man in jedem Takt hören kann, ist Bachs tiefe Inspiration – hier mit Raum zum Atmen und sublimer Virtuosität von Michel Kiener verlebendigt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Mehr als nur der Onkel: Andrea Gabrieli als bedeutender schöpferischer Musiker an einem neuralgischen Ort der Musikgeschichte in hochinteressanter Zeit. Manfred Cordes und Weser-Renaissance Bremen setzen mit dieser Platte ein echtes Ausrufezeichen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Orgelsinfonik: Hansjörg Albrecht gelingt die fabelhaft bildkräftige Deutung einer substanziell zutreffenden Orgeltranskription der ersten Bruckner-Sinfonie. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Brahms mit Leidenschaft: Daniel Müller-Schott (Violoncello) und Francesco Piemontesi (Klavier) ergänzen sich nobel bei drei Sonaten von Johannes Brahms. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Idyllisches 20. Jahrhundert: Der Klarinettist Joë Christophe hat eine CD mit Musik des 20. Jahrhunderts aufgenommen – und nennt sie 'Idylle'. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Eine Art Salzburger 'Sommernachtstraum': Mit diesem 'Endimione' kommt man als interessierte Hörerschaft der stilistischen Vielfalt und dem Ideenreichtums Michael Haydns ein interessantes Stück näher. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich