> > > Mariss Jansons dirigiert Anton Bruckner: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Dienstag, 26. Januar 2021

Mariss Jansons dirigiert Anton Bruckner - Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Wertvolles Dokument


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die neue Bruckner-Box des BRSO unter Mariss Jansons reflektiert eine bedeutende Ära.

Aus den Jahren 2005-2017 stammen die der vorliegenden, beim Label BR Klassik neu erschienenen Bruckner-Box zu Grunde liegenden Aufnahmen. Enthalten sind insgesamt sechs Symphonien, bei sämtlichen Einspielungen handelt es sich um Live-Mitschnitte – ganz überwiegend aus der Philharmonie im Münchner Gasteig, lediglich die Siebte wurde im Großen Saal des Wiener Musikvereins aufgenommen. In ausnahmslos allen Fällen, und schon das macht die Produktion zu einem wertvollen Dokument, steht Chefdirigent Mariss Jansons am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. 

Meisterhafte Dosierung

Das früheste gemeinsam festgehaltene Bruckner-Erarbeitung ist die Symphonie Nr. 3 d-Moll WAB 103 (bislang lediglich in einer anderweitigen Edition erhältlich). Schon darin beweist Jansons, dass er ein Meister in der Darstellung von Bruckners sprunghaft wechselnden dynamischen Dosierungen und seiner komplexen musikalischen Architektur ist. Polternden Blechfanfaren verhilft er ebenso zur stilsicheren Geltung wie – bei Bruckner denkbar weit geschwungenen – melodischen Bögen oder federnder Rhythmik im Trio. Die einzige, wenn man so will ‚Schwachstelle‘ der Box ist, um es an dieser Stelle vorwegzunehmen, vielleicht die (von Bruckner selbst) sogenannte 'Romantische', Sinfonie Nr. 4 WAB 104. Von Anfang an etwas verhalten gerät deren Tonfall. Schon das Tempo des Kopfsatzes wirkt etwas unvorteilhaft zurückgenommen, insgesamt hat man ein wenig den Eindruck, als fänden die Emotionen nicht ganz ihr Ventil. Die exzeptionellen Qualitäten von Jansons und ‚seinem‘ BRSO scheinen aber auch hier immer wieder durch, beispielsweise im wunderbar ausgesungenen Choralthema des zweiten Satzes.

Diskographische Premiere

Erstmalig überhaupt mit den Beteiligten auf CD erschienen ist in dieser Ausgabe die Symphonie Nr. 6 A-Dur WAB 106. Hier wiederum stimmen dramaturgische und klangliche Formgebung über die gesamte Distanz. Jansons und das BRSO verstehen es, ausladende Klanggestik gleichermaßen auf den Punkt zu bringen wie zart besaitete Melodik und mitunter regelrecht in sich zusammenfallende Dynamik. Prägnante Phrasierung, trennscharfe Stimmführung und adäquat innehaltende Atempausen findet man im Kopfsatz der E-Dur-Symphonie WAB 107, durchdringende Intensität besitzt dort das 'Adagio', kraftstrotzendes rhythmisches Charisma das 'Scherzo'. Das 'Finale' vereinigt tänzerisch anmutende Eleganz mit voluminös strahlender Choralkraft zu einer fesselnden Synthese. Gleiches gilt für die Symphonie Nr. 8 c-Moll WAB 108 in der gängigen 1890er-Fassung, in der Jansons raumgreifende Crescendi modelliert und Bruckners längsten Symphoniesatz mit tief empfundener Innigkeit und in der Vortragsbezeichnung geforderter, feierlich angemessener Würde schweben lässt. Ein apotheotisch mitreißender Sog entlädt sich im 'Finale'. Wie genau sich Jansons an den Vortragsbezeichnungen der Partitur orientiert, kann man besonders gut auch in der Symphonie Nr. 9 d-Moll WAB 109 (in der Fassung von 1894) verfolgen. Die Kunst dabei: Er vergisst nicht, aus dem Moment heraus musizierte, individuelle Impulse zu setzen und emotionale Intensität zu erzeugen.

Neue Blickrichtung

Bei den Schlagworten ‚München‘ und ‚Bruckner‘ fällt einem spontan gern die Amtszeit von Sergiu Celibidache als Chef der Münchner Philharmonikern ein: Zu so etwas wie seinem persönlichen musikalischen Markenzeichen hatte der Rumäne seine Bruckner-Interpretationen gemacht. Dass diese stilistisch keineswegs unangreifbar und teils nicht zu Unrecht umstritten waren, sollte man bei allem Respekt vor diesen Bruckner-Errungenschaften nicht vergessen. Allein schon deshalb ist diese Edition von großer Bedeutung, weil sie gebündelt aufzeigt, wie lohnend es ist, den insoweit assoziativen Blick auch auf die Ära des BRSO unter Mariss Jansons zu richten, die diese wirklich hochkarätigen – im Zweifel sicherlich weniger diskussionswürdigen – Bruckner-Aufnahmen hervorgebracht hat. Bleibt als vielsagendes Fazit: Schade, dass nicht auch die Erste, Zweite, Fünfte und ‚Nullte‘ enthalten bzw. vom BRSO unter Jansons eingespielt worden sind!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mariss Jansons dirigiert Anton Bruckner: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
BR-Klassik
6
02.10.2020
384:45
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719007183
900718


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Bruckner, Anton


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"MARISS JANSONS DIRIGIERT ANTON BRUCKNER Bruckners Symphonien sind das Rückgrat der spätromantischen Symphonik. Die Gattung der Symphonie hat er gewissermaßen neu erfunden, an die sich nach den richtungsweisenden Meisterwerken Beethovens, die als Höhe- und Schlusspunkt verstanden wurden, kein anderer herangewagt hatte: nicht Liszt und nicht Wagner. Erst Bruckner und (etwas später) Brahms suchten und fanden neue Ansätze zu einer Wiederbelebung und Weiterentwicklung der Gattung. Dabei war Bruckners Ansatz vollkommen neuartig: Er setzte von vornherein auf das Klangbild des großen Orchesters, wobei er die einzelnen Instrumentengruppen weniger vermischte, sondern nach Art der Orgelregister (die ihm als Organisten wohlvertraut waren) voneinander abgrenzte oder miteinander koppelte. Auch die Terrassendynamik, das unmittelbare Nebeneinander von Piano und Forte ohne Übergang, leitete Bruckner von der Orgelmusik ab. Diese und andere Elemente der Barockmusik, mit der er als Kirchenmusiker engen Kontakt hatte, sind in seine Symphonien eingeflossen. Hinsichtlich des dramaturgischen Verlaufs orientierte er sich an Schubert. Aus der organischen Fortführung und wechselseitigen Verbindung der Themen, die er jenem abgeschaut hatte, erklärt sich auch die vorher nicht dagewesene Aufführungslänge seiner Symphonien. Die Symphonien Anton Bruckners waren eine Konstante im Repertoire von Mariss Jansons und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Die vorhandenen Einspielungen – nahezu sämtliche großen Bruckner-Symphonien – bieten indes wichtige Dokumente zu seinem Werkverständnis, und die lange Bruckner-Tradition des BRSO hat wesentlich zur hohen musikalischen Qualität dieser Aufnahmen beigetragen. Penibel genau folgte Jansons den Partituren; das Abhören einer Aufnahme mit der Partitur offenbart immer wieder, wie „buchstaben- und notengetreu“ er diese Werke mit den Musikern seines Orchesters einstudiert hat. Die neu vorgelegte Box von BR-KLASSIK beinhaltet die Aufnahmen der 3., 4., 6., 7., 8. und 9. Symphonie auf insgesamt sechs CDs. Sie wurden zwischen 2005 und 2017 live mitgeschnitten. Die Aufnahme der Sechsten Symphonie erscheint hier erstmals auf CD; die der Dritten wurde bislang nur innerhalb der Bruckner-Box 900716 veröffentlicht. Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Mariss Jansons, Leitung "


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 150 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm konnte der Bayerische Rundfunk einen erfolgreichen, externen Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Spotify u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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