> > > Mozart Requiem d-Moll KV 626: Chor des Bayerischen Rundfunks, Akademie für Alte Musik Berlin, Howard Arman
Samstag, 5. Dezember 2020

Mozart Requiem d-Moll KV 626 - Chor des Bayerischen Rundfunks, Akademie für Alte Musik Berlin, Howard Arman

Spannend wie ein Krimi


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Produktion eröffnet eine wissenschaftlich fundierte, völlig neue Sicht auf Mozarts Requiem.

Um kaum ein anderes Werk ranken sich so viele Spekulationen und Mythen wie um Mozarts Requiem KV 626. Beim Label BR Klassik ist eine Doppel-CD erschienen, die sich auf ganz besondere Weise damit auseinandersetzt. Zusätzlich zur vom Januar dieses Jahres datierenden Live-Aufnahme der Seelenmesse aus dem Herkulessaal der Münchner Residenz gibt es eine ausführlich erläuternde Einführung. Darin werden zum einen anhand präziser Auswertung der Fakten- und Quellenlage Entstehungsprozess und Rezeptionsgeschichte umfassend beleuchtet. Zum anderen gibt Howard Arman, seit 2016 künstlerischer Leiter des Chores des Bayerischen Rundfunks, einen tiefen Einblick in die Vervollständigungsarbeit, für die er in der vorliegenden Interpretation verantwortlich zeichnet. ‚Den Bereich der Vermutung so klein wie möglich zu halten‘, sei, so der Brite, dabei seine Zielsetzung gewesen. Wovon er spricht, weiß Arman ganz genau – seit ca. 20 Jahren hat er sich eingehend mit dem Werk befasst, nach und nach reifte dabei sein Anliegen, eine Fassung zu konzipieren, die der Summe aller vorliegenden Erkenntnisse bestmöglich Rechnung trägt. So sieht er etwa die von Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr vorgenommenen Vervollständigungen durchaus kritisch – sind diese doch durchaus nicht über satztechnische Mängel erhaben.

Aufführungspraktischer Kunstgriff

Herausgekommen ist dabei u. a. ein völlig neuer Kunstgriff. Die größte fragmentarische Lücke ergibt sich bei Mozart von jeher im nach gerade einmal acht Takten abbrechenden 'Lacrimosa'-Entwurf. Mutmaßlich mit hoher Wahrscheinlichkeit von Mozart gewollt war zudem eine sich nach allgemein üblichen kirchenmusikalischen Grundsätzen anschließende Fuge zur Hervorhebung des ‚Amen‘. Eine solche fehlt bei Süßmayr gänzlich, gefunden wurde eine aus der Feder Mozarts stammende lose Skizze zu einer derartigen ‚Amen‘-Fuge jedoch sehr wohl. Deren Bezug zum Requiem lässt sich zwar nicht unmittelbar nachweisen, aber aus diversen äußeren und inneren Merkmalen (Tonart/thematische Verwandtschaft) schlüssig ableiten. Eben diese Skizze hat Arman überaus kompetent vollständig ausgearbeitet und nach dem 'Lacrimosa' eingegliedert. An dessen Ende antizipiert er wiederum sinnfällig das Fugen-Thema in der Sopranstimme. Auch formal hat er in Anlehnung an Mozarts Arbeitsweise einer Gesamtzahl von genau 100 Takten für 'Lacrimosa' und Fuge kunstvoll Rechnung getragen. Das alles wohlgemerkt im bekennenden Bewusstsein, dass man dem Genie Mozart mittels nachschöpferischer Eingriffe selbstredend niemals adäquat gerecht werden kann. Ein meisterhaft konzipierter und durchdachter, völlig neuer Beitrag zur aufführungspraktischen Mozartforschung ist ihm mit seinen Ergänzungen ohne Frage dennoch gelungen.

Musikalische Brücke

Darüber hinaus lässt Arman nach dem üblicherweise abschließenden 'Communio' das 'Libera me, Domine' des zu Lebzeiten hochgeschätzten und anerkannten Salzburger Komponisten und Mozart-Zeitgenossen Sigismund Ritter von Neukomm (1778-1858) erklingen, der damit seinerseits versucht hat, Mozarts Fragment musikalisch abzurunden. Auf diese Weise schlägt er eine Brücke zu Mozarts unmittelbarem musikalischen Umfeld, auch die Tonart d-Moll passt in den Kontext des Requiems. Weiter hervorzuheben: Die Produktion scheut nicht die Mühe, im Rahmen der werkeinführenden Erläuterungen die fragmentarischen Abschnitte für sich genommen einzuspielen, so dass sich der Hörer an mehreren Stellen ein klangliches Bild vom original vorhandenen Grundgerüst machen kann. Auch harmonische Bedeutungen und Zusammenhänge rücken die Erklärungen in ein erhellendes Licht. Nicht zuletzt deshalb geraten die aus insgesamt 16 Kapiteln bestehenden Ausführungen nicht zur dogmatisch trockenen Lehrstunde, sondern sind – auch dank der erzählerisch lebendigen Präsentation durch Christian Baumann – spannend wie ein Krimi.

Dezidierte Klangsphären

Hinzu kommt eine musikalisch exzellente Ausführung. Für einen schlanken, in polyphonen Passagen bestens durchhörbaren Orchesterklang (z. B. 'Kyrie eleison'/'Quam olim Abrahae'), dem aber nie die programmatisch-dramaturgische Intensität (etwa im unwiderstehlichen dynamischen Sog des 'Dies irae') fehlt, sorgt die Berliner Akademie für Alte Musik. Armans musikalische Leitung schafft klangfarblich subtil abgestufte Kontraste zwischen zart schwebendem Pianissimo und feierlich opulenter Strahlkraft im 'Sanctus'. Auch die Wahl der Tempi, etwa im vergleichsweise rasch genommenen 'Rex tremendae', überzeugt.

Glänzend besetzt sind auch die Solostimmen: Christina Landshamer überzeugt mit feiner Technik und schwereloser Phrasierung, Sophie Harmsen mit warmem Mezzo-Timbre. Julian Prégardien (Tenor) gestaltet seine Partie mit natürlich fließender Gesangslinie, Tareq Nazmi (Bass) mit würdevoll-majestätischem Volumen ('Tuba mirum'). Der Chor des Bayerischen Rundfunks beweist mit dezidierten Klangsphären seine Klasse, Arman findet eine jederzeit ausgewogene Balance zwischen seinem Ensemble und den Solisten. Aus, wie im Begleitheft näher erläutert, ‚musikalischen, liturgischen und chronologischen Gründen‘ sind dem Requiem noch die 'Vesperae solennes de confessore' für Soli, Chor Orchester und Orgel C-Dur KV 339 vorangestellt – in derselben musikalischen Qualität. Ein auch sonst umfassend informatives Booklet einschließlich sämtlicher Texte rundet eine außergewöhnliche, unbedingt empfehlenswerte Veröffentlichung ab. Und wer davon nicht genug bekommt: Eine konzeptionell ebenso kompetent aufbereitete Produktion gibt es beim selben Label auch von Mozarts c-Moll-Messe KV 427.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart Requiem d-Moll KV 626: Chor des Bayerischen Rundfunks, Akademie für Alte Musik Berlin, Howard Arman

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
2
02.10.2020
153:41
2020
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719009262
900926


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Mozart, Wolfgang Amadeus
Neukomm, Sigismund,


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"WOLFGANG AMADEUS MOZART REQUIEM D-MOLL KV 626 MIT WERKEINFÜHRUNG Mozarts Requiem d-Moll von 1791 gilt – obwohl als letztes Werk des Komponisten unvollendet – als eine der bedeutendsten Vertonungen der lateinischen Totenmesse überhaupt. Unmittelbar nach Mozarts allzu frühem Tod erarbeitete sein Schüler Franz Xaver Süßmayr eine Vervollständigung, die bis heute wegen ihrer großen Nähe zum Original geschätzt und regelmäßig aufgeführt wird – trotz etlicher im Laufe der Zeit geschaffener neuerer Fassungen, die Süßmayr mal behutsam verbessern oder aber ganz eigenen Ansätzen folgen. – Auf Mozarts Requiem KV 626 von 1791 folgt Sigismund von Neukomms Libera me, Domine, das Responsorium aus der Liturgie der Exequien, welches Neukomm 1821 als liturgische Komplettierung von Mozarts Requiem für eine Aufführung in Rio de Janeiro komponiert hatte - der Salzburger Komponist Neukomm war 1816 nach Brasilien ausgewandert. Die von Howard Arman für den Chor des Bayerischen Rundfunks vorgelegte Fassung basiert auf den überlieferten Quellen Mozarts sowie auf Süßmayrs Ergänzungen; sie kommt an etlichen Stellen aber zu neuen Erkenntnissen, die mit bedachtsamer Vorsicht und demutsvollem Respekt vor Mozarts großartigem Original umgesetzt sind. Im Anschluss an Mozarts Requiem erklingt Neukomms Responsorium Libera me, Domine. Und das Programm beginnt aus musikalischen, liturgischen und chronologischen Gründen mit Mozarts Vesperae solennes de Confessore KV 339 von 1780. Die Psalmen und das Magnificat der Vesperae werden liturgisch von Antiphonen eingerahmt, die der Festtags-Vesper De Confessore Pontifici (zu Ehren eines bekennenden Bischofs) des gregorianischen Liber usualis entnommen sind. Den vom Kantor vorgetragenen Antiphonen folgen Orgelintonationen, die Howard Arman speziell für dieses Projekt geschaffen hat. Mozarts Requiem in der Fassung von Howard Arman kann man sich separat anhören – oder im Zusammenhang mit den Vesperae solennes de Confessore und Neukomms neu dazu komponierten Libera me, Domine. in einer ungewöhnlichen, aber durchaus überzeugenden Zusammenstellung erleben. Die CD gibt das Programm eines Konzerts „in memoriam Mariss Jansons“ wieder; es wurde live am 25. Januar 2020 im Herkulessaal der Münchner Residenz mitgeschnitten. Die hochkarätige Solistenbesetzung besteht aus Christina Landshamer, Sophie Harmsen, Julian Prégardien und Tareq Nazmi; den Chor des Bayerischen Rundfunks und das Originalklang-Ensemble Akademie für Alte Musik Berlin leitet Howard Arman. – Die zweite CD „Wege zur Musik“ bietet eine Werkeinführung zu Mozarts Requiem von Markus Vanhoefer, gesprochen von Christian Baumann, Hans Jürgen Stockerl, Norman Hacker, Franziska Ball und Katja Schild, Diese Werkeinführung wird durch Ausschnitte aus einem aufschlussreichen Interview mit Howard Arman ergänzt. Christina Landshamer, Sopran Sophie Harmsen, Mezzosopran Julian Prégardien, Tenor Tareq Nazmi, Bass Nikolaus Pfannkuch, Kantor der Antiphonen Raphael Alpermann, Orgel Chor des Bayerischen Rundfunks Akademie für Alte Musik Berlin Howard Arman, Leitung "


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 150 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm konnte der Bayerische Rundfunk einen erfolgreichen, externen Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Spotify u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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