> > > Britten, Peter Grimes: Bergen Philharmonic Orchestra and Choirs, Edward Gardner
Dienstag, 26. Januar 2021

Britten, Peter Grimes - Bergen Philharmonic Orchestra and Choirs, Edward Gardner

Mit Glitzern und Tosen


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hier ist eine wichtige, zeitgemäße Neuaufnahme eines Klassikers geglückt.

Benjamin Brittens 'Peter Grimes' ist schon lange ein Klassiker auf den internationalen Opernbühnen. Schnell eroberte sich das Werk nach seiner Uraufführung 1945 einen festen Platz im Repertoire. Neben der hochemotionalen und zugleich klar sezierenden Musik Brittens ist es das stets aktuelle Drama um den Außenseiter Peter Grimes, der keinen Platz in der Gesellschaft finden kann. Unbarmherzig treibt ihn der Mob in den Selbstmord. Die Hauptrolle spielt dabei weniger die Titelfigur als das Meer selbst, nebst den energetischen Chorsequenzen, die auch das Ensemble in Form von fein beobachteten Charakterporträts einschließen. Brittens Musik kennt die kalte Brutalität der Menschen ebenso wie ihre lichten Seiten, er komponiert die zerstörerische Kraft des Meeres, aber auch das Glitzern der Wellen. Und wo Platz für lyrische Melodik ist, tönen auch die gellenden Schreie salzverkrusteter Seelen aus der Tiefe.

Theatrale Hingabe

'Peter Grimes' kann den Zuhörer kaum kalt lassen – schon gar nicht, wenn ein hervorragendes Ensemble und ein musikalischer Leiter mit einer klaren Vision am Start sind. Und genau das ist bei der Neuaufnahme beim Label Chandos der Fall. Sie ist von höchster Authentizität und theatraler Hingabe. Das herrliche Bergen Philharmonic Orchestra kennt das Element Wasser wie kaum ein anderer Klangkörper, sie lassen es mit Verve und Präzision stürmen, regnen und strahlen. Edward Gardner lässt Brittens Partitur so plastisch vor dem inneren Auge erklingen, dass es einem immer wieder den Atem verschlägt. Deutlich ist zu spüren, dass die hier dokumentierte Interpretation auf mehreren halb-konzertanten Aufführungen des 'Peter Grimes' fußt: einige bereits 2017 und dann eben jene im November 2019, in deren Zug diese Einspielung in Bergen entstand. Die szenischen Vorgänge sind bei allen Beteiligten verinnerlicht – man glaubt jede Mimik, jeden Handgriff akustisch zu begreifen –, wo möglich verdeutlichen Zuspieler die lokale Verortung und stützen die Atmosphäre wie beispielsweise in der Kneipenszene. Das transparente Klangbild der beiden SACDs tut sein Übriges. Man fühlt sich als Zuhörer mitten im Geschehen, kann sich dem Sog der Musik, der unaufhaltsamen Handlung nicht entziehen.

Mit Stuart Skelton steht ein rollenerfahrener Grimes an der Spitze des Ensembles. Es wäre ein Leichtes, den australischen Tenor in der Tradition eines Jon Vickers in dieser Partie zu sehen, aber das würde dem Sänger nicht gerecht. Er ist kein Vickers, er ist ein Skelton. Ja, er kommt nicht aus der lyrischen Linie eines Peter Pears oder Philip Langridge, aber es gibt für den Grimes auch nicht ‚nur‘ zwei Schubladen. Skelton formt seinen eigenen Titelhelden, dessen Außenseitertum etwas Verstörendes hat. Gequält und oft am Rande des Greifbaren wandert Skeltons Grimes. Fast möchte man ihm etwas Unmenschliches oder Jenseitiges unterstellen. Die Faszination seiner Lesart ist zwingend. Er bringt staatliches heldisches Grundmaterial mit, die heftigen Ausbrüchen, überrascht dann aber wieder mit einer gewinnenden Zartheit in vielen Passagen. Das ‚Now the Great Bear and Pleiades‘ haucht er gespenstisch in den Raum und seine letzten, fragenden 'Grimes'-Rufe lassen den Atem stocken. Ein Mensch verliert sich, hat sich vielleicht nie gefunden. Eine bemerkenswerte Leistung.

Eiskalte Rufe

Bestens aufgelegt präsentieren sich die von Håkon Matti Skrede geleiteten Chöre: der Bergen Philharmonic Choir, der Edvard Grieg Kor, der Royal Northern College of Music Chorus und der Choir of Collegium Musicum. Höhepunkt ist zweifelsfrei das Ende des ersten Bildes des dritten Akts: die präzise gesetzten, gellenden, eiskalten ‚Grimes!‘-Rufe der Dorfgemeinschaft. Sie fahren dem Hörer durch Mark und Bein. Hier wird auch deutlich, welche Kraft Britten und hier eben auch Gardner aus den Pausen schöpft. Stille gehört ebenso zu den Stärken dieser dynamisch breit gefächerten Neuaufnahme.

Den Captain Balstrode kann man kaum seelenvoller und nahbarer singen, als Roderick Williams das mit seinem erdig-warmen Timbre und der griffigen Artikulation tut. Erin Wall ist eine betont lyrische Ellen Orford, die mit einer leicht beschränkten Farbpalette den ihr größtmöglichen Herzenston für die Lehrerin sucht. Dabei mangelt es im ersten Akt bei ihrer Aufforderung ‚...der werfe den ersten Stein‘ an Dramatik und Eindringlichkeit, aber gerade in ihrer großen Szene mit Grimes zu Beginn des zweiten Akts kann sie ihre klanglich kultivierten Stärken und ihre schöne Phrasierung zur Geltung bringen. Die 'Embroidery Aria' gerät etwas oberflächlich, aber zweifelsfrei mit großer Tonschönheit.

Die Auntie ist bei Susan Bickley mit ihren orgelnden Tiefen in den besten Händen, ebenso die Mrs Sedley bei der Erzkomödiantin Catherine Wyn-Rogers, die hörbare Freude am Klatschen, Tratschen und Keifen hat. Robert Murray gibt den fanatischen Bob Boles mit gezielter Schärfe und James Gilchrist den doppelbödigen Reverend. Überhaupt ist das Ensemble bis in die kleinsten Rollen mit großer Liebe zum Detail besetzt: Barnaby Rea als Hobson, Marcus Farnsworth als Ned Keene, Neal Davies als plump gefährlicher Swallow und die beiden zwitschernden Nichten von Vibeke Kristensen und Hanna Husáhr ... auch wieder ein Moment zum Schwärmen: das gläserne, unwirkliche Damen-Quartett, das wie Nebelschwaden überm trügerisch ruhigen Wasser schwebt. Was für ein 'Peter Grimes'!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Britten, Peter Grimes: Bergen Philharmonic Orchestra and Choirs, Edward Gardner

Label:
Anzahl Medien:
Chandos
2
Medium:
EAN:

CD SACD
095115525029


Cover vergössern

Britten, Benjamin


Cover vergössern

Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Chandos:

  • Zur Kritik... Raffiniert: Eine gute Kammermusik-CD leidet ein wenig am unausgegorenen Konzept. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Strindberg-Vertonung: Die Neuaufnahme von William Alwyns 'Miss Julie' macht deutlich, dass diese Oper auf die Bühne gehört. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Hinter dänischen Gardinen: Gianandrea Nosedas Neueinspielung von Luigi Dallapiccolas bekanntester Oper kann nicht ganz Referenzstatus erreichen, trotz ausgezeichneter Orchesterleistung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Chandos...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Puccini à la Hollywood: Dieser 'Tabarro' ist eine tontechnisch saubere Produktion mit effektvoller Wirkung. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Singende Seele: Regula Mühlemann legt mit 'Mozart Arias II' die nicht minder begeisternde Fortsetzung ihres ersten 'Mozart'-Albums bei Sony vor. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Kurzgefasste Ehrenrettung: Ira Hochman liefert mit ihrem versierten barockwerk hamburg die Ehrenrettung eines völlig vergessenen Händel-Zeitgenossen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Farbenreich: Eine wichtige Wiederauflage zum Clara-Schumann-Bizentenarium. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Liszts Lieder ohne Worte: Schubert-Liszt in einer virtuosen, aber vor allem melodischen Interpretation: Can Çakmur brilliert mit dem 'Schwanengesang', den Liszt 1840 kongenial für Klavier solo arrangiert hat. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Konsequente Stilschmelze: Erst Rockstar, dann Solist am Cello im Barockensemble: Genregrenzen überwindet der finnische Komponist Olli Virtaperko, indem er sie sich einverleibt. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2020) herunterladen (2399 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2021) herunterladen (2400 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich