> > > Johann Adolf Hasse: Enea in Caonia: Enea Barock Orchestra, Stefano Montanari
Freitag, 5. März 2021

Johann Adolf Hasse: Enea in Caonia - Enea Barock Orchestra, Stefano Montanari

Elegante Serenata


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hasses 'Enea in Caonia' liegt bei cpo in seiner Ersteinspielung vor: Ein handverlesenes Solisten-Quintett und ein lustvoll agierendes Orchester – das fesselt und macht große Freude.

Es gibt so viele Ausprägungen und Schätze barocken Musiktheaters zu entdecken. Immer wieder entreißen Musiker und Wissenschaftler den Archiven und Bibliotheken Werke bekannter und unbekannter Meister. Nicht selten folgt auf die Wiederentdeckung eine entsprechende CD-Einspielung, um dem erneuten Vergessen zumindest mit einer akustischen Dokumentation ein wenig entgegenzuwirken. Gerade beim Raritäten-Label cpo finden sich mehrere Dutzend solcher Barock-Projekte von Händel bis Graupner, von Schürmann bis Hasse. Und ein Frühwerk des Letzteren feiert nun seine Weltersteinspielung: 'Enea in Caonia' – eine neapolitanische Serenata aus dem Jahr 1727.

Eleganz und Schlichtheit

An den im Personal- und Bühnenaufwand kleiner dimensionierten Serenate erprobte Johann Adolf Hasse seine Fähigkeiten als Opernkomponist und ernstzunehmender Konkurrent Händels. Vieles, was den späteren Hasse auszeichnet, ist in 'Enea in Caonia' meisterhaft angelegt. Der melodische Erfindungsreichtum springt dem Hörer förmlich ins Ohr, ebenso die Begabung, eine emotionale Situation mit einfachsten Mitteln und quasi einem einzigen Pinselstrich zu skizzieren. Nun ist 'Enea in Caonia' aber keine dramatisch zupackende Opera seria, sondern eben eine Serenata. Hier stehen Eleganz und Schlichtheit im Vordergrund, die Gefühlsausbrüche sind allesamt im Rahmen des Schicklichen, hier lässt sich niemand gehen. Entsprechend wenig vokale Pyrotechnik wird aufgefahren und auch der Handlungsverlauf ist übersichtlich: Aeneas (Enea) macht auf seiner Reise Zwischenstation bei König Helenus (Eleno), der mittlerweile mit Hektors Witwe Andromache (Andromaca) vermählt ist. Als begabter Seher weissagt Helenus dem jungen Helden die Gründung Roms. Das hehre Geschehen wird durch die in den Wäldern umherstreifende trojanische Jägerin Ilia und Aeneas‘ Begleiter Niso erweitert. Leidenschaften sind nicht das handlungstreibende Thema, sie werden vielmehr durch Vernunft im Zaum gehalten oder durch die Musik in ahnungsvolle Herzenstöne verwandelt.

Die vorliegende Ersteinspielung entstand im September 2019 in Rom mit dem Enea Barock Orchestra. Dieses junge Originalklang-Ensemble gründete sich erst im Jahr zuvor im Zuge der modernen Erstaufführung von Hasses 'Enea in Caonia'. Lustvoll und zugleich mit großem Feingefühl bringen sie unter der Leitung von Stefano Montanari Hasses Musik zum Leuchten. Jeder agiert quasi als Solist, niemand versteckt sich im Tutti. Diese besondere Dynamik unter den Musikerinnen und Musikern ist in jeder Note zu spüren. Mal schroff und kantig, dann wieder zerbrechlich wie ein Lufthauch – das fesselt und macht große Freude, gerade bei einer Musik, deren dramatischer Gestus nicht an der Oberfläche um Beachtung winkt.

Kunstfertigkeit

Mit Carmela Remigio als Ilia und Celso Albelo als Niso kann die Doppel-CD auch mit populären Namen in der Besetzungsriege punkten. Beide machen ihre Sache tadellos, aber sie sind mitnichten die Stars der Aufnahme. Remigios Sopran klingt in der Mittellage etwas matt, auch die völlig intakte Höhe hat wenig Glanz. Dennoch präsentiert sich die Sängerin als kluge Stilistin mit langem Atem, kontrollierter Stimmführung und vielen Details, die ihre hohe Kunstfertigkeit und offenkundig gesunde Technik beweisen. Für Celso Albelo, den man sonst eher mit Bellini, Rossini und frühem Verdi assoziiert, liegt der Niso etwas tief, aber er macht das Beste aus den wenigen Momenten, die ihm zur Verfügung stehen.

Der Star der Einspielung ist Paola Valentina Molinari als Eleno, einer Partie, die vermutlich von keinem Geringeren als Carestini aus der Taufe gehoben wurde. Ausdrucksstark und mit leuchtenden Tönen stattet sie den Seher aus. Die Stimme ist jung, von großer Sanftheit geprägt, aber sie hat ebenso die Fähigkeit, mit ihrem warmen Strahl neue Dimensionen zu erschließen, ins Herz des Zuhörers zu treffen. Hervorragend setzt sich Molinaris Sopran von jenem Remigios ab, so dass beim Hören stets klar bleibt, wer gerade das Wort ergreift.

Feine Töne

Als Andromaca beeindruckt Raffaella Lupinacci mit seelenvollem Mezzosopran, der auch ein wohldosiertes und absolut wohltuendes Vibrato nicht scheut. In der Titelpartie ist die Altistin Francesca Ascioti zu erleben. Ihr Timbre ist unverwechselbar, ihre Tiefe effektvoll, die sichere Höhe ebenfalls. Das recht unverblendete Springen zwischen den Registern erinnert immer wieder an die Kunst einer Marilyn Horne. Aus dem herben Brustregister bezieht dieser Enea einen Großteil seines opernhaften Testosterons. Ascioti verfügt aber auch über feine, empfindsame Töne von überraschender Zartheit – im Gesamteindruck ein absolut überzeugendes Porträt.

Was zur Attraktivität der Veröffentlichungen bei cpo immer enorm beiträgt, sind die umfangreichen Booklets mit ihren wissenschaftlichen Beiträgen. Das sind wertvolle Materialsammlungen, die man als Käufer nicht missen möchte. Auch bei 'Enea in Caonia' ist viel Lesenswertes von Raffaele Mellace mitgeliefert. Was die Handhabung des Beihefts aber erschwert, ist die fast durchgehend fehlerhafte Trackeinteilung im Abdruck des Librettos. Das sorgt beim Mitlesen für Verwirrung und ist für das schnelle Auffinden einzelner Nummern schlicht unpraktisch. Vielleicht lässt sich das bei einer Neuauflage nachbessern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Johann Adolf Hasse: Enea in Caonia: Enea Barock Orchestra, Stefano Montanari

Label:
Anzahl Medien:
cpo
4
Medium:
EAN:

CD
761203533428


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Hasse, Johann Adolf
 - Enea in Caonia -
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Dirigent(en):Montanari, Stefano
Orchester/Ensemble:Enea Barock Orchestra


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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