> > > Nostalgia: The Sea of Memories: Nihan Devecioglu, Friederike Heumann, Xavier Díaz-Latorre
Freitag, 1. Juli 2022

Nostalgia: The Sea of Memories - Nihan Devecioglu, Friederike Heumann, Xavier Díaz-Latorre

Nostalgie am Mittelmeer


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Große Ambition wird wunderbar eingelöst. Nihan Devecioglu und ihre instrumentalen Mitstreiter behaupten nichts, das keine Entsprechung in ihrer Kunst hätte. Eine wunderbare Platte.

Nostalgia – das ist in seinen Bestandteilen Rückkehr (nostos) und Schmerz (algos) sehr viel mehr als der medizinische Begriff, als der das Wort im 17. Jahrhundert zunächst geprägt wurde. Verlust und Trauer, Rückerinnerung an bessere Tage, oft verbunden mit erlebter Tristesse der Gegenwart, dazu eine rückwärts entfaltete Fantasie, die Dinge und Lebensumstände verklärt, idealisiert und erst zu dem macht, was sie vielleicht als real erlebte Gegenwart überhaupt nicht waren – die Deutungskontexte lassen sich weiter fortspinnen, sogar politisch aufladen und ausbeuten. Doch ist der irgendwie sehnsuchtsvolle Blick zurück etwas, das dem Menschen eignet, das in verschiedenen Zeiten Konjunkturen hatte, oft durch große, symbolhafte Verluste ausgelöst, die weit über das persönliche Erleben hinausreichen.

Für den Raum des Mittelmeers, der schon oft und von vielen in seiner Grenzen überwindenden Gemeinsamkeit betrachtet wurde, sind die Eroberung Konstantinopels 1453 und der endgültige Sieg der spanischen Reconquista 1492 solche Zäsuren und initialen Momente: Erstere war ein besonderer Höhepunkt im Rahmen der Ausdehnung des türkischen Reiches und Kulturraums, letzteres beendete nicht nur die jahrhundertelange muslimische Herrschaft auf der iberischen Halbinsel, sondern zwang auch eine große Zahl von nicht konvertierten Juden aus dem Land, in viele Städte und Reiche, die ihnen ihren Glauben ließen und bedeutend toleranter als die spanischen Rückeroberer waren. Unter anderem das Osmanische Reich gehörte zu den Zielorten.

Das Mittelmeer bietet sich für diese Idee, Brüche und Veränderungen für den Blick der künstlerischen Nostalgie erfahrbar zu machen, also deutlich an: Es gibt hier ohnehin eine große Zahl von Gemeinsamkeiten: Mit den griechischen und römischen Prägungen historische, aber nicht zuletzt auch unübersehbare naturräumliche – man befrage nur Fernand Braudel intensiver – und dazu eine lange Geschichte von Konflikten. Menschen haben ihre Musik und Poesie mitgenommen in neue Lebensrealitäten; Vertreibung und Verlust wurden in dieser Hinsicht ebenso fruchtbar wie der schon angesprochene Kulturtransfer und neu errichtete Brücken des Verständnisses.

Stimmiges Programm

Diese Grundideen haben mit Blick auf das Mittelmeer viele der großen Musikprojekte des katalanischen Gambisten und Ensembleleiters Jordi Savall geprägt. Auf der aktuell bei Accent vorliegenden Platte der Sängerin Nihan Devecioglu, der Gambistin Friederike Heumann und des Lautenisten Xavier Díaz-Latorre ist das sehr verwandt und doch wesentlich intimer. Mit Díaz-Latorre gibt es aber eine Verbindung: Er war langjährig an den Unternehmungen von Savall beteiligt, spielte in Hespèrion XXI ebenso wie in Le Concert des Nations. Musikalisch prägend sind verschiedene Reihungsformen wie Passacaglia, Lamento, Capona oder Chaconne, die in verschiedensten Formen an vielen Küsten gespielt worden sein dürften und über die an vermutlich ebenso vielen Orten vokal extemporiert wurde. Dazu kommt ‚klassisches‘ Repertoire des geografischen Raums, in kleinen vokal-instrumentalen Preziosen von Luigi Rossi, Francesco Cavalli, Giovanni Girolamo Kapsberger, Claudio Monteverdi, Alessandro Grandi oder Diego Ortiz. Sie stoßen unvermittelt auf Sufi-Hymnen, sephardische Lieder des Lebens oder einen libanesischen Passionsgesang. Genau so, wie es in der Durchmischung in dem vielfach gebrochenen und doch auf verschlungenen Pfaden miteinander verbundenen Kulturraum auch tatsächlich ist. Ein unbedingt hörenswertes, in seinen reichen Facetten faszinierendes Programm.

Großartiges Trio

Es ist die wandlungsfähige Stimme der türkischen Sopranistin Nihan Devecioglu, unter anderem am Salzburger Mozarteum klassisch ausgebildet, dazu um viele weitere Einflüssen bereichert, die dieses Programm, das sich aus vielen Quellen, Stilen, Techniken und Klangidealen speist, souverän zusammenhält – indem sie dank umfassender Ausbildung und stimmlicher Versatilität allen Einzelteilen der Folge gerecht wird, vollkommen, ohne Abstriche, glaubwürdig, ohne Eigenheiten der Stile zu verwischen oder in ihrer Stimme aufzulösen, ohne Kompromisse eingehen zu müssen: Eine seltene Konstellation, dass sich eine derartige Vielfalt mit einer Stimme gültig abbilden lässt, dass eine Künstlerin so sehr Kontinuum ist. In all diesen Aspekten erinnert sie an die vor einigen Jahren verstorbene Frau Savalls, Montserrat Figueras, der das in den oben angesprochenen Programmen auf ähnliche Weise gelang.

Friederike Heumann auf der Viola da gamba und dem Lirone – oder Lira da gamba – ist mit Xavier Díaz-Latorre auf der Theorbe und der Barockgitarre eine höchst kulturvolle Begleiterin. Und sehr viel mehr als: Dank üppig ausgereizter Spieltechniken erzielen die beiden Instrumentalisten eine erstaunliche Vielfalt an Wirkungen, agieren subtil und zart in der Tongebung. Heumann und Diaz-Latorre sind je ein Kraftzentrum von eigenem Rang, interagieren kammermusikalisch intensiv, frei in der Anmutung, sensibel und hörend, setzen auch eindrucksvolle solistische Akzente. All das vollzieht sich in gelassen gesetzten Tempi, mit frischen Impulsen aus einigen Diminutionen, intonatorisch farbenreich – vokal dank stilistischer Subtilität und etlichen stimmigen Verzierungen, instrumental in der Ausnutzung aller vorhandenen Spielräume und Konstellationen. Das Klangbild ist ideal für die Dreierkonstellation wie für das Repertoire zu nennen: Klar, gesammelt, von natürlicher Plastizität. Man wähnt sich hörend inmitten des Geschehens.

Große Ambition wird wunderbar eingelöst. Nihan Devecioglu und ihre instrumentalen Mitstreiter behaupten nichts, das keine Entsprechung in ihrer Kunst hätte. Eine wunderbare Platte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nostalgia: The Sea of Memories: Nihan Devecioglu, Friederike Heumann, Xavier Díaz-Latorre

Label:
Anzahl Medien:
Accent
1
Medium:
EAN:

CD
4015023243675


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Cavalli, Francesco
Grandi, Alessandro
Kapsberger, Giovanni Girolamo
Monteverdi, Claudio
Ortiz, Diego
Rossi, Luigi


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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