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Montag, 12. April 2021

Lamento - Damien Guillon, Café Zimmermann

Delikatessen


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine eher nachdenkliche, fein programmierte Platte. Etliche Schmuckstücke haben Damien Guillon und Café Zimmermann da versammelt, erlesen musiziert und nobel zum Klingen gebracht. Eine lohnende Begegnung.

In seinem Einführungstext zur programmatisch dichten Platte 'Lamento', die der französische Countertenor Damien Guillon und das Ensemble Café Zimmermann jetzt beim Label Alpha Classics herausgebracht haben, betont der Bach-Experte Peter Wollny, wie sehr Leben und Tod noch im 17. Jahrhundert zusammenhingen, wie nah sie beieinander lagen. Kriege, Seuchen, Versorgungsengpässe, mangelhafte Hygiene, eine wenig fortschrittliche medizinische Kunst – all das ließ den Tod allgegenwärtig sein. Kaum eine Familie, die nicht den frühen Tod eines oder mehrerer Kinder zu beklagen hatte; durchaus nicht die meisten Menschen wurden nach heutigem Verständnis tatsächlich alt. Heinrich Schütz ragt in der Welt der Kunst mit seinen 87 Lebensjahren aus dem Heer der vielen heraus, die weit vorher starben. Das ‚Memento mori‘ lag über allem; viele Kantatentexte der Zeit bleiben dem Hörer der Gegenwart unverständlich, eben weil sie dieser Sicht auf das Leben und Sterben breiten, selbstverständlichen Raum geben. Natürlich hat diese das Dasein prägende Perspektive, die dem Gedanken an den Tod immer auch das weltzugewandte ‚Carpe diem‘ dazugesellte, wie Wollny gleichfalls betont, reichlich Niederschlag im künstlerischen Schaffen der Zeit gefunden. Davon zeugt das Programm der Platte als schöne Entsprechung dieser spannungsreichen Gedankenwelt.

Heinrich Ignaz Franz Biber verströmt in manch wunderbarer Reihungsform instrumentalen Glanz, mit der großen Passacaglia aus der Sammlung der 'Rosenkranzsonaten' als besonderem Höhepunkt. Dazu wird er mit 'O dulcis Jesu' auch als vokal delikater Komponist vernehmlich. Dazu kommt Johann Heinrich Schmelzer mit feinen Instrumentalwerken, gleichsam als natürliche Ergänzung und als selbstverständliches Widerlager zu Biber. Und Johann Jakob Froberger bereichert die instrumentale Szene mit einer variantenreich und erstaunlich streng gesetzten Toccata. Vokales Schwergewicht beansprucht Christoph Bernhard mit 'Was betrübst du dich' – als technisch und affektiv starker Tonsetzer, der eine erkennbar eigene Größe ist, auch wenn er bis heute unterschätzt und allenfalls als begabter Schütz-Schüler akzeptiert ist.

Und dann die Stimmen der Bach-Familie: Zunächst Johann Michael, dessen 'Ach, wie sehnlich wart ich der Zeit' eine innige Trauermusik ist, schließlich Johann Christoph, dessen Lamento 'Ach, dass ich Wassers g'nug hätte' der vielleicht idealtypische und am häufigsten musizierte Satz ist, der der affektiven und geistlichen Welt des Programms und seines Umfelds zuzurechnen ist: Es ist nicht weniger als ein eigenständiges Meisterwerk, dessen Existenz allein genügen würden, seinen Schöpfer zu loben. Carl Philipp Emanuel Bach, Nachfahre und Kenner des Werks des Älteren sagte, er sei der ‚große und ausdrückende Componist‘, der ‚sowohl galant und singend, als auch ungemein vollstimmig‘ zu setzen wusste. Das ist nicht wenig, und das klingende Ergebnis bezaubert bis heute.

Sensibel und fein

Das natürlich auch dank der hervorragenden Interpreten. Damien Guillon ist unter den Countertenören der Gegenwart eine der vernehmlichsten jüngeren Stimmen im geistlichen Barockfach. Und er bietet ein schönes Gesamtpaket: Die Register sind ausgeglichen, das Melos fließt anmutig, der Vokalist ist in diesem Repertoire erkennbar zu Hause, vielleicht noch mehr als in dem des 18. Jahrhunderts. Die Stimme ist nicht unbedingt groß, aber deutlich tragfähig. Guillon spricht in klarer Diktion, plastisch, aber nicht artifiziell überzeichnend. Café Zimmermann hatte sich mit seiner Serie von Bach-Konzerten nachhaltig in die Ohren der Barockfans gespielt, vor allem als Ensemble von eigenem Charme in Sachen Zusammenklang – magisch ausgehörte Akkorde waren zu erleben, ein leichtes, französisch parfümiertes Klangideal wurde gepflegt. Und Delikatesse ist es auch heute, die unmittelbar beeindruckt: Die erlesene Klangkultur einer solistisch besetzten Formation wird gelassen ausgespielt, in wacher Interaktion und sensiblem Austausch. Das klingende Ergebnis wirkt gemeinsam ‚erworben‘, auch in der Integration der vielen solistischen Beiträge. Die in den reinen Instrumentalwerken demonstrierten Qualitäten werden sicher und ohne Qualitätsverlust in die Begleithaltung ‚gerettet‘, über im Grunde nahtlose Übergänge. Dynamische Differenzen werden in gedeckten Farben abgebildet, fein gearbeitet, ohne alle Vordergründigkeit. Artikulatorisch machen die Instrumente das Spiel, übertragen ihren aktiven und zugleich sensiblen Ansatz auch in die Sphäre des Vokal-Instrumentalen. Das Klangbild ist konzentriert und dennoch stimmungsvoll, plastisch und griffig, erwärmt und getragen von einer schönen Totalen.

Eine eher nachdenkliche, fein programmierte Platte. Etliche Schmuckstücke haben Damien Guillon und Café Zimmermann da versammelt, erlesen musiziert und nobel zum Klingen gebracht. Eine lohnende Begegnung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lamento: Damien Guillon, Café Zimmermann

Label:
Anzahl Medien:
Alpha Classics
1
Medium:
EAN:

CD
3760014196263


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Bach, Johann Christoph Friedrich
Bach, Johann Michael
Bernhard, Christoph
Biber, Heinrich Ignaz Franz
Froberger, Johann Jacob
Schmelzer, Johann Heinrich


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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