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Mittwoch, 14. April 2021

Nature's Secret Whispering - Music in the Cosmology of Johannes Kepler

Keplers Blick


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johannes Kepler als zweifellos interessante historische Figur, hier musikalisch gespiegelt. Eine ebenso lebendige wie hochklassige Interpretation durch Concerto Palatino und Bruce Dickey.

Die aktuell beim belgischen Label Passacaille erschienene Platte des vom Zinkenisten Bruce Dickey geleiteten Concerto Palatino hat verschiedene gedankliche Ausgangspunkte, die sämtlich mit dem Astronomen und Universalgelehrten Johannes Kepler (1571-1630) zusammenhängen: Zum einen ist es dessen Universalität, die einen weiten Interessenhorizont aufmacht und Verbindungen ermöglicht, die abseits des Erwartbaren siedeln. Zum anderen sind es konkret seine Kosmologie und, davon ausgehend, die Parallelisierung mathematischer Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten in das Feld der Musik hinein, der gleichfalls Keplers Aufmerksamkeit galt.

Anknüpfend an antike Autoren, war es gerade die Verbindung von Mathematik und Musik, die Kepler faszinierte, damit verbunden die Darstellbarkeit musikalischer Relationen – eigentlich deren physikalischer Grundlagen – und der Bezug zur klingenden Musik, die ihn reizten. Doch kommen noch sehr viel leichter nachvollziehbare Perspektiven dazu: Aus Keplers Zeit in Graz kondensiert Bruce Dickey für das Programm ebenso Bezüge wie aus der in Prag: Räumliche Verankerung in seiner Zeit wird auf diese Weise repräsentiert durch namhafte Komponisten wie zum Beispiel Orlando di Lasso, zu dessen Familie der Grazer Hof Kontakt hatte, oder Andrea Gabrieli, dessen Musik durch den in Graz wirkenden Italiener Annibale Perini bekannt gemacht wurde.

Idealtypus

Di Lasso verkörperte in der Perspektive Keplers den Idealtypus des Komponisten, mit seiner harmonischen, ausgewogenen Setzweise, seiner flutenden Wirksamkeit – anscheinend alle von Kepler so bewunderten Musikideale antiker Provenienz wie der im 16. Jahrhundert gegenwärtigen Musik vereinten sich in diesen Motetten. Perini wie auch der ebenfalls in Graz wirkende Franko-Flame Lambert de Sayve stehen für jene Künstler, deren Namen nicht gleich intensiv überliefert sind. Ihre Arbeiten machen deutlich, dass auch abseits der großen Heroen verlässlich eindrucksvolle Kunst anzutreffen ist. Wenn man von offenkundigen Ausnahmeerscheinungen wie di Lasso oder zuvor Josquin Desprez absieht, waren es oft nur Details im Leben und Schaffen, die darüber entschieden, wessen Name gepriesen wurde und wessen Musik die Zeiten eben nicht prominent überdauerte.

Bruce Dickey hat diesen Reigen hochattraktiver Motetten, zu der auch der zu Keplers Prager Kontext zu rechnende Hans Leo Haßler beiträgt, um einen Kontrapunkt erweitert: Die griechische, jetzt in den Niederlanden beheimatete Komponistin Calliope Tsoupaki (geb. 1963) steuert einen modernen Kommentar zu Kepler bei, zu seiner Kosmologie und der Musik seiner Umgebung: Ein Sopran-Solo von entrückter Schönheit, dazu ein archaischer Chor und filigrane Instrumentalwirkungen machen das zehnminütige  'Astron' zu einem heimlichen Anker des Programms.

Üppige Kräfte, vom Urgestein inspiriert

Bruce Dickey steht mit seinem musikalischen Engagement für den Zink, für die Wiederbelebung des Instruments nach Jahrhunderten der Stille – Dickey ist im allerbesten Sinne ein Urgestein historisch sich informierender Praxis, die sich Techniken und Ästhetiken wieder aneignet, Spieltechniken erlernt, perfektioniert und systematisch weitergibt. Ein Impulsgeber sondergleichen, der für dieses Programm auch über seinen eigenen Beitrag auf dem Zink hinaus eine illustre Gruppe von Instrumentalisten um sich versammelt hat: Veronika Skuplik auf der Violine, Charles Toet, Simen van Mechelen, Claire Macintyre und Joost Swinkels auf Posaunen und Kris Verhelst auf der Orgel. Sie sind sämtlich intime Kenner dieser Musik, der Zeit, der Üblichkeiten und stilistischen Merkmale und finden sich mühelos in der Welt der noch nicht nach vokaler oder instrumentaler Typologie unterschiedenen Satzarten zurecht.

Im Zusammenspiel mit dieser instrumentalen Expertise entfaltet sich eine erlesene Gruppe von Vokalistinnen und Vokalisten: Angeführt werden sie von den Sopranen Hana Blažiková und Barbora Kabátková, dazu kommen der Altus Alex Potter, die Tenöre Benedict Hymas und Jan van Elsacker, der Bariton Tomáš Král und der Bass Jaromír Nosek. Das ist eine Versammlung vielfältig nachgewiesener Expertise, in etlichen Ensembles und solistischen Konstellationen. Die Akteure vereinen alle Qualitäten, die solche Musik braucht: Klare Linearität, subtile Tönung, einen wachen Sinn für Strukturen und die Balance zwischen solistischer Geste und dem Zurücktreten in den vokalen Kontext – all das wird glückend eingelöst. Dazu beeindruckt eine durchgehend makellose Intonation, die auch in bewegterer Szene oder weiter Lage keinerlei Probleme kennt. Im Gegenteil ist im Zusammenspiel mit den Instrumenten immer wieder beglückend stimmig ausgehörte Akkordik zu erleben. Artikuliert wird in großen Bögen und mit Sinn für Architekturen; in den raschen, kontrastreichen Sätzen von Annibale Perini etwa wird aber auch eine detailreiche energetische Arbeit mit üppigem Erfolg präsentiert. Dynamisch entfalten die musikalischen Kräfte alle Möglichkeiten der Besetzung - die gar nicht so knapp dimensioniert sind und sich wesentlich der klugen und abwechslungsreichen Registrierung durch Bruce Dickey verdanken.

Johannes Kepler ist zweifellos eine historische Figur, deren Interessen, Eigenarten und Lebensweg eine solche programmatische Einordnung, wie hier demonstriert, sinnvoll machen. Auch ohne diesen Kontext ist es freilich eine niveauvolle Platte mit Qualitätsmusik in einer ebenso lebendigen wie hochklassigen Interpretation durch Concerto Palatino und Bruce Dickey.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nature's Secret Whispering: Music in the Cosmology of Johannes Kepler

Label:
Anzahl Medien:
Passacaille
1
Medium:
EAN:

CD
5425004840738


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Gabrieli, Andrea
Hassler, Hans-Leo
Widmann, Erasmus


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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