> > > Eric Whitacre: The Sacred Veil: Los Angeles Master Chorale
Montag, 26. Juli 2021

Eric Whitacre: The Sacred Veil - Los Angeles Master Chorale

Hinter dem Schleier


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In seiner inhaltlichen Dimension und musikalischen Wirkung ist 'The Sacred Veil' von Eric Whitacre ein erschütterndes Stück. Whitacre und Los Angeles Master Chorale agieren bezwingend.

Eric Whitacre (geb. 1970) hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu einem der produktivsten, meistgesungenen und – man kann es so bezeichnen – angesagtesten Chorkomponisten weltweit entwickelt. Mit manch anderem Protagonisten seiner und der inzwischen schon nachfolgenden Generation hat er einen international, vor allem im angelsächsischen Raum erfolgreichen Stil entwickelt, der klar tonal verortet ist, raue Gesten kennt, intensive Linearität und Sanglichkeit nicht scheut. Mancher – gerade professionell kritischer – Stimme ist dieser Stil zu affirmativ und wenig eigenständig, zu nah am Gefälligen, von zu wenig klarer ästhetischer Ambition geprägt. Doch entbehrt die Musik nicht echter Substanz, ist sie ungemein affektsicher gesetzt und macht erhebliche Wirkung: Zuerst natürlich beim Publikum, aber auch bei den Ausführenden, die den Balanceweg zwischen Anspruch und Fasslichkeit zum Leben zu erwecken haben.

Zum Werk

Gerade das spürt man sehr deutlich, wenn man die neueste Komposition von Whitacre hört, deren Aufnahme jetzt bei Signum Records erschienen ist und in der der Komponist das Ensemble Los Angeles Master Chorale dirigiert, begleitet von der Pianistin Lisa Edwards und dem Cellisten Jeffrey Zeigler. Unter dem Titel 'The Sacred Veil' hat er ein zwölfsätziges Chorwerk von einer knappen Stunde Aufführungsdauer geschaffen, das über die bislang erprobten Dimensionen seiner Arbeit hinausgeht. Inspiration waren Texte seines Freundes und kongenialen Poeten Charles Anthony Silvestri, der schon für 'Sleep' und andere Sätze Textpate war, dazu das wirkungsvolle 'Lux aurumque' aus dem englischen Original ins Lateinische übertragen hat. Silvestri arbeitet in einer Reihe von Gedichten das Sterben und den Tod seiner Frau Julia Lawrence Silvestri auf, die 2005 an Krebs starb und den Autor mit den kleinen Kindern zurückließ. Bewältigung, Verstehen und Auseinandersetzung mussten lange zurückstehen; erst viele Jahre danach gelang es ihm, diesen Weg gemeinsam mit Whitacre künstlerisch zu gehen. Der kontrastierte die gesetzten, reflektierten, emotional anrührenden Texte von Silvestri mit Tagebucheinträgen von dessen Frau, in der die ihre Empfindungen im Angesicht der Lebensbedrohung in Worte fasst, versucht, Akteurin ihres Lebens zu bleiben, Kopf und Herz nicht zu verlieren. Auch die kalte Stimme ärztlicher Diagnostik kommt zu Wort, schließlich Dichtung von Whitacre selbst, in der er den Prozess der Trauer von einem äußeren Standpunkt aus reflektiert und mit ebenso humaner wie freundschaftlicher Geste auffängt.

'The Sacred Veil', der heilige oder geheiligte Schleier, ist der Ausgangspunkt der Reflektionen von Silvestri: Die Frage bedrängt ihn, ob die, die gegangen sind, nicht wirklich fort sind, ob sie uns näher sind, als wir denken und zu fühlen imstande sind, auch, wann die Zeit gekommen ist, sich in Anerkennung dieser intensiven Bindung doch voran zu bewegen. Sind Hier und Jenseits verschiedene Orte, unterscheiden sich Jetzt und Ewig? Der Barockdichter Angelus Silesius hat ähnliche Überlegungen angestellt, geronnen etwa in den Zeilen: ‚Zeit ist wie Ewigkeit, und Ewigkeit wie Zeit, so du nur selber nicht machst einen Unterscheid.‘ Zeit und Ewigkeit als Geschwisterpaar, das einen modernen Menschen der nordamerikanischen Kultur ebenso prägen kann wie es den mit vielen Lebensplagen konfrontierten Dichter des 17. Jahrhunderts umtrieb.

Eric Whitacre reiht das zu zwölf formal eher nicht groß gedachten Sätzen, die vielmehr einen Bogen, eine kontemplative Suite, ein Memorial von großer Schönheit und Innerlichkeit ergeben als eine stringente Architektur. Chorisch dominieren syllabische Passagen, ein erzählender, fast rezitierender Ton. Zugleich ist das Werk durchglüht von dem Reflex des Freundschaftsdienstes, der es genauso ist, eine noble Geste. Doch macht Whitacre es unverkennbar zu seinem eigenen Werk: Natürlich in der süffigen, überschaubar mit modernen Akzidentien versehenen Personalstilistik, dem hier im Vergleich zu anderen seiner Werke eher konzentrierten, dennoch ungemein sinnlichen Chorklang von allersicherster Wirkung, dem maßvoll eigenständigen Beitrag zweier prächtig harmonierender Instrumentalpartien – im Fall des Cellos gelingt eine geradezu überirdisch schöne Stimme, die freilich immer wieder auch illustrativ wirkt. Und natürlich spiegelt die Art und Weise, wie Whitacre über seine Musik schreibt und spricht – als Bonus ist der Platte ein moderiertes Gespräch von Silvestri und Whitacre beigegeben – ganz und gar seinen Zugang zu Musik und deren Präsentation: Er ist ein Komponist, der erklärt, der seine Kunst auch auf dieser Ebene verständlich machen will, der durchaus für seinen Weg der Chormusik wirbt.

Potenter Chor

Der Los Angeles Master Chorale ist ein vierzigstimmiger Chor von Ambition und Niveau, der trotz der relativ großen und substanzhaltigen Besetzung unter Whitacres Dirigat keine ausufernden, riesigen Wirkungen sucht, sondern eher konzentrierte Gesten betont. Die Register sind sehr kompakt geformt, ohne die in vielen nordamerikanischen Chören anzutreffende vibratosatte Grundhaltung. Auf dieser angenehm geradlinigen Basis entfaltet der Chor die Intention der Musik sehr zutreffend. Gelegentlich, etwa in dem ergreifenden Zehnminüter ‚You rise, I fall‘, in dem der Bogen der Texte mit der Musik kulminiert, sind auffahrende, schroffere Gesten gefordert, gibt es beeindruckende Glissandi zu hören: Auch die liefert das Ensemble verlässlich. Insgesamt wahrt der Chor aber ein passendes Maß an schlichter Natürlichkeit, das den Texten und der grundsätzlichen Disposition der Ästhetik sehr entspricht. Dazu intoniert er stabil und frei, kommt mit der in dieser Hinsicht nicht unambitionierten Musik Whitacres sehr gut zurecht.

Weder die Partie für das Klavier noch die für das Violoncello sind ausnehmend komplex: Vor allem letzterem ist viel Lyrik zugedacht, ist die lineare Weite maßgeblich anvertraut, die Entfaltung des Schmelzes und der ausgreifenden Wirkung. Klavieristisch sind sichere Akkordik und dezenter Geschmack entscheidend, dazu seltene affektive Aufwallungen. All das wird souverän und inspiriert gespielt, ohne Makel und mit reichem Klangsinn. Auch spannungsreichere Ideen werden konsequent aufgenommen.

Eric Whitacre leitet die Kräfte von Chor und Instrumentalisten in überwiegend ruhig fließenden Tempi an, die selten zu drängenderen Konstellationen gesteigert werden und dann umso wirkungsvoller ausfallen. Das Klangbild ist gesammelt, direkt und intensiv in seiner Wirkung, von fast suggestiver Dringlichkeit.

In seiner inhaltlichen Dimension und der musikalischen Direktheit der Umsetzung ist 'The Sacred Veil' von Eric Whitacre ein erschütterndes Stück. Ein Abbild (wieder) zu erlangender Lebensklarheit im Angesicht einer schicksalhaften, geradezu ausweglos scheinenden Lage: Zu schwer scheint der Verlust eines Menschen, einer Liebe, einer intakten Familie zu wiegen. Charles Anthony Silvestris poetische Frage nach dem Schleier, nach dem Dahinter, nach Zeit und Ewigkeit bewegt. Eric Whitacre und Los Angeles Master Chorale agieren bezwingend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Eric Whitacre: The Sacred Veil: Los Angeles Master Chorale

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Anzahl Medien:
signum classics
1
Medium:
EAN:

CD
635212063026


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Whitacre, Eric


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signum classics

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