> > > XX Viola Sola: Dimitar Penkov, Bratsche
Dienstag, 28. September 2021

XX Viola Sola - Dimitar Penkov, Bratsche

Zeitlose Eleganz


Label/Verlag: VDE-Gallo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dimitar Penkov spielt rare Violamusik des 20. Jahrhunderts ein: Es erklingen Werke für Viola solo von Hindemith, Reger, Pendercki, Christoskow und Raichev. Hier musiziert ein Könner für Kenner.

Im November 2018 hat sich Dimitar Penkov als Solobratschist bei der NDR Radiophilharmonie verabschiedet. Seitdem hat der rüstige Bulgare wieder mehr Zeit, sich solistischen Aufgaben zu widmen. Da kommt seine neue CD 'XX viola solo', die beim Label VDE-Gallo erscheint, wie gerufen. Sie kombiniert zwei Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts – die frühe Violasonate von Paul Hindemith op.11,5 zu Beginn sowie Max Regers 'Suite für Bratsche allein' op. 131d, Nr. 2, am Ende der CD – mit zwei Werken aus Penkovs bulgarischer Heimat. Zu hören sind da die 'Dorf-Rhapsodie für Violine solo' von Petar Christoskow in Penkovs eigener Transkription für Viola solo sowie die dem Interpreten gewidmete 'Aria für Solo Viola' von Alexander Raichev. Mit auf der Platte ist noch Krzysztof Pendereckis ambitionierte 'Cadenza per Viola solo' von 1984.

Petar Christoskow (1917-2006), in anderer Schreibweise Hristoskov, zählt zu den profiliertesten Komponisten des 20. Jahrhunderts auf dem Balkan. Er hatte Violine studiert und war zunächst Mitglied des königlichen Sinfonieorchesters Sofia. Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vervollkommnete er sich noch einmal drei Jahre bei Gustav Havemann in Berlin. Gefeierte Erfolge als Solist schlossen sich an, ehe er als Konzertmeister zu seinem angestammten Heimatorchester zurückkehrte. Ab 1945 wirkte er als Dozent, ab 1950 als Professor für Violine an der Staatlichen Musikakademie Sofia. Erst 1952 begann er zu komponieren. Seine eindrucksvolle 3. Rhapsodie op. 21 (1973) – ursprünglich für Violine solo – ist ein markant-rhythmisches Gebilde von weniger als fünf Minuten Spieldauer. Energisch versteht Dimitar Penkov diese volkstümlich-derbe Musik mit vielen spannungsgeladenen Dissonanzen zum Leben zu erwecken. Sein Temperament und seine hohe technische Fingerfertigkeit helfen ihm dabei wirkungsvoll. Es ist eine ganz eigene Sprache, die beispielsweise diejenige von Bartók oder Kodaly noch einmal an Rauheit übertrifft. Archaisches Liedgut mischt sich da mit expressivem Ausdruck, wobei auch gesangliche Abschnitte nicht fehlen.

Kontrastreich dazu setzt Dimitar Penkov Alexander Raichevs (Aleksandar Iwanow Rajtschew, 1922–2003) 'Aria für Viola solo' (1974) unmittelbar dagegen. Raichev war in Sofia Professor für Harmonielehre und Kollege Christoskows. Hier in diesem Werk betont der Bratschist seine lyrische Kompetenz. Im ihm gewidmeten 6-minütigen Werk kann Penkov mit großer Emphase für sich einnehmen. Hier ist die Bratsche vollkommen autark und frei in ihrer musikalischen Lyrik eingefangen. Weites Vibrato unterstützt diesen Klagegesang, der alle Register des Instruments zieht. Das ist große Kunst, die gern länger komponiert hätte sein dürfen. Trotzdem hält Penkov auf engem Raum ein in seiner Dichte unnachahmlich breites Spektrum an Ausdrucksvarianten bereit und wirft so selbstlos sein Können in den Ring.

Ruhe und Sachlichkeit

Pendereckis 'Kadenza per Viola sola [!]' von 1984 ist das dritte und jüngste der drei kleineren vorgestellten Bratschenwerke im Zentrum der neuen Platte. Auch hier leiten sehnende, klagende Rufe das Werk ein, das sich gewohnten Taktmetren entzieht. Die vier eng beschriebenen Seiten der Partitur sind mit Lento übertitelt und ein einziger auskomponierter Leidenschaftsausbruch: Dreistimmige Akkorde und Zweiundreißigstel-Aufschwünge sind hier Standard. Dimitar Penkov scheint das technisch nicht in Schwierigkeiten zu bringen: Er vermittelt Ruhe und geordnete Sachlichkeit, wo gedrängteste Noten aufeinander folgen. Bei ihm wandelt der Hörer stets auf sicheren Pfaden. Seine Intonation ist erstaunlich rein. Am Ende kehrt die Musik wieder in das ruhige Anfangstempo zurück; schließlich wird es sogar sphärisch, als künstliche Flageoletttöne verlangt werden. Hut ab, eine stolze Interpretation.

Die programmatische Klammer der neuen CD bilden Hindemiths Sonate op. 11 Nr. 5 und Regers Suite op. 131d, Nr. 2. Hindemith übte sich im Juli 1919 in Neuer Sachlichkeit, nachdem der Erste Weltkrieg verheerende Zerrüttungen auch im deutschen Kulturleben verursacht hatte. Vor rund 100 Jahren, genau im November 1920, fand die Uraufführung der Sonate durch den 25-jährigen Hindemith statt. Die Viersätzigkeit markiert das Festhalten an der Tradition. Dennoch ist der Stil neu.

Dimitar Penkov geleitet den Hörer durch die komplexe Partitur, wobei er besonderes Augenmerk auf Genauigkeit in Dynamik und wohlgeformten Klang legt. Das hat er als Orchestermusiker viele Jahre praktiziert. Eigenartig ist beispielsweise auch die Proportion der Sätze zueinander: Die ersten drei dauern genau so lang wie das Finale. Der Kopfsatz entbehrt gegen Ende nicht eines gewissen Humors, der zweite Satz – 'Mäßig schnell, mit viel Wärme vortragen' – wirkt durchaus gesanglich. Das klingt hier in dieser Neueinspielung alles sehr edel. Auch das Scherzo hat etwas Harlekinhaftes. Auf jeden Fall versteht Penkov die darin enthaltene Ironie mit Schwung – und geschmackvollen Glissandi! - in Szene zu setzen.

Das Finale in Form und Zeitmaß einer Passacaglia sprengt mit über 12 Minuten Aufführungsdauer fast alle zeitlichen Dimensionen eines Kammermusikwerks dieses Genres, zitiert aber nochmals die groteske Akkordfolge des Beginns der ersten Solo-Sonate, von insgesamt vier, die er für die Bratsche schrieb. Die strenge Form hält ihn in der Tradition von J.S. Bach, dessen d-Moll-Chaconne Hindemith unverkennbar als Vorbild diente. Trotzdem wollte er die ‚Ausdrucksmöglichkeiten […] erweitern und dem Horizont entgegentreiben‘, wie er selbst in einem Brief es ausdrückte. Das ist ihm wahrlich gelungen.

Zeitlose Eleganz

Auch Regers viel zu selten aufgeführte Suite findet in Dimitar Penkov einen erfahrenen Botschafter. Die Suite atmet im recht kurzen Kopfsatz 'Con moto (non troppo Vivace)' eine Leichtigkeit, die wir hier noch nicht gehört haben. Sein dichter Satz ist ebenso bachisch geformt, obwohl er dicht wie kaum anderswo gestaltet ist. An seinem Lebensende erfand der schon gesundheitlich angeschlagene Meister zu einer ebenso herzlichen wie humorvollen Tonsprache. Das 'Andante' lässt Penkov hier wunderbar singen. Er schöpft da wiederum erfahrungsreich aus dem Vollen, Doppelgriffe bereiten ihm keine Mühen, glänzen vielmehr wie güldene Sterne am Firmament. In inbrünstiger Innigkeit stellt er sein Thema vor, das stimmig und geschmeidig durch Vibrato und Bogenhand austariert ist. In der Kürze liegt die Würze auch beim 'Allegretto', das wie ein kleines Scherzetto daherkommt und den Mollcharakter betont. Sanft sprechen da zwei Stimmen im Mittelteil, ehe das Da-capo noch einmal das Material wiederholt. Das abschließende 'Vivace' ist ein letztes schwungvolles Aufatmen. Es bekräftigt die virtuosen Launen des Komponisten, auch hier noch einmal im Angesicht seines geliebten Bachschen Vorbildes. Dieses Werk ist von zeitloser Eleganz. Im Übrigen auch so gespielt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    XX Viola Sola: Dimitar Penkov, Bratsche

Label:
Anzahl Medien:
VDE-Gallo
1
Medium:
EAN:

CD
7619918157725


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Hindemith, Paul
Penderecki, Krzysztof
Reger, Max


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VDE-Gallo

VDE-GALLO Records is a small Swiss company located in Lausanne which is specialized in the recording, the production and the distribution of compact discs. VDE-GALLO Records offers one of the best WORLD MUSIC Collections.
Several CDs and the ethnographic collection also received many awards like LASER D'OR or CHOC MUSIQUE and the International Prize Charles Cros of Paris.
With more than 42 years activity, VDE-GALLO Records owns more than 1300 interesting productions and a beautiful CLASSICAL Catalogue with many first recordings.


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