> > > Camargo Guarnieri: Choros I: Sao Paulo Symphony Orchestra, Isaac Karabtchevsky
Dienstag, 26. Januar 2021

Camargo Guarnieri: Choros I - Sao Paulo Symphony Orchestra, Isaac Karabtchevsky

Konzertante Mittelklasse


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Naxos engagiert sich erneut für die Musik des Brasilianers Camargo Guarnieri, die vier hier versammelten konzertanten Werke können allerdings nur teilweise überzeugen.

Heitor Villa-Lobos gilt nach wie vor als der bekannteste brasilianische Komponist in Europa – obwohl das Land doch eine große Zahl weiterer Tondichter hervorgebracht hat. Allerdings kann es keiner aus den nachfolgenden Generationen an Popularität mit Villa-Lobos aufnehmen, auch nicht Camargo Guarnieri (1907-1993), dessen Musik vor allem vom Label Naxos gefördert wird. CDs mit den sechs Klavierkonzerten und einigen Klaviersonaten liegen bereits vor, nun folgen vier weitere konzertante Werke, die Guarnieri jedoch nicht Konzert, sondern 'Choro' genannt hat – wohl eine Hommage an den berühmten Vorgänger, war Villa-Lobos jedoch mit seinen 'Choros' für ganz unterschiedliche Besetzungen überaus erfolgreich. Neben je einem Choro für Fagott, Flöte und Violine befindet sich auf dieser Zusammenstellung auch die 'Seresta', ein konzertantes Werk für Klavier und Orchester. In allen vier Stücken musiziert das Sao Paulo Symphony Orchestra unter Isaac Karabtchevsky, die Solisten sind Olga Kopylova (Klavier), Alexandre Silvério (Fagott), Claudia Nascimento (Flöte) und Davi Graton (Violine).

Die 'Seresta' geht mit einer Länge von knapp zwanzig Minuten als verkapptes Klavierkonzert durch, der Fokus des Stückes liegt auch klar auf dem Solopart. In den Ecksätzen überwiegt ein perkussiver, motorischer Charakter, es dominieren rasante Tempi. Dennoch fehlt es schon nach kurzer Zeit an Abwechslung; Motive und Themen wiederholen sich zu rasch, und auch die pianistische Wirkung verblasst schnell. Guarnieri orientiert sich in diesem Werk hörbar an Bartók und Hindemith, ohne diese beiden Vorbilder zu erreichen. Auch der Mittelsatz schleppt sich etwas träge dahin und versucht mit endlosen Klavier-Kaskaden, fehlende Abwechslung zu verschleiern. Bei einem so schwachen Stück können die besten Interpreten nicht viel retten: Kopylova hat mit den rasch dahineilenden Ecksätzen keine Schwierigkeiten, bleibt aber bezüglich ihrer dynamischen Variationsmöglichkeiten etwas vage. Karabtchevsky sorgt für eine ordentliche Balance von Klavier und Orchester, wobei die Orchestermusiker bisweilen etwas arg blass bleiben; gerade im Finale ist die Solistin (selbst für ein Solokonzert) stark dominant. Letztlich ist die 'Seresta' kaum mehr als ein solide gearbeitetes Klavierkonzert mit viel Routine und kann sich gegenüber den zahlreichen anderen Konzerten des mittleren 20. Jahrhunderts nicht wirklich auszeichnen.

Wie ein Skizze

Der Choro für Fagott und Kammerorchester hat es da eigentlich leichter, weil es sehr viel weniger Fagottkonzerte als Klavierkonzerte gibt. Das deutlich kürzere Stück betont die lyrische, kantable Seite des Instrumentes, Silvério beherrscht die langgezogenen Melodien gut und sorgt insofern für einen Lichtblick dieser CD. Ärgerlich bleibt allerdings Guarnieris schematisches, vorhersehbares Komponieren: Die Einwürfe des Schlagwerks tauchen so häufig auf, dass man den Verdacht nicht loswird, hier sei eine kompositorische Skizze einfach noch nicht ausgearbeitet worden. Jeder Hochschul-Professor an einem Konservatorium würde seinem Studenten dieses Stück wegen Einfallslosigkeit um die Ohren werfen. Zur vertieften Interaktion zwischen Fagott und Orchester kommt es kaum. Im weiteren Verlauf des Stückes gibt es die eine oder andere Passage, die man als ganz nett bezeichnen könnte. Nur ist das eben recht wenig für ein Werk, das ausdrücklich für den Konzertsaal (und nicht etwas als konzertante Studie) geschrieben wurde. Der Fagottist hat hier ganz gut zu tun, das Orchester schon deutlich weniger; die Hörer langweilen sich.

Besser gelungen ist dem Komponisten der Choro für Flöte und Kammerorchester. Das einsätzige Stück besteht aus drei Teilen, zwei als 'Calmo' bezeichnete Abschnitte umrahmen ein schnelles Scherzando. Nascimento verfügt gleichermaßen über die notwendige Kantabilität wie Virtuosität, die hier gefordert wird; rhythmische Vielfalt spielt hier auch eine größere Rolle als im Fagott-Choro. Dass das Stück ganz auf den Solopart zugeschnitten ist, mithin die Orchestermusiker nur wenig zu tun haben, wirkt nicht als Makel. Die Begleitung ist manchmal etwas schablonenhaft, aber Nascimentos herrliches Flötenspiel entschädigt dafür. Auch die klangliche Balance zwischen Flöte und Orchester ist angemessen.

Wohltuende Abwechslung

Und der Choro für Violine? Das Werk ist länger als die beiden Stücke für Fagott und Flöte, nähert sich von der Dauer her der 'Seresta' an. Der Charakter ist weniger perkussiv als dort, ruhigere Töne dominieren. Ganz ohne die von Guarnierei offensichtlich geliebten Schlaginstrumente geht es zwar nicht, aber der eher elegisch-sinnliche Tonfall sorgt für eine wohltuende Abwechslung. Graton spielt tadelfrei und mit einem schlanken Ton, die orchestrale Begleitung wirkt unaufdringlich, bleibt aber auch nicht so schablonenhaft wie in vielen Passagen der anderen Werke. Zwar klingt Guarnieris Musik hier, als sei sie um 1851 (und nicht, wie tatsächlich, 1951) entstanden, aber das tut der Qualität des Werkes keinen Abbruch. Der Choro für Violine ist klar das beste und inspirierteste Stück auf dieser CD.

Im Ringen um einen eigenen Tonfall und unter Berücksichtigung der jeweiligen instrumentalen Gegebenheiten hat der Komponist also – diplomatisch formuliert – Werke von unterschiedlicher Qualität geschrieben. Der Choro für Fagott ist ein echter Ausreißer nach unten. Die Werke für Flöte und Klavier sind solide gearbeitet, aber auch nicht mehr. Wirklich überzeugen kann nur der Choro für Violine. Die Interpreten geben sich in allen vier Fällen Mühe, den Werken gerecht zu werden – die Qualitätsunterschiede komplett unterdrücken können sie nicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Camargo Guarnieri: Choros I: Sao Paulo Symphony Orchestra, Isaac Karabtchevsky

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

CD
747313419777


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Guarnieri, Camargo


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Naxos

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