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Mittwoch, 20. September 2017

The Carillo - 1/16 Tone Piano

Auf zum Südpol


Label/Verlag: edition zeitklang
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nichts geringeres als die Etablierung eines mikrointervallischen Tonsystems auf dem Klavier und der sich daraus ergebenden musikalischen Möglichkeiten hat die vorliegende CD im Sinn. Mikrointervallische Tonsysteme haben ebenso eine Existenzberechtigung wie das überkommene Dur-Moll-System, es ist nur eine Frage der Gewöhnung. Die Musikwelt, in der wir aufwachsen, und die wir beständig bewusst und unbewusst wahrnehmen, gewöhnt uns unerbittlich an das Dur-Moll-Tonsystem. Für die Streicher ist das Spiel mikrointervallischer Töne, mit etwas Übung, noch am einfachsten. Pianisten sind die Mikrointervalle verwehrt, es sei denn, das Klavier ist verstimmt.
Der Mexikaner Julián Carrillo, neben dem Tschechen Alois Hába und dem Russen Iwan Wyschnegradsky einer der Wiederentdecker der Mikrointervalle für die abendländische Musiktradition, aber der eigentlich erste, der für kleinere Intervalle als Vierteltöne komponierte, gab bei der Klavierfirma Sauters eine Familie von fünfzehn Klavieren in Auftrag ? vom Ganzton-Klavier über den Drittelton-Flügel bis hin zum Sechszehntelton-Klavier ? , die 1958 der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Das Sechszehntelton-Klavier umfasst eine Oktave (c' ? c'') und hat 97 Tasten. Zwei Sechszehntelton-Klaviere gab es, das Repertoire blieb bescheiden. Seit 1997 wird es wieder entdeckt. Wie erwartet, wollen die Komponisten laut Booklettext mit ihren Stücken zunächst die Möglichkeiten des Sechszehntelton-Klavieres erforschen. So befindet sich der Hörer in einer einzigartigen Situation: vor ihm liegt das unentdeckte Land des Sechszehntelton-Klavieres, so unentdeckt wie die Antarktis 1910.

Mit den Stücken ,Klavierstück VIII' und ,À la recherche de l'autre' stürzt sich Ernst Helmuth Flammer ungeachtet aller Widrigkeiten verwegen ins Schneegestöber. Es ist recht kalt, und die Ganztöne gefrieren zu Eis. Flammer fängt sie mit den Händen, wo sie sich von außen nach innen in Wasser verwandeln, glitschig werden in den schnellen Läufen der Sechszehnteltöne. Flammers Mut wird belohnt, die Entdeckungen, von denen er nach der Rückkehr berichtet, lassen aufhorchen und wecken große Neugier nach weiteren Expeditionen Flammers.
Vorsichtige Erkundungen betreibt Marc Kilchenmann mit dem Stück ,Vertrautheitsselig auf Eis'. Mit einem Bein steht er dem gewohnten Eis der Tonalität, mit dem anderen prüft er in gleichförmigen Abständen das ungewohnte Eis. Das Stück hat den Gestus einer nüchternen empirischen Studie, die in irgendeiner Bibliothek vergessen werden wird.

Bernfried E. Pröve widmet sich mit dem ,Écho à Gérard' dem gleißenden Licht der Antarktis und zerlegt es nach dem Vorbild Gérard Griseys in seine Spektralfarben. Interessant, aber die Forschungsergebnisse verblassen angesichts des über den Himmel fluktuierenden Südlichts. In sechs kurzen Ausflügen macht sich der Schweizer Martin Imholz mit der Umgebung vertraut. Er lauscht den Wellen des Meeres und der Stille des Schnees, beobachtet eine Robbe bei der Jagd und führt auf einem kleinen Hügel Ski. Recht hübsch, aber er macht eher den Eindruck eines Erholungsreisenden.
Frank Christoph Yeznikian verfolgt melancholisch Spuren im Schnee, ohne zu wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen.

Mit der ersten seiner ,3 Studien für Sechszehnteltonklavier' widmet sich Werner Grimmel dem antarktischen Wetter. Er beobachtet die Töne, die ,hinsinken wie sanfter Schneefall' (so der Komponist). In der zweiten Studie betrachtet er eine glitzernde Eisscholle zunächst von oben, dann von der Kante. Bei der dritten Studie ist es ihm wohl zu kalt geworden. Er zieht er sich zurück ins Forschungszelt und temperiert eine thailändische Tonleiter.
Für den Franzosen Alain Bancquart ist das Sechszehnteltonklavier als Ausrüstung nicht ausreichend. Er nimmt noch ein Tonband für die Vierteltöne mit. Damit fängt er die unendliche Weite der antarktischen Einsamkeit ein, innerhalb derer sich das Sechszehnteltonklavier verliert. Und irgendwo hinter dem Horizont wartet das Ziel der Sehnsüchte, der Südpol.

Liebe Hörer, wir sind gespannt, ob unsere mutigen Abenteurer, die nur mit der Hilfe neugieriger Interpreten die unendliche Weite der Sechszehnteltöne erforschen, eines Tages den Südpol erreichen werden. Werden sie die Herausforderung meistern? Oder werden sie in wohltemperierte Gefilde zurückkehren müssen? Was wird am Südpol sein? Wir drücken ihnen die Daumen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    The Carillo: 1/16 Tone Piano

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Veröffentlichung:
edition zeitklang
1
1:15:53
2003
BestellNr.:

ez-14016


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edition zeitklang

edition zeitklang will die Musik unserer Epoche, mehr noch als bisher geschehen, in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit stellen. Dabei soll jungen und unbekannten Komponisten die Möglichkeit gegeben werden, ihr Werk einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Der Musik unserer Zeit sollen aber auch vergessene Kostbarkeiten vergangener Epochen gegenübergestellt werden, hauptsächlich durch Ensembles mit eher ungewöhnlichen Besetzungen, die nicht dem gewohnten ?mainstream? entsprechen. edition zeitklang versteht sich nicht nur als CD-Label, sondern sieht sich auch als ein Forum für Komponisten, Interpreten und Musikwissenschaftler und möchte offen sein für neue Impulse. edition zeitklang hat sich zum Ziel gesetzt, hochbegabte Interpreten und Komponisten sowie außergewöhnliche Ensembles für zeitgenössische Musik auf breiter Basis in Form von CD-Monografien zu fördern. Darüber hinaus ist die Präsentation neuer Kunstformen auf CD, DVD und CD-ROM-Tonträger ein Anliegen.


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