> > > Werke von Beethoven und Barry: Britten Sinfonia, Thomas Adès
Donnerstag, 8. Dezember 2022

Werke von Beethoven und Barry - Britten Sinfonia, Thomas Adès

Adès spielt Beethoven anders als die andern


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Beethoven-Symphonien 1 bis 3 in der Neueinspielung der Britten Sinfonia unter dem Dirigat von Thomas Adès zu hören heißt: einer Revolution zu lauschen.

Die Beethoven-Symphonien 1 bis 3 in der Neueinspielung der Britten Sinfonia unter dem Dirigat von Thomas Adès zu hören heißt: einer Revolution zu lauschen. Denn hier wird der ‘Gigant’ Beethoven völlig befreit von jedwedem historischen und romantisierenden Überbau, stattdessen hört man ihn schlicht als ‘tönend bewegte Form’. Radikal entschlackt, heiter, gelassen, unaufgeregt!

Das berühmte Hanslick-Verdikt aus ‘Vom Musikalisch-Schönem’ (1854), dass Musik nichts weiter sei als eben jene ‘tönend bewegte Form’, ist gerade in Bezug auf Beethoven ungewöhnlich, weil im Laufe der Zeit ganze Heerscharen von Interpreten und Exegeten alle möglichen Programme in diese Musik hineinfantasiert haben. Sie machten damit die Stücke zu jenen Ikonen der europäischen Kulturgeschichte, als die wir sie heute kennen und lieben.

Aneinandergesetzte Bausteine

Im vorliegenden Fall gilt das besonders für die 'Eroica', also die 3. Symphonie in Es-Dur, die hier nicht wie bei Leonard Bernstein schon mit den ersten Akkorden den Hörer überrumpelt, sondern ‘einfach’ als kompositorisches Statement hingetupft daherkommt, als Akkord, aus dem sich der Sonatensatz entwickelt. Ohne dass dabei Schlachten vorm geistigen Auge ausgebreitet werden. Vielmehr werden Bausteine aneinandergesetzt und miteinander verwoben. Weil dabei so unendlich viele Details brillant herausgearbeitet werden und weil die kleinbesetzte Britten Sinfonia alles maximal durchhörbar spielt, ist das Hörerlebnis immer wieder verblüffend ‘anders’, als man Beethoven sonst kennt.

Ein verblüffender Eindruck ist auch, dass Beethoven ohne das ‘hineininterpretierte’ Drama teils wie Mozart oder Dittersdorf klingt, was dazu führt, das Manches vergleichsweise ‘langweilig’ wirkt, dann aber kippt in rasant ausmusizierte Passagen, die so furios sind, dass man sich anschnallen muss, um nicht aus der Kurve zu fliegen. Es ist ein ständiger Wechsel zwischen Tutti-Passagen und berückenden Solo-Stellen, zwischen Hyperenergie und gähnender Entspannung, mit messerscharf ziselierten Begleitfiguren und krachenden Steigerungen. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas jemals zuvor in dieser Form bei Beethoven gehört zu haben.

Auch wenn damit nicht meine eigenen Lieblingsaufnahmen der Vergangenheit entthront werden, so macht diese Interpretation dieses Doppelalbum doch sehr, sehr besonders. Und zu einer echten Ausnahme in der Flut von Neueinspielungen dieser Symphonien zum 250. Geburtstag.

Herausragender Interpret

Thomas Adès als erfolgreicher zeitgenössischer Komponist erweist sich einmal mehr als herausragender Interpret klassischer Werke (erinnert sei an sein Klavierspiel in der Neuaufnahme von Schuberts ‘Winterreise’, die allein wegen ihm zum Ereignis wird). Adès kombiniert Beethoven auf dieser Doppel-CD mit zwei Stücken von Gerald Barry: einer Vertonung von Beethovens Brief ‘An die ferne Geliebte’, in englischer Übersetzung und schlicht ‘Beethoven’ betitelt. Ein Stück aus dem Jahr 2008, hier von Bariton Mark Stone mit Mut zur grotesken Überzeichnung vorgetragen/gesungen und mit 17 Minuten eine ziemlich schräge ‘andere’ Annäherung an Beethoven.

Mit dem 20-minütigen Klavierkonzert (2012) von Barry konnte ich anfangs wenig anfangen, aber auch dieses entfaltet schnell als ‘tönend bewegte Form’ einen interessanten Reiz: weil es genauso funktioniert in der Adès-Lesart wie eine Beethoven-Symphonien. Es sind ebenso (tonale) Klangbausteine, die mit äußerster Präzision miteinander verbunden werden. Man gewöhnt sich schnell daran, dass sie ‘anders’ klingen als bei Beethoven, aber dann auch wieder nicht. Als Gesamterlebnis ist dieses Beethoven-Barry-Programm absolut erfrischend und eine der wirklich herausragenden Neuerscheinungen zum Beethoven-Jahr 2020.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Werke von Beethoven und Barry: Britten Sinfonia, Thomas Adès

Label:
Anzahl Medien:
signum classics
2
Medium:
EAN:

CD
635212061626


Cover vergössern

Beethoven, Ludwig van


Cover vergössern

signum classics

Signum Records is fuelled by the passion to produce great music recorded with integrity and creativity at the highest level.

Signum is a privately-owned and steadily-growing record label that benefits from the commitment and services of its sister company, Floating Earth, the leading production and engineering specialist service provider in Europe.

Having started the label in 1997 Signum now boasts a catalogue of nearly 150 titles and many of which are award winners, nominees or five star review recipients from around the world.

The small Signum team strives to provide a first class service at all times with clients, artists, suppliers and colleagues. Signum works with new and emerging artists and composers through to established artists, making available much-loved areas of repertoire as well as previously unheard, innovative recordings.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag signum classics:

  • Zur Kritik... Erhebend: Die neue CD des Choir of St. John's College Cambridge bietet britische Kathedralchorkunst vom Feinsten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Liebesgrüße aus Windsor: The Queen's Six können es im leichten und populären Repertoire: Eine feine Platte, frische Arrangements – ein schöner Streifzug. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Supersize: Das Armonico Consort und der Choir of Gonville & Caius College markieren mit den vierzig- bis sechzigstimmigen Werken von Alessandro Striggio und Thomas Tallis einen im engeren Wortsinn merkwürdigen Punkt der musikalischen Spätrenaissance. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von signum classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Kevin Clarke:

  • Zur Kritik... Traumverhangene Belle-Époque-Klänge : Bridge Records haben mit großer Verzögerung das Album des Kanadiers Robert Langevin auf CD veröffentlicht, das bereits 2012 aufgenommen wurde. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Donauwellen im Pandemierhythmus : Das Corona-Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker vom 1. Januar 2022 ist mit einer melodramatischen Katastrophenwarnung des Dirigenten Daniel Barenboim versehen – und verbreitet nur begrenzt Lebensfreude. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Deutsche Tonfilmschlager: Ernst Theis und das Münchner Rundfunkorchester wagen sich mit der CD 'Ich tanze mit dir in den Himmel hinein' auf vermintes Terrain. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Kevin Clarke...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Authentischer Grenzgänger: Alois Mühlbacher überrascht – wieder einmal – mit für ihn ungewöhnlichem Repertoire. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Forsch und erfrischt: Eine frische, zupackende Telemann-Lesart durch das polnische Altberg Ensemble und seinen Leiter Peter Van Heyghen. Das Programm zeigt einen schönen Ausschnitt der stilistischen Elastizität und Wendigkeit des Komponisten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Detailverliebt: Alina Ibragimovas Einspielung der Capricci op. 1 von Paganini zeichnet sich nicht durch die Herausarbeitung des großen Bogens aus. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2022) herunterladen (5000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Camille Saint-Saens: Quartett für Violine, Viola, Violoncello und Klavier E-Dur - Poco andante maestoso - Allegro vivace

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich