> > > Johannes de Cleve: Missa Rex Babylonis: Cinquecento Renaissance Vokal
Sonntag, 17. Januar 2021

Johannes de Cleve: Missa Rex Babylonis - Cinquecento Renaissance Vokal

Glanzvoll


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Cinquecento mit Renaissancerepertoire der Habsburgerhöfe: Es ist auch auf dieser Platte mit Musik von Johannes de Cleve das pure Vergnügen, den fünf Vokalisten zuzuhören. Repertoireabeit kann glanzvoll sein. Cinquecento beweist es.

Johannes de Cleve, geboren 1528 oder 1529 und gestorben 1582, ist einer der weniger bekannten, aber kaum weniger begabten Franko-Flamen, die die Epoche des kunstvollen Kontrapunkts in Europas musikalischen Zentren im 16. Jahrhundert so deutlich prägten: Ob er tatsächlich in Kleve geboren wurde und, wie gleichfalls vermutet wird, in den Niederlanden seine Ausbildung genoss, ist nicht sicher. Er begegnet uns gesichert mit einem frühen Druck seiner Werke 1553 in Antwerpen. In jenem Jahr begann er seine Laufbahn als Tenor in der kaiserlichen Kapelle Ferdinands I. in Wien, veröffentlichte 1559 zwei seinem Herrn gewidmete Motettensammlungen, wirkte später in Graz in der Kapelle von Ferdinands Sohn Karl und schied 1570 auf Grund körperlicher Schwäche aus dessen Dienst – mit einer Rente von 200 Gulden jährlich, verbunden mit der Bedingung, dass er dessen Kapelle auch weiterhin mit Kompositionen versorgte. Das tat de Cleve getreulich, unter anderem mit der 1579 erschienenen Sammlung 'Cantiones seu harmoniae sacrae', die, wie weitere Sammlungen des Komponisten, von der tiefen Verbundenheit mit dem Haus Habsburg zeugte, indem sie unter anderem repräsentative Staatsmotetten enthielt.

Im Zentrum der Platte, die das famose Vokalensemble Cinquecento aktuell bei Hyperion vorgelegt hat, steht die große fünfstimmige 'Missa Rex Babylonis', die de Cleve auf der Basis der gleichnamigen Motette aus der Feder Jacobus Vaets (ca. 1529-1567) geschrieben hat, der gleichfalls ein Komponist der ‚Sphäre Habsburg‘ war und dem Cinquecento sich bereits mit Gewinn angenähert hat. Derlei Aneignung musikalischen Materials, wie in der Missa geschehen, bedeutete Anerkennung, fußte auf kreativer Durchdringung und mündete verlässlich in absolut eigenständige Ergebnisse. De Cleves Architektur ist sehr harmonisch, der Fluss der Stimmen ist reich gegliedert. Selten sind reduzierte, durchgreifend aufgehellte Abschnitte zu hören – vielmehr setzt der Komponist erkennbar auf die verschiedenen Wirkungen der Vollstimmigkeit, tönt darin kundig ab, findet überraschende Fortschreitungen. Gelegentlich entsteht beinahe der Eindruck einkomponierter Wechselwirkungen verschiedener Klanggruppen, die später die Arbeiten der Mehrchörigkeit prägen sollten. Jedenfalls ist das kontrapunktische Geschehen an keiner Stelle konturlos dicht oder undurchdringlich, auch wenn die Messe klar auf die gleichzeitige Wirkung aller fünf Stimmen setzt.

Ergänzt wird das Programm um einige der angesprochenen Staatsmotetten, die dem jeweiligen Herrscher zur Ehre gereichten und gleichzeitig Qualitätsnachweise für die Arbeit ihrer Urheber waren. Dazu tritt, als Quellenvergleich gewissermaßen, Jacobus Vaets Motette 'Rex Babylonis'.

Fantastisches Ensemble

Das Ensemble Cinquecento hat sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten von Wien ausgehend einen exzellenten Ruf ersungen: Zu hören sind der Countertenor Terry Wey, die Tenöre Achim Schulz und Tore Tom Denys, der Bariton Tim Scott Whiteley und der Bass Ulfried Staber. International in seiner Mitgliedschaft – die Sänger kommen aus der Schweiz, Österreich, Deutschland, Belgien und Großbritannien – ist das Ensemble doch, bei aller sonstigen und generell auf die Vokalmusik der Renaissance bezogenen Expertise, die ihrerseits diskografisch reich dokumentiert ist, so eindeutig einer kompositorischen Welt zuzuordnen, wie kein anderes: Die Vokalisten fühlen sich im ‚Repertoire der Habsburger‘ so zu Hause wie sonst niemand.

Auf diesem Weg setzen sie – fast notwendig, denn Vaet, de Monte, Schöndorff oder eben de Kleve finden sich auf den Programmzetteln anderer potenter Formationen sehr viel seltener als die ebenfalls von Cinquecento gesungenen Willaert, di Lasso oder Richafort – programmatische Akzente von einigem Gewicht, erkunden spürbare Nischen der musikalischen Rezeption jener Zeit, nicht der Musikgeschichte an sich, die ja nachvollzieh- und erwartbar an den großen Höfen der Habsburger mitgeschrieben wurde. Und das Ensemble folgt diesem Weg konsequent, mit hocherfreulichen Ergebnissen und noch immer stetig wachsender Perspektive. Es sind fabelhafte Einzelstimmen, die die Gruppe formen, von plastischer Gestalt und klangsatter Souveränität. Doch fügt sich jeder Beitrag in das gelingende Ganze, wird auch ein mittlerweile so profilierter Solist wie Terry Wey auf selbstverständliche Weise Teil des Ensembles.

Herausragende Intonation

Die Tempi fließen schön und geschmeidig, erweisen sich als tragfähig für die großen Bögen, die weiträumig ausgespannt werden und den intrikaten Satz leuchtend überwölben. Diese reich substantiierte lineare Qualität erfährt etliche Impulse aus nimmermüder vokaler Arbeit im kontrapunktischen Geflecht. Die Intonation ist schlicht herausragend – die Präsentation ist in dieser Hinsicht prachtvoll und beglückend, gleichgültig, ob in weit aufgefächerter Lage oder intensiver Konzentration. Und bei aller gelassenen Klangpracht setzen die Vokalisten doch im Grunde auf Nuancen, auf die feine Unterscheidbarkeit von Gesten und Klängen. Das Kloster Pernegg im Waldviertel ist ein offenkundig bezaubernder Aufnahmeort, der Räumlichkeit und Inspiration dazugibt, den Gesang insgesamt nochmals nobilitiert.

Seit vielen Jahren leistet das Vokalensemble Cinquecento Großes vor allem für das Renaissancerepertoire der Habsburgerhöfe: Es ist auch auf dieser Platte mit Musik von Johannes de Cleve das pure Vergnügen, den fünf Vokalisten zuzuhören. Repertoireabeit kann glanzvoll sein. Cinquecento beweist es.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Johannes de Cleve: Missa Rex Babylonis: Cinquecento Renaissance Vokal

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
1
Medium:
EAN:

CD
034571282411


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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