> > > Dallapiccola: Il Prigioniero: Danish National Concert Choir, Danish National Symphony Orchestra, Gianandrea Noseda
Montag, 10. Mai 2021

Dallapiccola: Il Prigioniero - Danish National Concert Choir, Danish National Symphony Orchestra, Gianandrea Noseda

Hinter dänischen Gardinen


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gianandrea Nosedas Neueinspielung von Luigi Dallapiccolas bekanntester Oper kann nicht ganz Referenzstatus erreichen, trotz ausgezeichneter Orchesterleistung.

Gianandrea Nosedas Dallapiccola-Edition auf Chandos erreicht nach zwei CDs mit Orchestermusik (mit dem BBC Philharmonic) nun einen neuen Höhepunkt mit der Oper 'Il Prigioniero' sowie zwei Chorwerken, der ersten Reihe Michelangelo-Chöre (1933) und dem Chorstück 'Estate' (Sommer) auf einen Text von Alkaios von 1932. Dallapiccolas Chorschaffen wird auch in Italien kaum gepflegt, so dass die vorliegende im Prinzip hochwillkommen ist. Der DR KoncertKoret unter Poul Emborg (der in der Oper nur kurze Einwürfe beizutragen hat) bietet die drei Chorsätze in hoher Klangkultur mit feiner dynamischer Differenzierung. Wenn es der Musik dennoch an etwas Essenziellem mangelt, so ist es ‚romanische Frische‘; ein wenig klingen die Kompositionen, als hätte man sie aller Sinnlichkeit entkleidet, als würden hier kunstvolle Klanggebilde zelebriert, ohne primärer Schwerpunkt auf dem Text. Wieviel unmittelbarer wirkt die Wiedergabe durch den Chor des Maggio Musicale Fiorentino 1965 unter Bruno Bartoletti – trotz vokaler und klangtechnischer Unzulänglichkeiten.

Dramatisch bezwingend

Von stärkerer Bühnendramatik sprüht der Operneinakter mit Prolog 'Il Prigioniero' (Der Gefangene, 1944-48), zu dem Dallapiccola das Libretto schrieb. Der Titel einer der beiden zugrunde liegenden Prosatexte 'La torture par l’espérance' fasst den Inhalt des Dreiviertelstündlers zusammen, in dem es um die sich entwickelnde Erkenntnis des Gefangenen geht, dass es aus dem Inquisitionskerker keinen lebenden Ausweg geht. In dem eröffnenden Prolog spiegelt die Mutter des Gefangenen sozusagen den Blick von außen. Anna Maria Chiuri singt die Mutter mit starker Expression und unter Zurückstellung gesanglicher Qualitäten; nicht immer sind ihre Tonhöhen eindeutig, doch der dramatisch bezwingende Eindruck ist unleugbar.

Die Struktur der Oper ist einfach – in der ersten Szene begegnet der Gefangene seiner Mutter, in der zweiten dem Kerkermeister und in der dritten dem Großinquisitor (der vom selben Singdarsteller wie der Kerkermeister dargeboten wird). Die vokale und dramatische Hauptlast liegt also fraglos auf dem Gefangenen, hier gesungen von dem Bariton Michael Nagy. Einigen der diskografischen Beiträge der vergangenen sechzig Jahre kann der junge Deutsche sowohl stimmlich als auch von der dramatischen Ausarbeitung oder der Aussprache nicht ganz Paroli bieten, Eberhard Wächter etwa oder Jorma Hynninen. Wie bei Chiuri zeugt das Vibrato in Nagys Stimme von bedenklicher Vokaltechnik, die dringend der Korrektur bedürfte. Dabei zeigen seine Differenzierungsmöglichkeiten in dynamischer Hinsicht, dass die Stimme noch keineswegs ausgesungen, nur nicht rundum kontrolliert gebildet wird.

Der Kerker/Großinquisitor wird von Stephan Rügamer in chargierender Charaktertenormanier mit schwacher Höhe gesungen – insgesamt deutlich besser als in Esa-Pekka Salonens Sony-Produktion von 1995, wo Rügamers Italienisch um ein Vielfaches bedenklicher war. In der Oper überzeugt hier der DR KoncertKoret deutlich stärker als in den A-Cappella-Sätzen, lässt sich von Nosedas Dirigat mitreißen. Das DR SymfoniOrkestret bringt Dallapiccolas Nachkriegspartitur zum Leuchten und ist nur um weniges weniger expressiv als das Orchester der Pariser Oper im nur im Internet anhörbaren Live-Mitschnitt von 2008 unter Lothar Zagrosek, mit Evgeny Nikitin, Rosalind Plowright und Chris Merritt. Klangtechnisch ist die neue Chandos-Einspielung über jeden Zweifel erhaben, und auch das Booklet ist von vorbildlicher Sorgfalt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dallapiccola: Il Prigioniero: Danish National Concert Choir, Danish National Symphony Orchestra, Gianandrea Noseda

Label:
Anzahl Medien:
Chandos
1
Medium:
EAN:

CD SACD
095115527627


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Dallapiccola, Luigi


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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