> > > Carl Heinrich Graun: Polydorus: Barockwerk Hamburg, Ira Hochman
Samstag, 4. Dezember 2021

Carl Heinrich Graun: Polydorus - Barockwerk Hamburg, Ira Hochman

Wenig Theaterblut


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser 'Polydorus' ist eine Entdeckung wert, allein der spannenden Musik wegen. Auch Dirigentin, Orchester und Solisten sind hörbar überzeugte Verfechter dieser Ausgrabung. Theaterblut fließt aber wenig.

Die Opern Carl Heinrich Grauns sind nicht gerade ein Dauerbrenner des heutigen Musiktheater-Repertoires. Obwohl zahlreiche musikalische Bühnenwerke des Barock in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich wiederbelebt wurden, hat man sich bislang nicht allzu sehr um die Musik Grauns bemüht. Vergessen ist er beileibe nicht, aber es sind überschaubar wenige Titel seines umfassenden Œuvres an Opern, die viel zu selten zur Aufführung kommen oder auf Tonträger Verewigung finden. Grauns 'Polydorus' gehört gewiss nicht zu diesen gelegentlich gespielten Bühnenwerken. Die deutschsprachige Opera seria von 1726 machte erst vor wenigen Jahren die Dirigentin Ira Hochman mit ihrem Ensemble barockwerk hamburg in den ersten Aufführungen seit Grauns Tagen wieder zugänglich.

Deutschsprachige Griechen

Der Komponist schrieb den 'Polydorus' auf ein Libretto von Johann Samuel Müller für das herzogliche Opernhaus in Braunschweig. Graun war selbst Sänger, ein hoher Tenor, und komponierte gleich einer der Hauptpartien, den Deiphilus, für sich selbst. Die Geschichte aus der griechischen Mythologie dreht sich um eine Folgehandlung des Trojanischen Kriegs: Der junge Trojaner Polydorus wird während des Krieges bei seiner großen Schwester Ilione in Thrakien versteckt. Diese vertauscht zur Sicherheit die Identitäten ihres eigenen, gleichaltrigen Sohnes Deiphilus mit jener ihres kleinen Bruders. Selbst ihr Gatte Polymnestor ahnt nichts von dieser Aktion. Und so kommt es, wie es kommen muss in einem antiken Drama: Die Griechen fordern die Herausgabe des Polydorus, der thrakische König willigt ein, nicht ahnend, dass er seinen eigenen Sohn ans Messer liefert. Am Ende wird effektvoll gestorben, bereut und verflucht. Sogar eine Geistererscheinung des ermordeten Deiphilus darf nicht fehlen. Und die Besonderheit: alles in deutscher Sprache. Das ist zur damaligen Zeit, in der die italienische Seria als modernste und populärste Form Erfolge feiert, keine Selbstverständlichkeit.

Bei cpo ist der von Ira Hochman editierte und aus der Versenkung gehobene 'Polydorus' nun auf zwei CDs zum Nachhören erschienen. Diese Einspielung vom September 2018 hat einiges zu bieten, vor allem ein motiviertes Originalklang-Orchester, das die Schönheiten und Farben der Partitur zum Leuchten bringt. Die Ouvertüre bereitet mit klanglicher Attraktivität den Grundton für die bunte Ansammlung von typischen Seria-Arien, die ganz im Sinne der Zeit die notwendige Fülle an Affekten liefern, um die Zuhörer zu fesseln. Die Rezitative sind in der vorliegenden Aufnahme gut gekürzt, um das Spieltempo zu erhöhen. Die Arien überraschen ebenfalls mit einer erfrischenden Kurzweil, selten ergeben sich größer dimensionierte Soloäußerungen.

Oratorienhafte Schicklichkeit

All das wäre ein willkommener Anlass, ein packendes barockes Operndrama aufflammen zu lassen, aber diese Art der Theatralik scheint dem Ensemble und seiner versierten Leiterin kein sonderliches Anliegen zu sein. Mit Akkuratesse und oratorienhafter Schicklichkeit statten die Solistinnen und Solisten ihre Partei aus. Das führt nicht zwangsweise zu Blutarmut, wie beispielsweise die innige Interpretation der Ilione von Hanna Zumsande beweist. Sie intoniert lupenrein, spinnt Herzenstöne und Klangzauber – aber sie ist im puren Hörerlebnis keine packende ‚Drama Queen‘ der Opernbühne. Stilistisch versiert sind nahezu alle Beteiligten, aber wenig bis gar nicht expressiv. Am ehesten kann man sich den strahlenden und wendigen Tenor von Mirko Ludwig als Deiphilus auf einer Bühne darstellen. Er lässt erahnen, was der 'Polydorus' in szenischem Gewand sein könnte.

Als Andromache kommt Santa Karnīte mit lyrischer Qualität und warmen Farben zum Einsatz, während der Polymnestor von Fabian Kuhnen mit seinem kernigen Timbre gefällt. Doch auch er lässt jenes Feuer und die Verve vermissen, mit der es im Zuge des Dramas zur Sache gehen könnte. Grauns Musik kann einen mitreißen, wie vor wenigen Jahren beispielsweise Julia Lezhneva und das Concerto Köln mit ihrem Graun-Album bewiesen haben. Diese Kühnheit fehlt dem sittlich musizierten 'Polydorus' bei cpo. Daran ändert auch die fulminante Stimme des Altisten Alon Harari in der Titelrolle nichts, schon gar nicht der Bass-brave, kultiviert singende, aber leider unenergetische Pyrrhus von Ralf Grobe. Den Dares gibt Andreas Heinemeyer. Dieser 'Polydorus' ist eine Entdeckung wert, allein der spannenden Musik wegen. Auch Dirigentin, Orchester und Solisten sind hörbar überzeugte Verfechter dieser Ausgrabung. Theaterblut fließt aber wenig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Carl Heinrich Graun: Polydorus: Barockwerk Hamburg, Ira Hochman

Label:
Anzahl Medien:
cpo
2
Medium:
EAN:

CD
761203526628


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Graun, Carl Heinrich
 - Polydorus - Ouverture
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Dirigent(en):Hochman, Ira


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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