> > > Jules Massenet: Thais: Toronto Symphony Orchestra, Sir Andrew Davis
Sonntag, 25. Juli 2021

Jules Massenet: Thais - Toronto Symphony Orchestra, Sir Andrew Davis

Exotik-Rausch mit Luft nach oben


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sir Andrew Davis betont die Schönheiten und Effekte der 'Thaïs'-Partitur, während die stimmlich attraktiven Solisten auf der Ausdrucksskala noch Luft nach oben lassen.

Die 'Méditation' von Jules Massenet – jenes anrührende Violinsolo mit Orchester, das in kaum einem Wunschkonzert fehlt – kennt der geneigte Klassikhörer zur Genüge. Die dazugehörige Oper 'Thaïs' ist hingegen schon eher aus dem Blickfeld gerückt. Vergleichsweise selten steht diese melodienreiche und exotisch-schwüle Comédie lyrique aus dem Jahr 1894 bzw. 1898 auf den Spielplänen und auch die Plattenindustrie hat der Versuchung widerstanden, sie in ähnlicher Schlagzahl wie Massenets 'Werther' oder seine 'Manon' auf den Markt zu bringen. Das mag einerseits an der bedeutungsschwangeren und zugleich recht reduzierten Handlung zwischen verführerischer Erotik und selbstzerstörerischer Askese liegen. Andererseits ist 'Thaïs' eben auch eine Oper, die von der Persönlichkeit ihrer wenigen Interpreten lebt.

Das Werk steht und fällt mit der Besetzung der Titelfigur sowie des Mönchs Athanaël. Drumherum kann fast schon geschehen, was da wolle, aber auf den Schultern dieser beiden Solisten liegt die Hauptlast, sie bestreiten so ziemlich jeden Augenblick im emotional aufgeladenen Duett oder in nicht weniger aufreibenden Solopassagen. Die übrigen Personen sind nicht unwichtige Stichwortgeber oder Dialogpartner, die weitestgehend auch das Kolorit liefern, das ebenso von Massenets raffiniertem Orchesterpart und den bühnenwirksam eingesetzten Chören bestimmt wird.

Blühende Farbpalette

Den wenigen greifbaren Studioproduktionen von 'Thaïs' mit ihren Stars wie Anna Moffo, Renée Doria, Beverly Sills oder Renée Fleming stellt sich nun die Neuaufnahme beim Label Chandos mit Erin Wall als Kurtisane an die Seite. Und wo einst Gabriel Bacquier, Sherrill Milnes oder Thomas Hampson den Athanaël gaben, schlüpft hier Joshua Hopkins in die emotionale Problemzone des Zenobiten. Auf zwei klanglich hervorragenden SACDs breitet Sir Andrew Davis mit dem Toronto Symphony Orchestra die blühende Farbpalette von Massenets Partitur eindrücklich aus.

Den schillernden Star-Bonus früherer Einspielungen besitzt die vorliegende 'Thaïs' nicht, sie muss sich aber dennoch nicht verstecken. Erin Wall und Joshua Hopkins überzeugen in ihren Partien auf der rein vokalen Seite weitestgehend, lassen auf der Ausdrucksskala aber noch Luft nach oben. Gerade bei Erin Walls Thaïs würde man sich auf der reinen Tonkonserve mehr Farben und wahrhaftigeren Ausdruck in mutigeren Kontrasten wünschen. Wall besitzt einen reizvollen Sopran, der mit jugendlicher Frische und schönem Piano punktet. So einige Effekte, wie ein Diminuendo im Höhenpiano oder das zarte Verhauchen einer Passage, erinnern stark an Beverly Sills‘ Interpretation. Doch was bei Sills authentisch klingt, erhält bei Wall eine Tendenz zur bloßen Attitüde. Sie fühlt die Seelenqual der Thaïs mit Sicherheit in aller gebotenen Tiefe, aber es transportiert sich nicht durchgängig. Gerade die 'Spiegel-Arie' vermag nicht zu berühren, obwohl sie wunderschön gesungen und behutsam gestaltet ist. Magische Momente kommen nicht auf. Eindrücklich gelingen Wall dann wieder das zweite Bild des zweiten Aktes und die Oasen-Szene. In der Sterbeszene stößt die Sopranistin, die mit ihrem Vibrato bisweilen großzügig umgeht, an ihre Grenzen – aber das tut die Titelfigur hier schließlich auch.

Klanggewaltig

Joshua Hopkins ist an Walls Seite ein ausgesprochen potenter und klanggewaltiger Athanaël. Von Askese weiß diese kernige, dunkle Baritonstimme wenig – passend zum Charakter. Seine Anklage an das verderbte Alexandria ist ausgesprochen sinnlich und verschwenderisch im Ton. Freilich wären auch bei ihm weitere Farben und Ausdrucksnuancen wünschenswert, um die Zerrissenheit Athanaëls nachvollziehbar zu machen. Manche Höhe bereitet Hopkins hörbares Unbehagen, tut aber dem attraktiven Gesang keinen Abbruch. Mit Erin Wall harmoniert Hopkins ausgesprochen gut, weshalb die Duette der beiden im Rahmen des Gebotenen ausnahmslos funktionieren.

Den Nicias gibt Andrew Staples mit leichtem Knödel und überraschend ältlicher Tongebung, aber zweifellos rollendeckend und glaubwürdig. Nathan Berg steuert als Palémon seinen dunklen, etwas knorrigen Bass bei und das Damen-Quartett ist mit Liv Redpath als Crobyle, Andrea Ludwig als Myrtale, Emilia Boteva als Albine und Stacey Tappan als Stratosphären-sicherer Charmeuse vorzüglich besetzt.

Üppige Melodiebögen

Das Toronto Symphony Orchestra genießt unter der Leitung von Sir Andrew Davis die reizvollen Ausflüge ins Exotische und schwelgt an anderer Stelle wieder in üppigen Melodiebögen und Klangeruptionen. Davis liefert zahlreiche Momente, die den Wert der 'Thaïs'-Partitur unterstreichen, zaubert Atmosphäre und sorgt für eine klare Textur. Ganz ausgezeichnet agiert der Toronto Mendelssohn Choir mit seinem Leiter David Fallis.

Bleibt am Ende die Frage, ob diese tontechnische Hochglanz-'Thaïs' ein Übermaß an polierter Oberfläche besitzt. Wall und Hopkins singen ihre Partien stimmstark und schön, aber auch wenig verbindlich. Und Davis betont die Schönheiten und Effekte der Partitur, lässt aber das eigentliche Drama auch in den Hintergrund treten. Trotzdem: Eine aktuelle 'Thaïs' war überfällig. Dass sie auch so manche Tendenzen im aktuellen Opernbetrieb widerspiegelt, muss man in Kauf nehmen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Jules Massenet: Thais: Toronto Symphony Orchestra, Sir Andrew Davis

Label:
Anzahl Medien:
Chandos
1
Medium:
EAN:

CD SACD
095115525821


Cover vergössern

Massenet, Jules


Cover vergössern

Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Chandos:

  • Zur Kritik... Zwei Komponistinnen und ein Bassist: Zwei große Klavierquintette aus den USA sind echte Entdeckungen, in vorbildlicher Interpretation. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Mutlos: Gegen die cpo-Referenzeinspielungen der Orchestermusik von George Antheil unter Hugh Wolff hat die vorliegende Produktion keine Chance. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Bedeutende Einspielung: Jean-Efflam Bavouzet bietet eine vitale und intelligente Sicht auf Mozarts Klavierkonzerte. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
blättern

Alle Kritiken von Chandos...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... In den Startlöchern: Die Debüt-CD von Hila Fahima ist ein klares Zeichen, der Künstlerin noch viele Möglichkeiten für Bühnenauftritte und das damit verbundene Erfahrungsammeln zu geben. Das Potenzial ist deutlich zu hören. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Pralles Theater zwischen Barock und Heute: Wenn man die 'Beggar's Opera' so präsentiert bekommt, kann man die Faszination von 1728 mit Händen greifen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Beängstigendes Liebesspiel: Es gibt bereits einige herausragende Aufnahmen von Bartóks einziger Oper – nun gibt es eine mehr. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... In russischer Tradition: Ganz abschütteln kann Mieczysław Weinberg in seinen Klaviersonaten die großen Namen Prokofiev und Schostakowitsch nicht. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Rundes Programm: Telemann und seine Kunst in einem schönen Kantatenprogramm gewürdigt: Gemeinsam mit einigen der Gamben-Fantasien wird durch Simone Eckert und die Hamburger Ratsmusik ein Teil der Vielfalt im Schaffen des Komponisten angedeutet. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Zwei Komponistinnen und ein Bassist: Zwei große Klavierquintette aus den USA sind echte Entdeckungen, in vorbildlicher Interpretation. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Schumann-Kammermuikpreis

Anzeige

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (1/2021) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2021) herunterladen (3560 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich