> > > James MacMillan: Symphony No.4, Viola concerto: Lawrence Power, BBC Philharmonic, Martyn Brabbins
Donnerstag, 22. Oktober 2020

James MacMillan: Symphony No.4, Viola concerto - Lawrence Power, BBC Philharmonic, Martyn Brabbins

Unerschöpfliche Klangphantasie


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Spannende und ergreifende Musik unserer Zeit, kongenial interpretiert: Martyn Brabbins brilliert mit James MacMillans vierter Symphonie und dem von Lawrence Power gespielten Violakonzert.

Kaum ein schottischer Komponist ist international so anerkannt wie James MacMillan (Jahrgang 1959). Die Liste der Musikerinnen und Musiker, die seine Werke im Repertoire haben, ist lang und enthält klangvolle Namen wie Marin Alsop, Martin Fröst, Evelyn Glennie oder Harry Christophers. Chorwerke und Orchesterwerke bilden einen Schwerpunkt in MacMillans Schaffen, das sich angesichts seiner Vielfalt schwerlich auf einen stilistischen Nenner bringen lässt. Wollte man es unbedingt versuchen, könnte es mit der Beschreibung von Brücken in beide Richtungen funktionieren: Der Komponist ist aufgeschlossen für avantgardistische Techniken und Klänge, hat aber die Verbindungen zur Tradition dabei keineswegs völlig gekappt. Insbesondere die gegenwärtig fünf Symphonien legen davon Zeugnis ab. Auch mit der Gattung des Instrumentalkonzertes hat sich MacMillan immer wieder auseinandergesetzt. Vorliegende CD des BBC Philharmonic Orchestra versammelt zwei großformatige Werke aus den Jahre 2013 bis 2015: Zum einen die vierte Symphonie, zum anderen das Konzert für Viola und Orchester. Dirigent ist Martyn Brabbins, den Solopart im Konzert interpretiert Lawrence Power.

Exzellente Klangtechnik

Die vierte Symphonie erstreckt sich über eine Dauer von 40 Minuten und läuft in einem Satz durch, sofern man diesen traditionellen Terminus überhaupt noch verwenden kann. Die vorherrschende Stimmung ist transparent-kammermusikalisch, zwar kommt es hin und wieder zu kraftvollen Durchbrüchen à la Mahler (so z. B. nach sechs Minuten), diese bleiben aber die Ausnahme. Sonore, oft von den Streichern dominierte Klänge herrschen vor, von einer rabiaten Wildheit, wie sie manch ein Kommentator bei MacMillan verortet, ist hier nur abschnittsweise etwas zu spüren. Das Werk fordert viel von den Ausführenden wie vom Hörer; die Differenziertheit der musikalischen Verläufe nachzuvollziehen ist nicht immer einfach. Brabbins und die Musiker des BBC Philharmonic erreichen sowohl bei den (wenigen) blechlastigen Steigerungen als auch bei den dominierenden leisen Klängen ein Höchstmaß an interpretatorischer Präzision und werden dabei von einer exzellenten Klangtechnik unterstützt, die alle Feinheiten der komplexen Partitur hervorragend abbildet. Zu den vielen gelungenen Details, die hier nicht alle erschöpfend genannt werden können, gehört die phantasiereiche Einbettung des Klaviers und eines großen Schlagwerk-Apparates in das Orchester. MacMillan erweist sich mit seiner vierten Symphonie als ein Tondichter von nahezu unerschöpflicher Klangphantasie; Brabbins und das BBC Philharmonic knüpfen nahtlos an dieses hohe Niveau an.

Nahezu perfekte Balance

Mit geringen Abstrichen gilt dies auch für das Violakonzert, das mit rund 32 Minuten etwas kürzer als die vierte Symphonie ist. Die traditionelle Dreisätzigkeit schimmert noch durch, das Finale trägt sogar ausdrücklich die Satzbezeichnung 'Allegro'. Das Werk ist ganz auf den Solisten zugeschnitten, obwohl der Orchesterpart schon deutlich über eine reine Begleitung hinausgeht, scheint mir eine Bezeichnung als ‚symphonisches Konzert‘ hier nicht angebracht. Tonfall und Struktur des Werkes muten ein Stück weit konservativer an als in der vierten Symphonie, MacMillan scheint hier eher in die späte Romantik zurück- als in die Moderne vorauszublicken. Lawrence Power bringt alles mit, was zur Bewältigung des Stückes erforderlich ist: Erstklassige Technik, die Fähigkeit, lange Melodiebögen und Kantilenen zu gestalten, und die notwendige Ausdauer. Durch eine höchst sorgfältige Instrumentierung besteht niemals die Gefahr, dass das Orchester die Viola zudecken könnte; zudem sorgt Brabbins mit einem sehr aufmerksamen Dirigat für eine nahezu perfekte Balance. Vermutlich gibt es nur wenige Violakonzerte, in denen der Solist so virtuos und beinahe pausenlos gefordert ist – umso höher ist Powers Leistung zu bewerten. Haarsträubende Läufe und Sprünge, rasante Tonrepetitionen und dynamische Extreme bewältigt er ohne hörbare Mühe. Es dürfte sehr schwierig werden, diese Einspielung zu übertreffen.

So ist diese CD nicht nur für MacMillan-Freunde interessant, sondern für jeden Hörer, der sich jenseits des beinharten Avantgardismus für die Musik unserer unmittelbaren Gegenwart interessiert. Ohne jemals in die Trivialität abzugleiten, gelingt es MacMillan, Orchesterwerke zu komponieren, die klangliche Errungenschaften des mittleren und späten 20. Jahrhunderts mit den traditionellen Formen kombinieren. Dass diese Stücke dann auch noch in erstklassigen Interpretationen vorliegen, darf als Glücksfall bezeichnet werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    James MacMillan: Symphony No.4, Viola concerto: Lawrence Power, BBC Philharmonic, Martyn Brabbins

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
1
Medium:
EAN:

CD
034571283173


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

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