> > > Arvo Pärt: Stabat Mater: Gloriae dei Cantores, Richard Pugsley
Sonntag, 17. Oktober 2021

Arvo Pärt: Stabat Mater - Gloriae dei Cantores, Richard Pugsley

Pärts Geheimnis


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schlichte Linien schlicht zu singen ist ein wesentliches Geheimnis bei Arvo Pärt: Das gelingt auf der Platte der Gloriæ Dei Cantores nur mit deutlichen Abstrichen.

Arvo Pärt ist dank seiner Musik längst ein Phänomen – ausgehend von seiner estnischen Heimat, lange Jahre mit Lebensmittelpunkt und künstlerischer Entfaltung in Deutschland, dann weitergetragen von maßgeblichen Interpreten in den angelsächsischen Raum, ist Pärt eine weltweite Referenz, die Fasslichkeit und geistliche Inspiration mit dem Anspruch erprobter Moderne zu einem einzigartigen Personalstil verbindet. Entgegen oberflächlicher Wahrnehmung verbirgt sich im schlichten Klang nicht lediglich Einfachheit, vielmehr sind satztechnische Klarheit und Entschiedenheit, zum Beispiel in der konsequenten Reihung konzentrierter Motive und Wendungen kennzeichnend, die Pärt weit entfernt von Wohlfühlklassik siedeln lassen, zumal er das allzu Offenkundige einer möglichen Wendung, das zu vordergründig Versöhnliche konsequent verweigert und sich stattdessen oft erstaunlich erratisch zeigt.

Jetzt liegt im Eigenverlag des Ensembles Gloriæ Die Cantores eine hybride SACD vor; beheimatet ist es im amerikanischen Orleans in Massachusetts. Die rund 30-köpfige Formation ist dort Teil einer Gemeinschaft, die sich benediktinischer Klösterlichkeit verpflichtet fühlt, ohne allerdings dem Orden oder überhaupt nur einer einzelnen christlichen Tradition verbunden zu sein: Vielmehr werden offenbar viele Wege zur Seligkeit integriert; es sind Laien und durch Gelübde Gebundene vertreten – beide Gruppen sind auch im Chor aktiv.

Das Programm der Platte vereint überwiegend Arbeiten des neuen Jahrtausends: 'Peace Upon You, Jerusalem' aus dem Jahr 2002 für Frauenchor a cappella, dann das bislang selten eingespielte 'L'abbé Agathon' in der Version für Sopran, Bariton, Frauenchor und Streicher von 2008, das 'Salve Regina' für gemischten Chor und Orgel von 2001/02, das 'Nunc dimittis' für gemischten Chor von 2001, dazu als Vertreter der ‚Pärt-Klassiker‘ das dem Staats- und Domchor in Berlin gewidmete 'Magnificat' von 1989 und schließlich das raumgreifende 'Stabat Mater' in der Version für dreistimmig gemischten Chor und Streicher, ursprünglich 1985 komponiert und letztmals 2020 überarbeitet. Es sind Werke, die den Komponisten überwiegend in seiner rundum gereiften Schaffensphase zeigen, natürlich von seiner Tintinnabuli-Idee geprägt, doch auch mit rauen Gesten jenseits allzu deutlicher Vorhersagbarkeit versehen. Zu erleben ist in einzelnen der Sätze Pärts zuzeiten durchaus eigenwillige instrumentale Figuration. Prägend sind insgesamt natürlich klar gesetzte Intervalle, reine Akkorde spielen eine konstitutive Rolle – beides in Verbindung miteinander evoziert im Grunde die zutreffende Pärt-Vokalstilistik, wie baltische Ensembles, das Hilliard Ensemble, verschiedene Chorprojekte von Paul Hillier, dazu Stephen Laytons Polyphony oder in überraschend stupender Richtigkeit die eigentlich auf Renaissance-Musik spezialisierten Tallis Scholars sie mustergültig exerziert haben.

Stilistisch nicht überzeugend

Rein ästhetisch muss sich jede Pärt-Interpretation mit diesen einschlägigen Ensembles messen. Sie haben den – das lässt sich angesichts einer großen, aber nicht unüberschaubaren Diskografie durchaus objektivierbar sagen – zutreffenden Ansatz gefunden und expliziert, der auf tonlicher Schlichtheit, auf Konzentration basiert und darauf, dass das auf den ersten Blick fassliche Geflecht der Stimmen bei Pärt mit Geduld, oft gar dezidiert langsam entfaltet wird. Die Gloriæ Dei Cantores, das sei vorweggenommen, verfolgen einen deutlich anderen Ansatz. Zu hören ist ohne Zweifel inspirierter Chorgesang, gerade die inhaltliche Entsprechung der Texte in der Musik ist zu keinem Zeitpunkt von vordergründig professioneller Glätte verstellt – ein klarer Pluspunkt der Formation, die dem geistlichen Teil des Pärtschen Kunstanspruchs sehr deutlich folgt.

Die Frauenstimmen wirken besonders hell timbriert und weisen eine beträchtliche Vibratoneigung auf. Die Männer agieren etwas geschlossener, etwas stärker in der linearen Klarheit; wenn die Szene deutlicher in Bewegung kommt, wirken die Tenöre etwas inkonsistent und nicht in jeder Geste hochklassig. Intoniert wird überwiegend ohne Probleme; wenige Übergänge mit wechselnden Besetzungen offenbaren Wackler, ausgehaltene Akkorde wabern an einzelnen Stellen eigentlich höchster Konzentration beinahe bedrohlich. Denn es ist vor allem die geradezu unruhige Stimmführung, die inkonstante Qualität der Tonproduktion, die Pärts Musik vor allem in den reinen Frauenchorsätzen das Geheimnisvolle, das Schlichte, das Auratische raubt. In durchaus hochklassigen Soli bleiben diese Kritikpunkte bestehen, wirkt manche Passage in vibratosattem Ausdruckswillen fast schon kurios überzeichnet wie im erzählerisch angelegten 'L'abbé Agathon' – doch Pärt ist auch hier nicht dramatisch. Die in einigen Kompositionen geforderten Streicher agieren solide, spielen ihre feinen Gespinste erstaunlicherweise deutlich zurückhaltender und präziser, wirken gut organisiert und klanglich ansprechend.

Fein gestuftes Bild

Richard K. Pugsley lässt all das oft angemessen verhalten musizieren, widersteht nur gelegentlich nicht dem inneren Drang nach eiligerer Entfaltung, was auf Kosten der Linien geht. Dynamisch dagegen ergibt sich aus dem Zusammenwirken von Dirigent und Chor ein fein gestuftes Bild, überzeugend kontrolliert und mit schöner Konzentration. Technisch ist das Klangbild räumlich weit und zugleich hochkonzentriert, dazu ansprechend gestaffelt.

Schlichte Linien schlicht zu singen ist ein wesentliches Geheimnis bei Arvo Pärt: Das gelingt auf der Platte der Gloriæ Dei Cantores nur mit deutlichen Abstrichen. Wenn zum Beispiel die prägenden Sekundreibungen am Beginn des Magnificats vollkommen wirkungslos bleiben, weil sie nicht selbstverständlich von einem Beben oder Tremolo zu unterscheiden sind, dann ist das nicht adäquat. So wirkt vieles inspiriert, aber stilistisch alles andere als überzeugend. Schade.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Arvo Pärt: Stabat Mater: Gloriae dei Cantores, Richard Pugsley

Label:
Anzahl Medien:
Pentatone Classics
1
Medium:
EAN:

SACD
709887006524


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Pärt, Arvo


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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