> > > Penderecki: St. Luke Passion: Orchestre Symphonique de Montréal, Kent Nagano
Samstag, 25. September 2021

Penderecki: St. Luke Passion - Orchestre Symphonique de Montréal, Kent Nagano

Meisterhaft kontrollierte Expressivität


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Meilenstein der musikalischen Moderne nach 1945, kongenial interpretiert: Kent Nagano und das Orchestre symphonique de Montréal brillieren mit Pendereckis Lukas-Passion.

Sicherlich ist sie die bekannteste Passionsvertonung des 20. Jahrhunderts: Die Lukas-Passion von Krzysztof Penderecki (1933–2020), komponiert in den Jahren 1965/66 und am 30. März 1966 in Münster uraufgeführt. Die Wirkung des Werkes war enorm; Penderecki, der gewiss auch zuvor schon einen Ruf hatte, war spätestens nach diesem Tag ein international renommierter Komponist. Trotz des sehr großen orchestralen und stimmlichen Aufwandes (ein Sprecher, drei Vokalsolisten, drei gemischte Chöre, Knabenchor und riesiges Orchester, inklusive Orgel) wird die Passion vergleichsweise häufig gespielt und liegt auch auf Tonträgern vor. Unter anderem Marc Soustrout und Antoni Wit haben das monumentale Werk auf CD aufgenommen. Zu ihnen gesellt sich nun Kent Nagano, der die Passion zusammen mit seinem Orchestre Symphonique de Montréal bei den Salzburger Festspielen 2018 aufgeführt hat. Unterstützt wurde der dabei vom Philharmonischen Chor Krakau, dem Warschauer Knabenchor und den drei Solisten Sarah Wegener (Sopran), Lucas Meachem (Bariton) und Matthew Rose (Bass); die (sprechende) Rolle des Evangelisten übernahm Slawomir Holland.

Vielzahl der Mittel

Das von Penderecki hier aufgebotene stilistische Arsenal ist gigantisch und umfasst schlichte, einstimmige Linearität ebenso wie komplexe Polyphonie, harte Dissonanzen, Cluster und Geräuscheffekte. Die Choristen werden mit allen möglichen Herausforderungen konfrontiert, müssen unter anderem bei der ‚Kreuzige!‘-Stelle (‚Crucifige!‘, Track 13) regelrecht schreien, an anderen Stellen mit geschlossenem Mund singen. Damit diese Vielzahl der eingesetzten Mittel nicht in wilde Anarchie ausartet, hat der Komponist mit strengen formalen Prinzipien gearbeitet, unter anderem einer zentralen Zwölftonreihe, die die bekannte Tonfolge B-A-C-H enthält – alleine dies schon ein Indiz dafür, dass Penderecki dem Übervater aller Passionskomponisten nicht aus dem Weg gegangen ist. Insgesamt geben die zahlreichen Bezüge zur musikalischen Tradition dem Hörer auch ein Stück weit Halt, bei aller Modernität der eingesetzten Mittel. Gleichwohl ist das Stück nicht nur für die Musiker, sondern auch für das Publikum eine gewaltige Herausforderung – obwohl mit etwas unter 70 Minuten Spieldauer für ein Oratorium nicht übermäßig lange.

Ein erster großer Pluspunkt dieser Einspielung ist ihre Klangqualität. Den riesigen Apparat auch nur einigermaßen akustisch auszubalancieren ist für die Tontechnik wahrlich keine Kleinigkeit. Bei dieser BIS-Aufnahme ist es gelungen, vor allem den Chor – quasi der ‚heimliche Hauptdarsteller‘ des Werkes – sehr gut in Szene zu setzen. Beinahe gehauchte Stellen im dreifachen Pianissimo bleiben ebenso nachvollziehbar wie heftige, clusterartige Ausbrüche, und auch die Textverständlichkeit ist durchgehend hoch.

Ausbalancierter Gesamtklang

Ähnlich Positives lässt sich von den Solisten berichten, allen voran von Lucas Meachem, der den Christus mit baritonaler Wucht und einem hervorragenden Sinn für Dramatik interpretiert. Sarah Wegener und Matthew Rose erreichen nicht ganz dieses sehr hohe Niveau, können sich aber ebenso profilieren. Dass dies möglich ist, liegt natürlich nicht zuletzt an Nagano. Dem Dirigenten gelingt die Integration aller Chor- und Orchestermusiker zu einem bestens ausbalancierten Gesamtklang – angesichts der Tiefe und Komplexität der Partitur eine kaum zu überschätzende Leistung. Natürlich ist die Grundlage dafür die kompositorische Virtuosität Pendereckis, der den riesigen Apparat, der hier gefordert wird, jederzeit beherrscht. Sprecher Slawomir Holland, der als Evangelist mit theatralischer Farbigkeit deklamiert (besonders beeindruckend etwa in Nr. 17, 'Ibi crucifixerunt eum'), schließt sich ebenso an dieses hohe Niveau an wie die Jungen des Warschauer Knabenchores. Kaum ein Abschnitt der insgesamt 27 Teile verfehlt so seine Wirkung.

Alles perfekt also? Nicht ganz. Zwar kann man die Lukas-Passion aus interpretatorischer und klanglicher Sicht kaum besser darstellen. Allerdings scheiden sich an Pendereckis Musik seit jeher die Geister, und wer mit dem Stil des Polen noch nie etwas anfangen konnte, wird sich wohl kaum von dieser SACD zu einer anderen Meinung bringen lassen – obwohl es einen Versuch wert sein sollte. Zum anderen – aber dafür können, genau genommen, weder Komponist noch Interpreten etwas – haben sich die Mittel, die in den 1960er Jahre noch als bahnbrechend neu und revolutionär galten, in den vergangenen Jahrzehnten doch etwas abgenutzt. Man kann dies als Zeichen deuten, dass Penderecki längst ein ‚Klassiker‘ geworden ist, dessen Tonsprache sich inzwischen so etabliert hat wie einst diejenige von Gustav Mahler, bei aller Problematik dieses Vergleiches. So lässt sich diese Lukas-Passion auch als Meilenstein einer eigentlich längst vergangenen Moderne lesen, die dennoch von vielen Hörern immer noch als ‚zu modern‘ empfunden wird. Nagano, das Orchestre symphonique de Montréal und alle hier beteiligten Solisten und Choristen jedenfalls sind höchst engagierte Anwälte für diese (vergangene) Moderne, als deren herausragender Protagonist Penderecki allemal gelten darf.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Penderecki: St. Luke Passion: Orchestre Symphonique de Montréal, Kent Nagano

Label:
Anzahl Medien:
BIS Records
1
Medium:
EAN:

CD SACD
7318599922874


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Penderecki, Krzysztof


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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