> > > Beethoven: Die Ruinen von Athen, Meeresstille, Opferlied: Czech Philharmonic Choir of Brno, Cappella Aquileia, Marcus Bosch
Freitag, 26. Februar 2021

Beethoven: Die Ruinen von Athen, Meeresstille, Opferlied - Czech Philharmonic Choir of Brno, Cappella Aquileia, Marcus Bosch

Beethoven-Randrepertoire


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese CD gehört zu den ungewöhnlichen und lohnenden Neuerscheinungen des Beethoven-Jahres.

Da ist dem Label cpo ein wirklich lohnender Beitrag zum Beethoven-Jahr gelungen – fernab von 'Fidelio' und den populären Sinfonien. Die Musik zu August von Kotzebues 'Die Ruinen von Athen', das 'Opferlied' op. 121b und 'Meeresstille und glückliche Fahrt' stehen auf dem Programm der neuen CD mit der Cappella Aquileia unter Marcus Bosch. Die Aufnahme entstand im Juli 2018 im Rahmen der Heidenheimer Festspiele und es ist gelungen, die Energie dieses besonderen Konzerts auf Tonträger einzufangen.

'Die Ruinen von Athen' können ein heutiges Publikum leicht befremden. Geschrieben 1812 für die Eröffnung des Theaters in Pest, sind sie ein Zeugnis für Beethovens enge Verbindung zur Literaturszene seiner Zeit. Beethoven war stets aktuell in der Wahl seiner Texte und auch Kotzebue war einer der Großen im beginnenden 19. Jahrhundert. Freilich merkt man den 'Ruinen von Athen' den Zweck ihrer Entstehung an: Pallas Athene erwacht nach tausenden von Jahren und erkennt ihr Athen, die Wiege der europäischen Zivilisation, nicht mehr. Die große Zeit der Antike ist vorbei, das Osmanische Reich wirkt als Bedrohung, sie muss sich ein neues Zuhause suchen. Und dieses findet Athene in Ungarn, quasi im Musentempel des Theaters in Pest. Eine Huldigung an das ungarische Herrscherhaus, und damit den Habsburgern, beschließt das Festspiel. Das ist alles nicht mehr zeitgemäß und auch der Unterhaltungswert darf im Jahr 2018 durchaus in Frage gestellt werden, auch wenn Beethovens Musik von großem Reiz ist. Aber ohne den Text versteht man die Nummernfolge der Komposition nicht.

Kluge Neufassung

Die Heidenheimer Festspiele überraschen mit einer klugen Neufassung der 'Ruinen von Athen', in der Kai Weßler die Verse Kotzebues durch Gedichte von Friedrich Schiller ergänzt – einem von Beethoven hochgeschätzten Dichter. Die konkrete Ausrichtung auf den Musentempel in Pest umgeht diese sprachlich idiomatische Neufassung geschickt und öffnet Ohr und Blick für größere Themenkomplexe: die Aufklärung, das klassisch-humanistische Erbe, die Krise des nachrevolutionären Europas 1812. All das ist in einem lesenswerten Artikel von Kai Weßler im Beiheft nachzuvollziehen.

Für die verbindenden Zwischentexte schlüpft die Schauspielerin Sidonie von Krosigk in die Rolle der Pallas Athene. Suggestiv und intensiv zieht sie alle Register ihrer Kunst und behält dabei stets ein leises Augenzwinkern bei. So bleibt bei allem gebotenen Pathos eine zweite Reflexionsebene garantiert. Der Tschechische Philharmonische Chor Brünn ist bestens aufgelegt und die Cappella Aquileia unter Marcus Bosch musiziert hochkonzentriert und leidenschaftlich. Schon die Ouvertüre vermag zu fesseln mit ihrer federnden Rhythmik, der spielerischen Prägnanz, mit der Bosch und seine Musiker zu Werke gehen. Die Holzbläser sind flink, der herbe Streichersound von großer Attraktivität. In voller dynamischer Bandbreite fliegt diese Einleitung beschwingt dahin. Die wenigen Solopassagen bringen Valda Wilson und Simon Bailey zum Glänzen.

Authentische Beethoven-Lesart

Ein regelrechter Showstopper ist der 'Chor der Derwische'. Hinter diesem wilden Farbenspiel würde man wohl kaum einen Beethoven vermuten. Bosch vollzieht diese Nummer mit hörbarer Bedrohlichkeit und tönender Fremdheit effektvoll nach. Diese Beethoven-Lesart ist ungemein authentisch, ohne historisierend zu sein. Das Orchester ist historisch informiert, wenig Vibrato ist am Start – von einem romantisierenden Zugriff ist Bosch weit entfernt. Vielmehr ist die klassische Basis hörbar, auf der ein eigener Kosmos gedeihen kann.

Am Ende der 'Ruinen von Athen' ergänzen das Chor- und Orchesterwerk 'Meeresstille und glückliche Fahrt' auf einen Text Goethes und das 'Opferlied' mit Versen von Friedrich von Matthisson das mutige Programm. Im 'Opferlied' stellt einmal mehr die Sopranistin Valda Wilson ihre makellose Technik unter Beweis. Mit großer klanglicher Schönheit und Ebenmaß bewegt sie sich hier fast in Mezzolage – hinsichtlich der Textdeutlichkeit ist viel Luft nach oben. Diese CD gehört zu den ungewöhnlichen und definitiv lohnenden Neuerscheinungen des Beethoven-Jahres.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven: Die Ruinen von Athen, Meeresstille, Opferlied: Czech Philharmonic Choir of Brno, Cappella Aquileia, Marcus Bosch

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203763429


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Beethoven, Ludwig van


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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