> > > G.P.Telemann: Miriways: Akademie für Alte Musik Berlin, Bernard Labadie
Samstag, 19. September 2020

G.P.Telemann: Miriways - Akademie für Alte Musik Berlin, Bernard Labadie

Telemanns Orient-Experiment


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Großen und Ganzen ist hier aber eine hörenswerte Einspielung entstanden, die allen Barockopernfans durchaus Genuss und Vergnügen bereiten dürfte.

Eine umfassende und erhellende Telemann-Renaissance für die Opernbühne steht noch aus. Wirklich gehalten haben sich die musikdramatischen Schöpfungen des Komponisten nicht, obwohl es einige interessante Werke zu sichten gilt, die dem Vergessen nicht vollständig anheimfallen müssen. Das zeigt auch die selten bis nie gespielte dreiaktige Oper 'Miriways', die Georg Philipp Telemann für das Hamburger Opernhaus 1728 gemeinsam mit dem Librettisten Johann Samuel Müller schuf. Sie liegt in einem aktuellen Mitschnitt vom 24. November 2017 aus der Laeiszhalle in Hamburg vor, der beim Telemann Festival mitgeschnitten wurde. Die zwei randvollen CDs sind beim Label Pentatone in gewohnt klangschöner Manier erschienen.

Zu wenig abwechslungsreich

Freilich macht diese Veröffentlichung – die mittlerweile zweite 'Miriways'-Einspielung auf dem Plattenmarkt – auch deutlich, weshalb man diese Telemann-Oper selten auf den Spielplänen antrifft: Ihre Dramaturgie hat Tendenzen sich zu verfransen, die Konflikte bieten nicht durchgehend zündende Anlässe für musiktheatrale Wirksamkeit und auch Telemanns Musik präsentiert sich bei aller Schönheit und Fantasie auf die Dauer als zu wenig kontrast- oder abwechslungsreich, um für 160 Minuten zu fesseln.

Dennoch ist 'Miriways' eine ungewöhnliche und bedeutsame Oper ihrer Zeit, in der es üblich war, längst vergangene historische oder mythologische Geschichten auf die Bühne zu stellen. Telemann und Müller sind 1728 mit 'Miriways' brandaktuell. Sie greifen politische Ereignisse auf, die sich nur wenige Jahre zuvor in Persien zugetragen hatten. Dabei kommen zeitgenössische Persönlichkeiten wie der afghanische ‚Warlord‘ Mīr Wais – oder nun eben Miriways – auf die Bühne, der gegen die persische Vorherrschaft rebellierte. Die Einnahme von Isfahan durch die Afghanen war allen Zeitgenossen noch gut im Gedächtnis. Nun ließ Telemanns neue Oper in Hamburg den Emotionen der handelnden Figuren im Gesang freien Lauf. Gleichzeitig setzte er eben nicht den Westen in moralisierende Beziehung zu den Ereignissen in der damals exotischen Fremde, sondern schuf ein hermetisch abgeschlossenes Personal, das in Maßen authentisch agieren konnte. Ohne Frage biegen sich Müller und Telemann die historischen Ereignisse zurecht, um ein funktionierendes Libretto zu erhalten, aber der aktuelle Grundgedanke ist bemerkenswert.

Mit Stilkenntnis und Genauigkeit

Ob 'Miriways' noch heute auf einer Opernbühne fesseln würde, lässt sich nach dem Hören des vorliegenden Hamburger Mitschnitts mit der Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von Bernard Labadie schwer beantworten. Alle Beteiligten agieren mit Stilkenntnis und Genauigkeit – das macht über weite Strecken Freude beim Hören. Wunderbar gelingen Labadie und seinen Musikern die exotischen Farben – vor allem in den rein instrumentalen Nummern –, das Schlagwerk agiert mit Mut und Fantasie und überhaupt ist eine große Liebe zu Telemanns Musik und seiner Epoche zu spüren. Es lässt sich aber auch nicht behaupten, dass hier ein Feuerwerk an Ideen, Wendungen oder theatraler Lust abgebrannt werden würde. Es bleibt bei aller Spielfreude doch alles im Rahmen des Schicklichen und Erwartbaren. Man hat sich vielleicht undankbarerweise bereits an solch virtuoses und kenntnisreiches Spiel bei alter Musik gewöhnt – das mag sein.

Die illustre Solistenriege schüttelt die anspruchsvollen Partien ebenso mühelos aus dem Ärmel. Ganz besonders überzeugt André Morsch in der Titelrolle des Miriways mit seinem markanten wie eleganten Bariton. Morsch bietet gepflegten Gesang mit glasklarer Diktion und inhaltlicher Durchdringung. Im Rahmen dessen, was Telemann ihm vorlegt, bleibt er der Partie nichts schuldig. Charaktervoll und edel timbriert ist der Murzah von Michael Nagy und ebenso eindrücklich die Samischa von Marie-Claude Chappuis, die über betörenden Mezzobalsam hinaus auch emotionale Glaubwürdigkeit herzustellen weiß. In ihren Szenen öffnet sich eine hier ansonsten wenig erlebbare weitere Dimension, die hinter musikalischer Souveränität und Virtuosität aufblitzt.

Vorbildliche Interpretation

In Labadies 'Miriways'-Besetzung sind gleich vier Soprane in tragenden Rollen am Start. Das erschwert das Hören nicht unbeträchtlich, da sich die Stimmen der durchweg blendend aufgelegten Damen nicht signifikant unterscheiden. Ein stetiger Blick ins abgedruckte Libretto hilft beim Verständnis, wer hier gerade mit wem in Dialog tritt. Anett Fritsch lässt als Zemir innerhalb dieses Quartetts immer wieder durch ihren furiosen Zugriff und das dunkle Schimmern ihres Soprans aufhorchen. Als Nisibis macht Lydia Teuscher eine koloratursichere und blitzsaubere Figur. Sophie Karthäuser ist die tadellose, glockenklar intonierte Bemira und Robin Johannsen als Sophi macht wieder einmal klar, weshalb sie im Barockfach eine feste und zu Recht umjubelte Größe ist. Die kleineren Partien des Geistes und Scandor sowie des Gesandten sind mit dem Ensemblemitglied der Komischen Oper Berlin Dominik Köninger und dem Tenor Paul McNamara stimmstark wie prominent besetzt.

Bei aller Wertschätzung für das Werk 'Miriways' und dessen Ausgrabung kommt bei der eigentlich vorbildlichen Interpretation dieses Mitschnitts keine überbordende Begeisterung auf – woran auch die wenig lebendig gestalteten Rezitative nicht ganz unschuldig sind. Im Großen und Ganzen ist hier aber eine hörenswerte Einspielung entstanden, die allen Barockopernfans durchaus Genuss und Vergnügen bereiten dürfte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    G.P.Telemann: Miriways: Akademie für Alte Musik Berlin, Bernard Labadie

Label:
Anzahl Medien:
Pentatone Classics
1
Medium:
EAN:

CD
827949084263


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Telemann, Georg Philipp


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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