> > > Leone Sinigaglia: Complete Works for String Quartet Vol.1: Archos Quartet
Samstag, 19. September 2020

Leone Sinigaglia: Complete Works for String Quartet Vol.1 - Archos Quartet

Leone Sinigaglia, Alpinist und Musiker


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wieder eine Entdeckung vom Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Musik des Turiner Komponisten und begeisterten Bergsteigers ist es wert, wiederentdeckt zu werden.

1868 in eine gutbürgerliche jüdische Familie in Turin geboren, stehen dem jungen Leone Sinigaglia alle kulturellen Möglichkeiten seiner Heimatstadt offen, die er intensiv nutzt. Daneben wird er ein begnadeter Bergsteiger, dessen Leistungen, insbesondere dabei zwei Erstbesteigungen in den Dolomiten, noch heute von den Alpinisten bewundert werden.

Zuhause in Turin besucht Sinigaglia das Konservatorium und beginnt mit 20 Jahren eine Bildungsreise, die ihn vor allem nach Wien und Prag führt. Dort erfährt er die entscheidenden Einflüsse auf seine kompositorische Arbeit: In Wien studiert er bei Mandyczewski, dem engen Freund von Brahms, hat auch mit Brahms selbst Kontakt und schließt Freundschaft mit den Mitgliedern des Böhmischen Streichquartetts. Über diese Verbindung wechselt er 1900 nach Prag, um mit Dvoák zu arbeiten. Wenn er in Wien Kompositionstechniken für die absolute Musik gelernt hat, so bekommt er bei Dvořák nun wertvolle Impulse für die Instrumentalisierung von Volksmusik – etwas, das in seinem späteren Leben von Bedeutung sein sollte.

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts konzentriert Sinigaglia sich vor allem auf Kammermusik. Die Werke für Streichquartett aus der Zeit wurden nun vom Archos-Quartett zum ersten Mal auf CD veröffentlicht. Obwohl die Kompositionen bereits ziemlich schnell nach ihrer Fertigstellung in renommierten Verlagen wie Breitkopf  & Härtel gedruckt worden waren, sind sie bis heute in Vergessenheit geraten. Die CD ist betitelt als 'Sämtliche Werke für Streichquartett Nr. 1' und suggeriert damit, dass es noch weitere Kompositionen Sinigaglias für Quartett gibt. Dergleichen lässt sich aber bei Recherchen im Internet nicht finden. Zur Verwirrung trägt zudem bei, dass als 2. Violine des Ensembles Mikolaj Pokora genannt ist. Da er das Ensemble aber verlassen hat und durch Maria Odvady ersetzt wurde, ist nicht ganz klar, wer von beiden bei der Aufnahme mit von der Partie war.

Es ist wie so oft beim Label Naxos: Die Ausstattung des Begleithefts ist sparsam, man hätte gern etwas mehr über die Komponisten, die Werke und die Interpreten erfahren. Andererseits kann man froh sein, dass wenigstens überhaupt die eine oder andere Aufnahme erscheint, die man sonst gar nicht erst kennengelernt hätte.

Anspruchsvolle Faktur

Wie dem auch sei – das international zusammengesetzte Quartett, das in Stuttgart, Leipzig und London studiert hat und seit gut zehn Jahren zusammen arbeitet, hat mit dieser Aufnahme großen Respekt verdient. Respekt gebührt der Hinwendung zu einem klar unterschätzten Komponisten aus der Nachfolge der letzten Romantiker und auch der künstlerischen Umsetzung. Alle Titel auf der CD sind in der Faktur anspruchsvoll, es kommt aufs genaueste Zusammenspiel und kleinste dynamische Unterschiede an. Die Musik ist dicht gewebt, jedes Instrument hat einen gleichberechtigten Part, die Hauptstimme wechselt immer wieder durch die Instrumente. Dass aus dieser dicht gefügten Musik keine reine Klangmasse wird, hängt mit der hellwachen klugen Spielweise der vier Musiker zusammen.

Bis auf das Quartett sind alle übrigen Werke nur wenige Minuten lang. Aber jedes einzelne steckt voller charakterlich verschiedener Einfälle. Die Schule insbesondere von Dvořák und die enge Verbindung mit Joseph Suk und dem Böhmischen Streichquartett haben den jungen Komponisten offensichtlich reichlich inspiriert. Manches erinnert auch an Brahms, größere harmonische Freiheiten wiederum an Reger oder Mahler. Trotzdem steht hier ein eigenständig denkender Künstler, der nicht einfach kopiert, sondern durchaus weiß, was er will. Das Quartett als Hauptwerk auf der CD setzt sich von den übrigen Werken ab. Es hat die traditionelle Länge, bestehend aus vier Sätzen. Die klassische Form wird jedoch aufgeweicht, ein Satz wird aus mehreren Abschnitten gebildet – Kontraste, die sich kaumaufeinander zu beziehen.

In seinen späteren Jahren hat Sinigaglia, der dann wieder in seiner Heimatstadt Turin lebte, immer weniger komponiert. Er konzentrierte sich vielmehr auf die Sammlung piemontesischer Volkslieder, transkribierte sie und veröffentlichte seine Sammlung. Sein Tod war tragisch: Als 1944 die Nazis in Turin einmarschierten und ihn, den Juden, abholen wollten, erlitt Sinigaglia einen Herzanfall und starb.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Leone Sinigaglia: Complete Works for String Quartet Vol.1: Archos Quartet

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

CD
747313418374


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Sinigaglia, Leone


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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