> > > Jozef Elsner: Chamber Music: Jozef Kolinek & Friends
Donnerstag, 22. Oktober 2020

Jozef Elsner: Chamber Music - Jozef Kolinek & Friends

Kammermusik vom


Label/Verlag: DUX
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kammermusik aus der k.u.k.-Provinz Lemberg von Jozef Elsner: ganz und gar nicht provinziell.

Wie gut, dass es Jubiläen als Anlass gibt, auf Phänomene in der Musikgeschichte aufmerksam zu werden, die man normalerweise übersieht. Im vergangenen Jahr war so ein Jubiläum: der 150. Geburtstag von Joseph (Józef) Elsner. Hierzulande kennt man den Namen nur in Zusammenhang mit Frédéric Chopin, der am Konservatorium in Warschau Elsner als entscheidenden Lehrer und Förderer genoss. Man nennt Elsner auch den ‚Vater der polnischen Musik‘. Er, der deutschstämmige Schlesier aus der Provinz, hat 25 Jahre lang – Anfang des 19. Jahrhunderts – die Oper der Hauptstadt Polens auf europäisches Niveau gebracht, selbst 45 Opern und andere Bühnenwerke geschrieben, einen Verlag für polnische Musik gegründet, einen Musikverein geführt, dem auch E.T.A. Hoffmann angehörte, das Konservatorium aufgebaut und geleitet und dort noch viele Jahre nach dem Rückzug aus der Oper unterrichtet, wobei er Generationen von polnischen Musikern entscheidend prägte.

Obwohl ursprünglich deutschsprachig und bevor er an die Warschauer Oper berufen wurde, erwachte in ihm während seiner Jahre als Kapellmeister des deutschen Theaters in Lemberg das Interesse am polnischen Volk , seiner Sprache und seiner Kultur. Er lernte die Sprache, befasste sich mit der musikalischen Tradition und integrierte sie in sein eigenes Schaffen als Komponist, indem er zunächst polnische Tanzformen wie die Polonaise in seine noch klassisch geprägte Kammermusik einfügte, später dann auch, indem er Opern in polnischer Sprache schrieb, die mit der Geschichte des Volkes zu tun haben. Das war neu in einer Gesellschaft, die politisch von Preußen und Russland dominiert war und ihre Eigenständigkeit auch in der Kultur erst noch finden musste.

150. Geburtstag

Beim polnischen Label DUX erschien nun zum 150. Geburtstag von Joseph Elsner eine Doppel-CD mit Kammermusik. Die Werke sind vor allem in der Lemberger Zeit entstanden, wo er nach seinem Musikstudium in Wien sieben Jahre an der Oper wirkte und als Geiger sicher reichlich Gelegenheit hatte, in den Salons der Stadt zusammen mit Kollegen und befreundeten Laien Musik zu machen. In diesem Sinne präsentiert der Geiger Józef Kolinek diese Doppel-CD auf der Titelseite als 'Józef Kolinek and Friends', sehr schön passt dazu die Zeichnung 'Hauskonzert'.

Die beiden CDs enthalten einen bunten Strauß an kammermusikalischen Werken, beginnend mit zwei Sonaten für Klavier und Violine (sic!, Reihenfolge wie in Wien gelernt), ein Klaviertrio, ein Klavierquartett, ein Streichquartett. Dazu gesellen sich Polonaisen für Violine und Klavier. Schließlich fügt Kolinek noch etwas hinzu, das auf den ersten Blick nicht passt: Die Messe G-Dur für Sopran und Alt, Streicher und Orgel gehört zwar nicht mehr nach Lemberg, sondern in die Gruppe der geistlichen Werke, die Elsner erst nach seiner Zeit in der Warschauer Oper schrieb. Dennoch passt sie hierhin, da sie für Laien-Singstimmen einer befreundeten Familie gedacht war, entsprechend ‚schlicht‘ gefasst wurde und – damals eine Besonderheit - in polnischer Sprache geschrieben ist. Leider gibt es im Begleitheft keine Übersetzung des Textes, den der Dichter Brodzínski geschrieben hat. Da die beiden Frauenstimmen überwiegend in Terzen und Sexten singen, wirkt das Ganze auf den Hörer, der kein Polnisch versteht, auf die Dauer etwas eintönig.

Wiener Einfluss

Wie klingt nun Elsners Kammermusik? Sie erinnert stark an Elsners Studienzeit in Wien 1789-1791, eine Zeit also, in der es in Wien von Klein- und Mittelmeistern nur so wimmelte, überstrahlt vom großen Vorbild Joseph Haydn. Formal ist also klar, dass alle Werke in der Sonatenform geschrieben sind, gefolgt in den meisten Fällen von Variationssätzen und Rondos. Wenn das Klavier beteiligt ist, steht dieses Instrument im Vordergrund, das Cello unterstützt häufig noch die linke Klavierhand. Beim Streichquartett führt klar die erste Geige an. Obwohl somit vieles recht überschaubar ist, gibt es doch eine Reihe von Überraschungsmomenten, die zeigen, dass Elsner als Komponist über dem konventionellen Durchschnittsniveau steht. Er fügt Modulationen ein, die überraschen, lässt Fermaten an unerwarteten Stellen innehalten, entwickelt die aufgestellten Themen klug weiter und schreckt auch vor kontrapunktischen Abschnitten nicht zurück. Er muss gute Pianisten in Lemberg gehabt haben, denn der Klavierpart ist immer virtuos. Besonders die reichlich eingesetzten Arpeggien erinnern bereits ein wenig an die beiden Klavierkonzerte seines Schülers Chopin.

Das Streichquartett orientiert sich fraglos am ‚Vater des Streichquartetts‘, Joseph Haydn. Die Stimmen sind sorgfältig durchgearbeitet, die erste Geige bekommt gleichwertige Partner an die Seite gestellt. Musikalisch kann man hier Kammermusik auf ansprechendem Niveau entdecken, zumal sie makellos gespielt wird, ohne Übertreibungen im Ausdruck und in flüssigen Tempi, Musik die man gern hört und die es wert wäre, in kammermusikalischen Zirkeln probiert zu werden.

Technisch ist an den Aufnahmen, die mit Unterstützung des polnischen Radios entstanden, nichts auszusetzen. Hall ist nur spärlich eingesetzt, wie es sich für Kammermusik gehört. Den Text über Elsner im Begleitheft hat Józef Kolinek selbst verfasst, also auch hier ein Zeichen persönlichen Engagements für die lange vergessenen Werke des ‚Vaters der polnischen Musik‘.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Jozef Elsner: Chamber Music: Jozef Kolinek & Friends

Label:
Anzahl Medien:
DUX
1
Medium:
EAN:

CD
5902547015552


Cover vergössern

Elsner, Joseph


Cover vergössern

DUX

Das polnische Label DUX wurde 1992 von Malgorzata Polanska und Lech Tolwinski, beides Absolventen der Toningenieur-Fakultät der Frédéric Chopin Musikakademie in Warschau, gegründet. Hauptanliegen war die Produktion von Aufnahmen mit klassischer Musik, wobei man von Anfang an höchste Ansprüche an künstlerische und technische Standards stellte.Viele Aufnahmen von Dux erlangten sowohl in Polen als auch im Ausland breites Interesse bei Publikum und Kritik, die sich in zahlreichen Preisen und Auszeichnungen widerspiegelt.

Ein Schwerpunkt des Labels ist natürlich das reiche musikalische Erbe Polens, das weitaus mehr umfasst als Chopin oder Penderecki. Im Katalog finden sich daher neben bekannteren Namen wie Wieniawski, Szymanowski oder Lutoslawski auch zahlreiche hierzulande bislang weniger bekannte oder völlig unbekannte Komponisten von der Renaissance bis zur Gegenwart, wie Ignaz Jan Paderewski, der Klaviervirtuose und spätere Premier- und Außenminister der Zweiten Polnischen Republik oder Stanislaw Moniuszko, ein Zeitgenosse Verdis und Schöpfer der polnischen Nationaloper. Aber auch zahlreiche polnische Künstler, Ensembles und Orchester gilt es bei DUX zu entdecken, darunter international renommierte Namen wie beispielsweise die gefeierte Altistin Ewa Podles.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag DUX:

  • Zur Kritik... Polnische Beziehungen: Anna Liszewska arbeitet unerwartete europäische Vernetzungen von Franz Xaver Mozart heraus. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Polnische Indien-Oper: Wer Moniuszkos 'Paria' einmal hören möchte, der hat mit dieser Doppel-CD einige Hürden zu nehmen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Klänge der Heimat: Magdalena Molendowska und Julia Samojlo erwecken die Lieder von Zygmunt Stojowski zu neuem Leben. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle Kritiken von DUX...

Weitere CD-Besprechungen von Elisabeth Deckers:

  • Zur Kritik... Brasilianischer Krimi: José Antônio de Almeida Prado, Komponist aus Brasilien, ist ein Meister der Klangfarben und Spannung. Die Klavierkonzerte fesseln vom ersten bis zum letzten Ton. Weiter...
    (Elisabeth Deckers, )
  • Zur Kritik... Leone Sinigaglia, Alpinist und Musiker: Wieder eine Entdeckung vom Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Musik des Turiner Komponisten und begeisterten Bergsteigers ist es wert, wiederentdeckt zu werden. Weiter...
    (Elisabeth Deckers, )
  • Zur Kritik... Französischer Querkopf: Das Philharmonische Orchester Freiburg zeigt: Albéric Magnard hätte es verdient, endlich einmal dauerhaft in den Konzerthäusern etabliert zu werden. Weiter...
    (Elisabeth Deckers, )
blättern

Alle Kritiken von Elisabeth Deckers...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Auf der Suche nach dem richtigen Stil: Mit seiner Neueinspielung von Carl Reineckes Erster Sinfonie macht sich cpo selbst Konkurrenz. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Plastische Glaubensbekundungen : Von eindrucksvoller kompositorischer Dichte und Ausdrucksvielfalt sind die beiden Symphonien, die Bernstein in recht jungem Alter schrieb. Die Arktische Philharmonie unter Christian Lindberg spielt das keineswegs unterkühlt in gigantischem SACD aus. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Liebesidylle auf der Alm : Dario Salvi hält mit der CD-Premiere der Oper 'Jery und Bätely' ein überzeugendes Plädoyer für die vergessene Komponistin Ingeborg von Bronsart. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich