> > > Stanislaw Moniuszko: Paria: Warsaw Philharmonic Choir, Poznan Philharmonic Orchestra, Lukasz Borowicz
Donnerstag, 29. Oktober 2020

Stanislaw Moniuszko: Paria - Warsaw Philharmonic Choir, Poznan Philharmonic Orchestra, Lukasz Borowicz

Polnische Indien-Oper


Label/Verlag: DUX
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer Moniuszkos 'Paria' einmal hören möchte, der hat mit dieser Doppel-CD einige Hürden zu nehmen.

Der Mitschnitt von Stanisław Moniuszkos später Oper 'Paria' beim Label Dux konfrontiert den Hörer in mehrerlei Hinsicht mit Schwierigkeiten. Auf der einen Seite ist es lobenswert, dieses nahezu vergessene und außerhalb Polens ohnehin ignorierte Werk den Archiven zu entreißen, auf der anderen Seite verursacht 'Paria'  auch heute noch ein nicht unerhebliches Maß an Hilflosigkeit.

Das Libretto von Jan Cęciński basiert auf einem Exotismus-Drama des Franzosen Casimir Delavigne und spielt in Indien. Das ist im 19. Jahrhundert keine Seltenheit, exotische Schauplätze und damit verbundene fremde Klangwelten gehörten zur Mode der Zeit. Verständlich, dass Moniuszko 1869 auf diesen Zug mit aufspringen will, zumal er nach all den Erfolgen als Nationalkomponist auch außerhalb Polens nach Aufmerksamkeit und Anerkennung strebt. Die Geschichte erinnert ein wenig an die Grundkonstellation in Bellinis 'Norma': Eine Priesterin liebt heimlich einen jungen Mann, dessen Stand so gar nicht zu ihrem passen will. Als eine Vermählung endlich doch in Aussicht steht, offenbart sich ein Paria – ein Ausgestoßener oder Unberührbarer – als Vater des jungen Mannes, der nun auch als Paria gebrandmarkt ist. Das tragische Ende sieht den Tod des Tenors vor, während die Priesterin mit dem alten Paria von dannen zieht und ihren eigenen Vater in Verzweiflung zurücklässt.

Hörbare Mängel

Der Plan einer neuen Oper, die auf Grund ihres Sujets und ihrer Musik auch außerhalb Polens die Bühnen erobern sollte, ging nicht auf. Moniuszko sah sich selbst blockiert, seine ureigene Musiksprache für Allgemeingültigeres zu verlassen und quasi exotische Musik zu schreiben. Auch das Libretto gehört nicht zu den stärksten Einfällen. All diese Mängel sind spür- und hörbar – selbst das CD-Booklet der vorliegenden Einspielung verschweigt die Schwächen von 'Paria' nicht, sondern legt eher noch den Finger in die Wunde. Viele der melodisch durchaus reizvollen Nummern plätschern recht standardmäßig dahin, nur wenige Momente lassen wirklich aufhorchen. Die Ouvertüre macht Effekt, ebenso die Ballettmusik des dritten Aktes. Moniuszkos Musik schwankt irgendwo zwischen angezogener Handbremse in Bezug auf die eigene Klangsprache und Melodik und dem zu erahnendem Opern-Indien.

Die hier mitgeschnittene konzertante Aufführung vom April 2019 beim Beethoven Osterfestival in Poznań steigert die Absurdität von 'Paria' noch, indem man diese in Indien spielende polnische Oper in einer italienischen Übersetzung singen lässt. Zumindest ist das dem Beiheft zu entnehmen – beim Hören fällt es kaum auf, weil sowohl einige Solisten als auch der Warsaw Philharmonic Choir sprachlich eher indifferent unterwegs sind. Ein Mitlesen des abgedruckten Librettos hilft einem deutschen Hörer nicht: Die beiden abgedruckten Sprachen sind einzig Italienisch und Polnisch. Eine Inhaltsangabe in englischer Sprache vermittelt in groben Zügen, was auf einer Bühne vorzugehen hätte.

Energieschübe

Der Dirigent Łukasz Borowicz manövriert das gut aufgelegte Poznań Philharmonic Orchestra unfallfrei durch Moniuszkos Partitur und verpasst der nicht eben Funken sprühenden Komposition Energieschübe, wo immer es möglich ist. Die Finali bäumen sich opulent auf und die Solonummern sind liebevoll gestützt. Leider erhält das wenig glanzvolle Werk keine Rückendeckung von der Solistenriege, die sich mal recht und mal schlecht mit den Anforderungen schlägt. Der Tenor Yuri Gorodetski leiht dem jungen Helden Idamor seine schlanke, lyrische Stimme, die über ein attraktives Timbre verfügt. Immer wieder lässt der Klang an den jungen José Carreras denken, aber Gorodetski fehlt der Unterbau, die Glut, der Schmelz, die Verve. Alles was Gorodetski singt, klingt recht blank, aber durchaus gewinnend. Allerdings bewegt er sich mit seinem Tenor hart an der Grenze zur Überlastung, denn für den Idamor bräuchte es heldischere, stabilere Töne. Dennoch schlägt sich Gorodetski wacker, ohne freilich Glanzlichter zu setzen.

Regelrecht erschreckend ist die einzige Frauenpartie der Neala mit Katarzyna Hołysz besetzt. Der jungen Sopranistin fehlt es nahezu an allem, was diese Rolle braucht: langer Atem, eine stabile Mittellage, Ausdauer, flammende Spitzentöne und eine ordentliche Portion Dramatik. Hołysz dagegen nennt eine hübsche lyrische Sopranstimme ihr Eigen, die ab dem ersten Duett mit Idamor überfordert ist. Die Mittellage ist löchrig, es fehlt an Kraft und Klang, so dass die Sängerin viel zu oft ins Jaulen übergehen muss, anstatt souverän zu gestalten. Dieser Umstand tut einem schon im ersten Finale nur noch leid, weil hier ein vermutliches Talent weit über die eigenen Fähigkeiten hinausgepusht ist und hörbar stimmlichen Schaden nimmt. An diesem Eindruck ändern auch die wenigen schönen Pianophrasen nichts, die zumindest für einige Sekunden zwischendurch aufatmen lassen.

Robert Jezierski als Akebar hat mit seinem profunden Bass die besten Zeiten hinter sich, verleiht dem alten Priester aber entsprechende Würde und Verdrängung. Einziger Lichtblick in der Besetzung ist Szymon Komasa als Paria Djares, weil er mit klangvollem Bariton endlich jenes Operndrama liefert, das über Moniuszkos Unentschiedenheit hinweghilft. Das hat Hand und Fuß und klingt ausnahmsweise auch einmal wirklich italienisch. In der kleinen Partie des Ratef macht der Tenor Tomasz Warmijak eine tadellose stimmliche Figur. Wer Moniuszkos 'Paria' einmal hören möchte, der hat mit dieser Doppel-CD einige Hürden zu nehmen. Der Eindruck ist bleibend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Stanislaw Moniuszko: Paria: Warsaw Philharmonic Choir, Poznan Philharmonic Orchestra, Lukasz Borowicz

Label:
Anzahl Medien:
DUX
1
Medium:
EAN:

CD
5902547016221


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Moniuszko, Stanislaw


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DUX

Das polnische Label DUX wurde 1992 von Malgorzata Polanska und Lech Tolwinski, beides Absolventen der Toningenieur-Fakultät der Frédéric Chopin Musikakademie in Warschau, gegründet. Hauptanliegen war die Produktion von Aufnahmen mit klassischer Musik, wobei man von Anfang an höchste Ansprüche an künstlerische und technische Standards stellte.Viele Aufnahmen von Dux erlangten sowohl in Polen als auch im Ausland breites Interesse bei Publikum und Kritik, die sich in zahlreichen Preisen und Auszeichnungen widerspiegelt.

Ein Schwerpunkt des Labels ist natürlich das reiche musikalische Erbe Polens, das weitaus mehr umfasst als Chopin oder Penderecki. Im Katalog finden sich daher neben bekannteren Namen wie Wieniawski, Szymanowski oder Lutoslawski auch zahlreiche hierzulande bislang weniger bekannte oder völlig unbekannte Komponisten von der Renaissance bis zur Gegenwart, wie Ignaz Jan Paderewski, der Klaviervirtuose und spätere Premier- und Außenminister der Zweiten Polnischen Republik oder Stanislaw Moniuszko, ein Zeitgenosse Verdis und Schöpfer der polnischen Nationaloper. Aber auch zahlreiche polnische Künstler, Ensembles und Orchester gilt es bei DUX zu entdecken, darunter international renommierte Namen wie beispielsweise die gefeierte Altistin Ewa Podles.


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