> > > Sweelinck, Jan Pieterszoon: Toccata
Sonntag, 21. April 2019

Sweelinck, Jan Pieterszoon - Toccata

Musizieren mit Herz und Hirn


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Oft scheint es bei Rezensionen von Orgelwerken angebracht, der Beschreibung und detaillierten Darstellung der Instrumente größeren Raum zu geben als den Komponisten; denn was soll man zu der einhundertvierzehnten Einspielung der ?Toccata und Fuge? BWV 565 oder der sogenannten ?Dorischen Toccata? (?Toccata und Fuge? BWV 538) von Johann Sebastian Bach noch schreiben, was man nicht ohnehin schon mal irgendwo gehört (oder besser: gelesen) hat. Anders verhält es sich bei der vorliegenden Einspielung mit Werken des Niederländers Jan Pieterszoon Sweelinck. Von dem hat nicht jeder schon mal irgendwo was gehört und deshalb sei er hier in aller Kürze vorgestellt:
Jan Pieterszoon Sweelinck, geboren 1562 im holländischen Deventer, wuchs in Amsterdam auf, wo sein Vater die Organistenstelle an der Oude Kerk innehatte. Und genau dieses Amt führte Sweelinck Zeit seines Lebens weiter aus. Zu seinen Verpflichtungen gehörte es nach der Einführung des Protestantismus in den Niederlanden 1578, täglich ein ?Orgelkonzert? zu geben, was für eine unglaublich große Fülle von aufgeführten Werken sorgte, die jedoch ? aus der Improvisation entstanden ? nicht schriftlich aufgezeichnet wurden. Und nachdem der rigorose Calvinismus sich in Holland durchgesetzt hatte, war es Organisten verboten, am Gottesdienst musikalisch mitzuwirken. Sweelincks Tätigkeit als Organist beschränkte sich schließlich darauf, jeden Tag besagte Konzerte zu geben, als Orgelexperte und ?inspektor durch die (Nieder)Lande zu reisen und ? last but not least ? Unterrichtsstunden zu erteilen, in denen er späteren berühmten Hamburger Organisten grundlegende Techniken (musikalisch und ?handwerklich?) vermittelte. Und so finden wir im Werkkatalog Jan Pieterszoon Sweelincks rund 250 Vokalwerke (Motetten, Psalmvertonungen, Chansons und Madrigale) und circa 70 Werke für Tasteninstrumente verschiedener Gattungen. Wie bereits erwähnt, wurden nur vokale Werke in Druck gegeben, alle Stücke für Tasteninstrumente, also Cembalo und Orgel, sind uns hingegen nur in Handschriften von Schülern Sweelincks überliefert. Und dadurch lassen sich Einblicke in die von venezianischer Tastenmusikkunst (z.B. Andrea Gabrieli) und englischer Musik (v.a. Blitheman, Bull und Philips) beeinflussten Werke des holländischen Organisten gewinnen.

Diese Aufnahme wurde zwar nicht am ?alten Arbeitsplatz? von Sweelinck, an der Orgel der Oude Kerk in Amsterdam aufgezeichnet, doch handelt es sich bei der Van Hagerbeer Orgel in der Pieterskerk im holländischen Leiden um ein aus dem Jahr 1643 stammendes Instrument. Dies wurde zwar 1998 restauriert, jedoch wurde die alte Grundkonstitution belassen. Insofern haben wir es hier mit einem aus der holländischen Orgelbauschule hervorgegangenen Instrument zu tun, auf dem die Musik Sweelincks vermutlich am besten (und authentischsten) zum Klingen gebracht werden kann.
Für die vorliegenden Aufnahme wählte der Organist (und Cembalist) Robert Woolley einen Querschnitt durch die verschiedenen Gattungen von Sweelincks Orgelwerk: hier sind Toccaten, Fantasien und Echo-Fantasien als Repräsentanten freier Formen vertreten, so wie auch Variationen über geistliche und auch weltliche Melodien. Robert Woolley weiß dies, in beeindruckender Weise zum Klingen zu bringen. Absolut perfekte Technik und das Wissen, wie diese Musik zum Leben erweckt werden kann, verbindet er in gekonnter Manier. Hier werden die Strukturen, die in Form von Kontrapunkt, Polyphonie, Akkordsatz etc. entstehen, unmittelbar fasslich und verständlich. Man hat zu keiner Zeit den Eindruck Figurationen und instrumentales Passagenwerk seien eine virtuose Überformung der klaren Bauweise der Stücke; ganz im Gegenteil wird hier deutlich gemacht, dass auch diese ?Zutaten? das Werk erst konstituieren, einen elementaren Bestandteil von Instrumentalwerken des 17. Jahrhunderts ausmachen.
Besonders überzeugend gelingt die Interpretation der ?Hexachord?-Fantasie; hier verbinden sich Woolleys Intellekt, die Kunst, den komplizierten Satz deutlich, fein und zwingend darzustellen, mit einer spürbaren Liebe an der Gestaltung dieser Musik. Dies gilt in gleicher Weise für die Realisierung der Vertonungen des 116. (?Ich liebe den Herrn, denn er hat mein lautes Flehen gehört?) und 140. Psalms (?Rette mich Herr, vor bösen Menschen, vor gewalttätigen Leuten schütze mich!?) und der Variationen über die lutherischen Choralmelodien von ?Nun freut euch, lieben Christen gmein?, ?Allein Gott in der Höh sei Ehr? und ?Erbarm dich mein, o Herre Gott?. Hier wechselt der immer wieder leicht veränderte cantus firmus ständig zwischen den Stimmen und wird eingebettet in ein kontrapunktisches Geflecht. In ähnlicher Weise geschieht dies auch in der Variation über das weltliche Lied ?Mein junges Leben hat ein End?.
Robert Woolley wird hier durchgehend als ein Interpret erfahrbar, bei dem sowohl analytischer Intellekt als auch die darstellerische Differenzierung miteinander verbunden sind, oder ? in Anlehnung an Schönberg ? bei dem ?Herz und Hirn? gleichermaßen zu spüren sind. Als ausgewiesener Kenner der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts, dessen Repertoire nicht nur von Buxtehude bis Sweelinck (in Orgel- und Cembalomusik) reicht, sondern der mit dem ?Purcell Quartett? sich auch anderweitig Meriten verdiente, verfügt Woolley zudem über den theoretischen Hintergrund, d.h. Fragen der Aufführungspraxis, der zeitspezifischen Verzierungsarten, etc. fließen hier ein in eine äußerst beseelte, von allem Pathos befreite Musik, der der nötige Raum zum Atmen zugestanden wird.

Unterstrichen wird der positive Gesamteindruck durch einen absolut überzeugenden Klang. Da es bei Aufnahmen von Orgelmusik oft schwer erscheint, einerseits die Klangfülle der ?Königin der Instrumente?, andererseits aber auch die differenziertesten Klangfarbenschattierungen der einzelnen Register optimal einzufangen und dies dann nicht mit der verhauchten, halligen Akustik einer riesigen Kirche, sondern mit einem großen Klang zu verbinden, gilt hier dem Label Chandos ein großes Lob. Eine solch natürlich wirkende Akustik bekommt man selten geboten. Wer sich also in die Klangwelt niederländischer Orgelmusik entführen lassen möchte, dem sei diese CD wärmstens empfohlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sweelinck, Jan Pieterszoon: Toccata

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Chandos
1
15.09.2003
73:24
2002
2003
EAN:
BestellNr.:

0095115070123
CHAN 0701


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Sweelinck, Jan Pieterszoon


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Interpret(en):Woolley, Robert (Orgel)


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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