> > > Janácek, Leos: The Cunning Little Vixen
Freitag, 24. Mai 2019

Janácek, Leos - The Cunning Little Vixen

Der natürliche Kreislauf des Lebens


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


?Der gnädige Herr schreibt doch immer auf, wie Vögel singen ? wäre das nicht eine herrliche Oper?? Mit diesen vermutlichen unbedachten Worten einer Hausangestellten, begann die Idee von einer Oper nach der Novelle ?Lidove noviny? von Rudolf Tesnohildek in Janaceks Kopf, Gestalt anzunehmen. Obwohl er noch mit der Arbeit an Kata Kabanova beschäftigt war, reizte ihn die Geschichte ungemein, so dass er nicht nur die Musik komponierte, sondern schließlich auch das Libretto selbst schrieb.
In dieser Oper stehen die Ereignisse im Leben der jungen Füchsin Schlaukopf im Mittelpunkt. Diese reichen dabei von ihrer Gefangennahme durch einen Förster, über ihre Flucht und der Gründung einer eigenen Familie bis hin zum Tod. Besonders auffällig sind die beiden, auch musikalisch getrennten Welten der Menschen und der Tiere. Beide Gruppen leben nebeneinander, jedoch ohne zu kommunizieren. Die einzige Verbindung zwischen diesen beiden Welten stellt der Förster dar, bei dem das Füchslein aufgewachsen ist und der sich durch eine große Verbundenheit zur Natur auszeichnet. Er dient Janacek als ironisches Instrument, da er der einzige ist, der begreift, wie menschlich sich die Tiere verhalten und wie tierisch die Menschen sind. Mit enormem Wissendrang verfolgt er das ganze Leben des Füchslein bis zu dessen Tod. Der Tod des Füchslein stimmt allerdings weder ihn noch den Zuschauer lange traurig, obwohl er recht brutal erfolgt. Janacek vertont diesen Abschied als steten Wandel des Lebens und setzt ihn mit einer Geburt gleich. Er schließt den Kreislauf des Lebens und zeigt damit nicht nur den Verlust des Lebens und die damit verbundene Trauer, sondern deren stete Erneuerung und den damit verbundenen Freuden.

Um diese musikalische, ironische und doch bedeutsame Sprache Janaceks umzusetzen, bedarf es sowohl charismatischer Sängern, wie auch einem gut eingespielten Orchester unter der Leitung eines Dirigenten, der es versteht, durch ein Gemisch aus Selbstironie und Feingefühl zu überzeugen. Dass die Wahl auf Simon Rattle fiel ist daher mehr als ein Glücksgriff. Er versteht es, dem Stück durch sensible Führung Intensität und Gefühl einzuhauchen, ohne dass es kitschig klingt. Sir Simon sorgt dafür, dass die Musik der Tiere märchenhaft, stellenweise verträumt und idyllisch erklingt, während die Musik der Menschen wesentlich realistischer und gewaltiger erscheint, wie bspw. beim Auftritt von Harasta.
Diese Kontraste hebt er sowohl zwischen, als auch innerhalb der Szenen hervor. Eben noch einfühlsam und liebevoll und im nächsten Moment schon bedrohlich und gewaltig. Stellenweise neigt er leider ein wenig zur Übertreibung, wodurch manche Stellen schroff klingen, aus der Szene herausstechen und somit dem vorher von ihm gezeigten Fluss des Lebens entgegenschwimmen und sich nicht richtig einpassen. Vielleicht setzt Rattle aber auch besonders auf diese Gegensätze, da die Oper durch die Übersetzung vom Tschechischen ins Englisch doch deutlich an ihrer gesanglichen Ausdrucksstärke verliert, und er auf diese Weise versucht, die slawische Grundstimmung dieser wieder in den Vordergrund zu heben. So entlastet der die Sänger, denn eine schwierige Aufgabe aufgelegt worden ist. Sie müssen tschechisches Temperament mit tschechischer Musik in englischer Sprache wiedergeben.

Obwohl man hierbei auf zum großen Teil einheimische britische Sänger gesetzt hat und diese sicherlich das größt mögliche aus ihren Partien herausholen, fehlt jedoch immer noch ein großes Stück Ausdruck und Atmosphäre gegenüber einem tschechisch gesungenem Janacek, der sich vor allem durch die bewusst gewählte Musik-Wort-Kombination auszeichnet und die verschiedenen Stellen ihren besonderen Reiz verleiht.
Lillian Watson vollbringt in der Titelpartie eine durchweg überzeugende, wenn auch nicht glänzende Leistung. Ihre Interpretation scheint an Gewitztheit und Raffinesse noch ausbaubar. Anders agiert Thomas Allen in der Rolle des Försters. Ihm scheint ein besserer Zugang zum Stück gegeben zu sein. Er lässt seine Stimme stets mit großer Präsenz und Aussagekraft erstrahlen, wogegen das Füchslein meist etwas blass wirkt. Zusammen mit seinen beiden Saufkumpanen, dem Lehrer, gesungen von Robert Tear, und dem Pfarrer, gesungen von Gwynne Howell, entsteht ein menschliches Dreigespann, das gut untereinander harmoniert und beeindruckend die menschliche Seite vertritt. Tears Lehrer wirkt streng und rechthaberisch, strotzt allerdings auch vor Selbstironie, wodurch die Rolle besonders farbig gelingt. Der Pfarrer von Gwynne Howell entpuppt sich als solider, realistischer, gerne mal ?einen über den Durst trinkender? Geistlicher, der es nur im Rausch vermag, das Leben zu begreifen.

Auf der Gegenseite dieses Trio steht das Füchslein leider relativ isoliert. Der ihr zur Seite gestellte Fuchs in Form von Diana Montague passt stimmlich nicht zu ihr. Während Lilian Watson sich bemüht, mit recht reiner und klarer Stimme zu singen, setzt Diana Montague gerne und häufig ihr Vibrato ein, was jedoch nicht die Männlichkeit des Fuchses unterstützt, sondern die Idylle des Waldes eher empfindlich stört, da es zu unausgewogen und zu dominant eingesetzt wird. Die übrigen Tiere wirken ein wenig zurückhaltend, mit Ausnahme des Dachses und des Moskitos, die ebenfalls von Robert Tear und Gwynne Howell gesungen werden. Während beide sich bemühen auch in ihren kurzen Szenen ihren tierischen Figuren eine Identität zu verleihen, so verbleiben die übrigen in der Anonymität.

Trotz aller Kritik erweist sich die Aufnahme als insgesamt gelungen, was nicht zuletzt dem Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden unter dem phantasievollen Dirigat von Sir Simon Rattle, als auch den Sängern, Thomas Allen, Robert Tear und Gwynne Howell zu verdanken ist. Bei den übrigen beteiligten Protagonisten zeigen sich deutlich Schwächen, vor allem auf der Seite der Tiere, wie z.B. bei der Interpretation des Hahns, den man wesentlich skuriller und übertriebener hätte darstellen können. Es fehlt den Wesen an Identität und Selbstständigkeit. Durch die Übertragung ins Englische mangelt es der gesanglichen Komponente ferner an Phantasie und Klangvielfalt, auch wenn Simon Rattle versucht, dies orchestral zu kompensieren.

Will man die vollen Klang- und Phantasiewelten des Prihody Iisky Bystrousky erfahren, so sollte man auf das tschechische Original zurückgreifen. Selbst wenn man des Tschechisch nicht mächtig ist, so wird man dennoch merken, dass der Charakter ein völlig anderer ist als in der englischen Aufnahme und dennoch verständlich, denn die Sprache der Tiere beherrscht ja mit Ausnahme vielleicht von Dr. Doolittle auch kein Mensch.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Daniel Hackenberg,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Janácek, Leos: The Cunning Little Vixen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Chandos
2
20.10.2003
1:36:47
1990
2003
EAN:
BestellNr.:

0095115310120
CHAN 3101(2)


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Janácek, Leos


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Dirigent(en):Rattle, Sir Simon


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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