> > > Alexander von Zemlinsky: Der Zwerg: Deutsche Oper Berlin, Donald Runnicles
Samstag, 5. Dezember 2020

Alexander von Zemlinsky: Der Zwerg - Deutsche Oper Berlin, Donald Runnicles

Große Oper: Der Zwerg


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese DVD ist eine Anschaffung wert – sowohl musikalisch als auch szenisch: große Oper!

Alexander von Zemlinskys Einakter 'Der Zwerg' kommt viel zu selten auf die Bühne. Er ist bei großem szenischen wie musikalischen Aufwand nicht restlos abendfüllend und vor allen Dingen schwierig zu besetzen. Umso erfreulicher, dass die Deutsche Oper Berlin die bewegende Wilde-Vertonung im März 2019 auf den Spielplan gesetzt hat – und zwar als vollwertigen Opernabend ohne eine weitere ergänzende Oper. Das mutige Konzept geht auf, auch dank der feinfühligen und klugen Inszenierung von Tobias Kratzer, die nun auf einer beim Label Naxos erschienenen DVD auch zuhause nachzuvollziehen ist.

Der Regisseur und Dirigent Donald Runnicles stellen dem deutlich autobiografisch inspirierten Zemlinsky-Einakter Arnold Schönbergs 'Begleitmusik zu einer Lichtspielscene' aus dem Jahr 1930 voran. Diese acht Minuten Introduktion geben Raum für einen Rückblick auf das traumatische Verhältnis zwischen Alexander von Zemlinsky und seiner Klavierschülerin Alma Schindler (später Alma Mahler-Werfel), das oft als ein ausschlaggebendes Ereignis des 'Zwergs in Zemlinskys Ausarbeitung zitiert wird. Der historisierend bebilderte szenische Einfall schärft den Blick für das Folgende, ohne dass Kratzer die Figuren eins zu eins wiederkehren lassen würde. Der Zwerg ist eben nicht einfach ‚nur‘ Zemlinsky und die Infantin nicht Alma.


‚‘

Die ungeheuerliche Geschichte vom Geburtstag der Infantin Donna Clara, die einen zwergenhaften Mann geschenkt bekommt, der in der Erkenntnis der eigenen Gestalt den Tod findet, erzählen Kratzer und sein Ausstatter Rainer Sellmaier in einem recht heutigen Raum. Nichts erinnert bildlich an den mahnenden Prolog. Das Drama des Künstlers, der seinen Platz in der Welt nicht findet, die Kälte und Herzlosigkeit einer oberflächlichen Gesellschaft, das Scheitern am Zwischenmenschlichen, die Konfrontation mit ungeschönter Selbsterkenntnis, all das spricht aus den Bildwelten Kratzers. Schon der erste Auftritt der Chordamen mit der Infantin ist ein Fest der Äußerlichkeiten: Selfies und andere gestellte Spaß-Schnappschüsse blitzen über die zahlreichen Smartphones, an die Tiefe oder Wahrhaftigkeit besteht bei den Damen kein Interesse. All dies geschieht aber ohne den moralischen Holzhammer, vielmehr herrscht erschreckende Akzeptanz, dass all diese Protagonisten eben Kinder ihrer Umstände sind.

Die bedeutsamste szenische Entscheidung ist die Aufspaltung des Zwerges in einen Sänger und einen Darsteller, wobei nicht bloße Synchronisation vorherrscht, sondern eine wirkliche Konfrontation mit sich selbst möglich wird. Der kleinwüchsige Mick Morris Mehnert mimt mit großer Präsenz und anrührender Schlichtheit den Zwerg, während der Tenor David Butt Philip die halsbrecherische Partie mit Bravour meistert. Das ausgeklügelte Spiel, wer wann welche Verkörperung der Titelfigur erkennt und sieht, gelingt allen Sängerdarstellern hervorragend. Tobias Kratzers Inszenierung fordert den Zuschauer, wirkt aber zu keinem Zeitpunkt verkopft, sondern stets nah an den Emotionen der Figuren, am Kern der Geschichte.

Schlicht phänomenal ist die stimmliche Leistung von David Butt Philip als Zwerg zu bewerten. Der Tenor singt die Partie mit einer Mühelosigkeit, die staunen macht – als wäre ihm diese Musik mit ihren unangenehmen Lagen in die Kehle komponiert. Dabei zieht der Künstler alle Register zwischen zarter Lyrik und heldischem Strahl, und das mit einer vorbildlichen Textverständlichkeit. Ihm dicht auf den Fersen ist die wunderbare Ghita von Emily Magee, die ebenso die perfekte Mischung aus Dramatik und lyrischer Note herzustellen weiß, um den zutiefst menschlichen Ton der Zofe zu treffen.

In Spiel und Erscheinung ist Elena Tsallagova als Infantin die perfekte Besetzung. Auch musikalisch überzeugt die jugendliche Sopranistin mit gleißenden Höhen und glutvollem Kern. Nur an der Textverständlichkeit hapert es. Das liegt fraglos auch in der Natur der Sache und ist nicht in Gänze der Sängerin anzulasten, zumal es Donald Runnicles im Graben mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin auch ordentlich krachen lässt. Zemlinskys Klangwogen weiß er effektvoll in Szene zu setzen, die Balance mit der Bühne ist nicht durchweg optimal. Bei den Closeups nimmt man gerade bei Elena Tsallagova immer wieder den hilfesuchenden Blick in den Dirigentenmonitor wahr, sowie ihr rhythmisches Körperwippen, um Runnicles folgen zu können.

Als Don Estoban macht Philipp Jekal vokal wie darstellerisch eine prächtige Figur und auch die drei Zofen sind mit Flurina Stucki, Amber Fasquelle und Maiju Vaahtoluoto stimmstark und spielerisch präsent glänzend besetzt. Der Damenchor der Deutschen Oper Berlin agiert klangschön, wenngleich völlig im auch von Zemlinsky verschuldeten Textnirwana. Diese DVD ist eine Anschaffung wert – sowohl musikalisch als auch szenisch: große Oper!

Interpretation:
Klangqualität:
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Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Alexander von Zemlinsky: Der Zwerg: Deutsche Oper Berlin, Donald Runnicles

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

DVD
747313565757


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Zemlinsky, Alexander von


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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