> > > Carlo Gesualdo: Tenebrae: GrainDeLaVoix, Björn Schmelzer
Mittwoch, 20. Januar 2021

Carlo Gesualdo: Tenebrae - GrainDeLaVoix, Björn Schmelzer

Gesualdo mit Methode


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Graindelavoix mit einem neuerlichen Statement gegen vokale Hochglanzkunst, dieses Mal bei Carlo Gesualdo.

Die Responsorien für die Karwoche gehören zu den bedeutenden Inspirationsquellen für die Komponisten der Renaissance – ausdrucksstarke Texte, die anregen und ermöglichen, ideale Flächen für ambitionierten Satz bieten. Die Iberer des 16. Jahrhunderts haben auf diesem Feld Besonderes geleistet, einige der ‚Klassiker‘ der Epoche haben sich mit maßstabsetzenden Versionen verewigt. Natürlich haben die Texte auch einem extravaganten Künstler wie Carlo Gesualdo, dem Fürsten zu Venosa, nachvollziehbar einen herausragend geeigneten Entfaltungsraum geboten. Die Responsorien für Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag aus der späten Sammlung von 1611 hat das belgische Vokalensemble Graindelavoix jetzt eingesungen und beim Label Glossa vorgelegt.

Ineinander verschlungen

In seinem reflektierten Einführungstext weist Mladen Dolar auf die enge verwandtschaftliche Bindung Gesualdos zur einflussreichen Familie Borromeo hin – Gesualdos Mutter war eine Nichte des Borromeo-Papstes Pius IV. Das Familienwappen zeigt drei Ringe, unabhängig voneinander, doch unauflöslich ineinander verschlungen, auf geradezu wundersame Weise. So, argumentiert Dolar, sei auch Gesualdos Musik speziell bei den späten Responsorien ineinander verwoben. Jeder Ring repräsentiert danach eine wesentliche Ebene der Existenz des Fürsten: Zuerst sein singuläres Schicksal mit dem alles überschattenden Mord an seiner Frau und deren Liebhaber, der sein Leben in der Folge in jeder Hinsicht prägte. Zweitens die ‚seltsamen und extremen musikalischen Mittel und Verfahren‘, die Dolar in der konsequent durchgehaltenen, hochkonservativen Kontrapunktik bei gleichzeitiger chromatischer Weitung sieht. Drittens attribuiert er dem Italiener eine ‚glühende Hingabe und Leidenschaft‘, die man religiös, aber auch musikalisch deuten kann.

Nun: Man muss diese – verglichen etwa mit den sehr späten Madrigalen durchaus fasslichere – Musik nicht mystifizieren, um ihre Attraktivität zu unterstreichen. Die Sätze sind ebenso reiz- wie geheimnisvoll, souverän in ihrer Faktur, wirken in jeder Geste stimmig und reif. Dabei entsprechen sie ganz und gar den Texten, deren Gehalt gleichwohl maßvoller spiegelnd, als es in Gesualdos madrigalischer Kunst der Fall ist. Graindelavoix-Gründer Björn Schmelzer hat die heiklen motettischen Sätze der Responsorien mit gregorianischen Gesängen aus einem zeitgenössischen römischen Zyklus für die heilige Woche kontrastiert und damit einen passenden, wirkungsvollen Rahmen geschaffen.

Konsequenz und Zweifel

Björn Schmelzer versucht sich mit seinem Ensemble in jedem der realisierten Projekte daran, die enge Bindung nicht nur an die musikalischen Quellen herzustellen, sondern in die Umgebungsbedingungen der Entstehungszeit einzutauchen: Notenhandschriften oder -drucke liefern wesentliche Hinweise, sind aber nicht alles. Sie funktionieren als ‚Dynamogramme‘ und bedürfen der Verlebendigung. Auf diesem Weg suchen die acht Vokalisten nach dem im Namen des Ensembles angesprochenen ‚Korn in der Musik‘, schlagen aber auch die Brücke zu einer anderen möglichen Deutung dieses Namens, indem sie auf das Körnige im Gesamtklang hinweisen, auf das Unperfekte, nicht glatt Polierte. Denn die Überlegung, dass die Musik der Renaissance oder früherer Epochen kaum so kristallklar und rein gesungen worden sein kann, wie sie heute von historisch informierten und hochspezialisierten Formationen geboten wird, ist selbstverständlich einleuchtend. Und in diesem Ansatz erweist sich Graindelavoix immer wieder als hochpotentes, eigenwillig stilbildendes Ensemble, das erstaunliche Produktionen bewerkstelligt, programmatisch stets hochambitioniert.

Allerdings ist nicht so klar, ob dieser Ansatz auch bei Gesualdos chromatisch gesättigter Musik vollends verfängt. Man bedenke: Das Gewebe ist selbst bei klarster Auffassung heikel, so dass verschliffene, unreine Klänge, stimmliche Inhomogenitäten und all das typische Graindelavoix-Repertoire nicht unmittelbar reizvoll werden. Diese Methode, Musik aufzufassen, bestärkt die Reize der Musik Gesualdos nicht, sondern relativiert sie geradezu: Zwei klar voneinander abgegrenzte, chromatisch alterierte Akkorde haben eben mehr affektives Potenzial als zwei ineinander verschliffene. Noch etwas fällt auf: Dem Ensemble ist schon an linearer Sicherheit gelegen – der Bass von Arnout Malfliet strömt so stabil und unangefochten dahin, wie es zum Beispiel Daniele Carnovich von der Compagnia del Madrigale kaum schöner möglich wäre. Er gibt dem gesamten Geschehen die notwendige Sicherheit, weil eben nicht alles beben und flirren kann – gerade in der Architektur Gesualdos, die satzseitig extremen Spannungen ausgesetzt ist.

Geschmackssache

Und doch: Die Sache hat ihren Reiz, verlangt aber danach, dass Hörerinnen und Hörer sich ganz auf die Linie einlassen. Dann wird man belohnt mit frei strömenden Tempi, mit der linearen Stärke, ja Soghaftigkeit der Vokalisten, die beim Hören auf eine Weise einbezieht, die ungewohnt ist und wirklich intensive Erlebnisse von berückender Schönheit beschert. Die Kategorie der Intonation ist ein heikler Punkt, wenn man ‚klassische‘ Maßstäbe anlegt. Wenn man sich auf den Ansatz einlässt, erwächst aus dem Dickicht ein vielfältig schillerndes Tableau, das oft wundersam zusammenfindet. Klanglich wird ein relativ direktes Bild geboten, von einiger Größe, mit üppigem Nachhall, der das Ensembleideal nobilitiert, dazu Kontext und deutenden Mehrwert schafft.

Graindelavoix mit einem neuerlichen Statement gegen vokale Hochglanzkunst, dieses Mal bei Carlo Gesualdo. In diesem Material ist der Befund zwiespältig: Das Ensemble vermag einerseits zu beeindrucken. Andererseits ist es fraglich, ob Gesualdos mehr als heikle Musik zugänglich ist für die ‚Methode Graindelavoix‘. Diese Platte bleibt bei aller Qualität und konzeptionellen Konsequenz in jedem Fall Geschmackssache.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Carlo Gesualdo: Tenebrae: GrainDeLaVoix, Björn Schmelzer

Label:
Anzahl Medien:
Glossa
1
Medium:
EAN:

CD
8424562321168


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Gesualdo, Don Carlo


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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