> > > James MacMillan: Symphony No.5 : The Sixteen, Britten Sinfonia, Harry Christophers
Mittwoch, 12. August 2020

James MacMillan: Symphony No.5 - The Sixteen, Britten Sinfonia, Harry Christophers

Chorsinfonisches Meisterwerk


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nach dem 'Stabat Mater' nun mit der fünften Sinfonie wiederum fantastisch qualitätvolle Musik des Schotten James MacMillan, von The Sixteen und der Britten Sinfonia mustergültig interpretiert.

Harry Christophers und sein Vokalensemble The Sixteen verbindet seit längerem eine fruchtbare Zusammenarbeit mit der Genesis Foundation, die immer wieder Stücke für die Formation in Auftrag gibt, glanzvolle Aufführungen und entsprechend gelobte Einspielungen inklusive. Vor einigen Jahren wurde auf diese Weise das 'Stabat Mater' des Schotten James MacMillan (geb. 1959) zum Ereignis, ein Meisterwerk, das unbedingt zum Kanon ambitionierter geistlicher Musik der Gegenwart zu zählen ist.

Jetzt liegt beim ensembleeigenen Label Coro eine Einspielung der ebenfalls von der Genesis Foundation in Auftrag gegebenen und 2019 uraufgeführten fünften Sinfonie MacMillans vor, mit dem Beinamen 'Le grand Inconnu' versehen. Angesprochen als großer Unbekannter ist die dritte Person der Trinität, der nur schwer Gestalt gewinnende und auch deshalb so wenig fassliche göttliche Geist. MacMillan forscht ihm in drei, in der Summe rund fünfzig Minuten umfassenden Sätzen nach, eingeleitet vom Atem oder der Luft, gefolgt vom lebensspendenden Wasser bis zum Feuer, den Flammen der Liebe. Textlich greift er auf hebräische, griechische und lateinische Bruchstücke zurück, die sich dem Wort als zentralem Baustein geistlichen Erwägens nähern. Dazu kommen Abschnitte aus Schriften des hl. Johannes vom Kreuz und Auszüge biblischer Überlieferung.

Eigenständige Kontur

MacMillan ist ein unbestrittener Meister in der Verbindung von geistlichen Inhalten und großer Besetzung. Die Musik wird aber nicht äußerlich mit Substanz versehen, sondern gewinnt aus sich selbst eigenständige Kontur. Vom stillen Atmen des Chors am Beginn bis zu den ersten Höhepunkten unter Ausnutzung aller Kräfte zeichnet er bildhaft, entfaltet er Kraft wie auch sphärische Qualitäten mit Geduld und wachem Bewusstsein. MacMillan weiß spürbar etwas mit chorischem Potenzial anzufangen, ist durchgehend an spezifischer, avancierter Sanglichkeit interessiert, versöhnt das Prinzip der Sinfonie deshalb mit leichter Hand mit dem des Chorischen. Und das anders als etwa Beethoven konsequent und vom ersten Takt an.

Es ist natürlich keinerlei liturgische Musik, auch im ganz engen Sinn als geistlich anzusprechen ist sie wohl nicht – zu leicht überwindet sie definitorische Grenzen: Inspiriert aus diesem Umfeld ja, aber eben nicht eng darauf fixiert. Genauso souverän entzieht sie sich jeder Anmutung von religiösem Kitsch, sucht sie nie die bloße Überwältigung des Hörers. Auch das avancierte Gesten gewohnte Ohr wird sich hier satthören können – es ist eindeutig Musik für das Publikum, sie will gehört werden. Vergleichbares gilt auch für das halbstündige Stück 'The Sun danced' von 2016: Es entstand zum 100. Jubiläum der Wundererscheinungen im portugiesischen Fatima, auch dieses Thema in sicherer Verbindung von facettenreichem Satz und echter Inspiration bearbeitet, affektiv enorm vielgestaltig, die disponierten Ressourcen einschließlich eines ausgreifenden Sopran-Solos klug zur Geltung gebracht und maximal genutzt.

Große interpretatorische Kraft

Harry Christophers hat sein Ensemble The Sixteen in den vergangenen vier Jahrzehnten neben der musikalischen Heimat in der Musik der Renaissance zu einer stilistisch flexiblen Formation modelliert, mit einem besonderen Schwerpunkt in der Musik der Gegenwart. Und auch hier, bei MacMillan, zeigen sich die Vokalisten famos wie so oft: Das Singen ist erkennbar von der schon länger etablierten Zusammenarbeit mit MacMillan inspiriert, man lässt sich vollkommen auf dessen Idiom ein. Man hört die Begeisterung für die Musik, man spürt, wie attraktiv und gelungen der Satz für die Vokalstimmen geschrieben ist. Zu hören sind fabelhaft profilierte Register, die jeder Anforderung mühelos gerecht werden und jeder kompositorischen Idee mit wachem Interesse zu folgen vermögen. Das reichlich vorhandene lineare Vermögen wird souverän ausgespielt. Der von Christophers im Zuge der Zusammenarbeit mit der Genesis Foundation gegründete, aus dem Nachwuchsprogramm des Ensembles hervorgehende Chor 'Genesis Sixteen Alumni' sorgt mit seinen 41 jungen Stimmen an der Schwelle zur professionellen Sängerkarriere nach intensiver Ausbildung für Momente nobler Größe.

In 'The Sun danced' profiliert sich Mary Bevan mit überstrahlender Präsenz und linear klarer Durchschlagskraft. In der fünften Sinfonie treten vier Solisten der Sixteen hervor: Die Sopranistin Julie Cooper, die Altistin Kim Porter, der Tenor Mark Dobell und der Bass Ben Davies sind veritable Solisten eigenen Rangs, die mit ihren prägnanten Beiträgen unterstreichen, welch famoses Potenzial in dem Vokalensemble versammelt ist.

Üppige Vielfalt

Die Britten Sinfonia spielt den instrumentalen Part in großer Besetzung, farbenreich und klangsatt, dennoch agil und beweglich, mit der geradezu kammermusikalischen Wachheit und Präsenz, die diesem besonderen Orchester zu eigen ist. Fabelhafte Soli zeichnen subtile Stimmungen, in prächtiger dynamischer Entfaltung fahren die Instrumentalisten zu gegebener Zeit aber auch brachial dazwischen. Harry Christophers zieht bei den Tempi von gespannter Ruhe bis zum ekstatischen Dahinschießen alle Register, dynamisch ist eine üppige Vielfalt der Gesten zu erleben, artikulatorisch ein Meisterwerk an Mannigfaltigkeit: Im Orchester wird in dieser Hinsicht alles abgerufen, was idiomatisch mit den erklingenden Instrumenten möglich ist. Klanglich ist diese Live-Aufnahme aus der Londoner Barbican Hall sehr gelungen, entbehrt nichts, nimmt die Größe der versammelten Ensembles ohne Verluste an Klarheit und Plastizität auf.

Nach dem 'Stabat Mater' nun mit der fünften Sinfonie wiederum fantastisch qualitätvolle Musik des Schotten James MacMillan: Um diesen in Deutschland im Grunde inexistenten Strang zeitgenössischer musikalischer Kreativität – auf ein waches, offenes Publikum ausgerichtet, avanciert und doch zugänglich, dabei nie an den Rändern des Seichten siedelnd – kann man Großbritannien nur beneiden. Es muss ein gewaltiges Erlebnis sein, diese Musik in der hier demonstrierten interpretatorischen Qualität im Konzert zu erleben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    James MacMillan: Symphony No.5 : The Sixteen, Britten Sinfonia, Harry Christophers

Label:
Anzahl Medien:
Coro
1
Medium:
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CD
828021617928


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Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


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