> > > Rachmaninoff, Sergej: Complete Preludes
Freitag, 10. April 2020

Rachmaninoff, Sergej - Complete Preludes

Tiefer Einblick in die russische Seele


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Denkt man an das Moskauer Konservatorium, jene wohl größte Pianistenschmiede der Welt, fallen einem Namen wie Samuel Feinberg, Neuhaus und Merzhanow ein, aber auch Richter, Giles, Radu Lupu, Sokolow und Pogorelich. Sie alle zeigen ungewöhnlich große musikalische Reife, einen jeweils individuellen Klavierton, man erkennt sie schon nach wenigen gespielten Noten. Die Zeiten großer Musikerpersönlichkeiten scheinen im heutigen Konzertbetrieb fast vorbei zu sein, junge Talente werden allzu oft zu Beginn ihrer Karriere quer über die Welt geschickt, von einem Konzerttermin zum nächsten gehetzt. Es fehlt dabei die Muße und innere Einkehr, die Persönlichkeit wachsen zu lassen, Repertoirearbeit nicht nur unter rein konzertant-kommerziellen Aspekten zu vollziehen. Dadurch ergibt sich eine Vielzahl gleicher Interpretationen, die zwar spieltechnisch perfekt erscheinen, aber dennoch dem Seelengehalt der Einspielungen ?einstigen? Heroen mit ihrer belcanto-geprägten Lyrik nicht standhalten können.
In die Riege dieser großen Klavierpoeten reiht sich neuerdings ein Pianist ein, der dem allgemein verbreiteten Vorurteil ?hochgezüchteter Tasten-Talente? in keiner Weise entspricht. Rustem Hayroudinoff wurde in Moskau von Lew Naumow und an der Londoner Royal Academy of Music von Christopher Elton ausgebildet. Nach seinem vielbeachteten Londoner Debüt vor 10 Jahren folgten Konzerte in den USA, und Europa bzw. drei Japantourneen. Er wird geschätzt von der Chopin-Gesellschaft, besitz beim Publikum sowie in Fachkreisen großes Anerkennung. Und immer wieder hat er sich aus dem Konzertbetrieb zurückgezogen, um in Ruhe an seinem Repertoire zu arbeiten. Seine bisherigen Einspielungen fanden große Akzeptanz, viele Rundfunkkonzerte zeugen von seiner Vielseitigkeit. Sein Repertoire erstreckt sich von den meisten großen Klavierkonzerten bis hin zur Kammermusik, beachtenswert seine Gesamteinspielung der Werke für Klavier und Cello von Rachmaninow mit dem russischen Cellisten Alexander Iwaschkin.

In der von Chandos sehr umsichtig redigierten Einspielung sämtlicher Preludes von Sergej Rachmaninow zeigt Rustem Hayroudinoff, dass er kein reiner Virtuose ist. Er entfaltet in diesen 14 Stücken einen fast lyrischen Klangzauber, der jeder ?Miniatur? individuell angepasst ist und trotzdem eine übergreifende Interpretationsgrundlage zeigt. Er zeigt keine technokratische Kühle, Innigkeit verschwimmt bei ihm nie zur Salonnähe. Schon beim ersten Werk, dem Prélude cis-moll aus den ?Morceaux de fantasie op.3? geht er mit den gewaltigen Klangmassen umsichtig um. Sehr intelligent verbindet er Klangfülle mit tonlichen Qualitäten, lässt den emotionalen Gehalt nicht sein Spiel beherrschen, sondern ordnet ihn ein in sehr facettenreiche dynamische Entwicklungen. Hier entsteht kein düsteres Tonbild, Rustem Hayroudinoff arbeitet die mehrstimmige Architektur exzellent heraus.
In den folgenden 10 Préludes op. 23 sind es gerade die lyrisch-poetischen langsamen Werke, denen er mit Sensibilität und ausgereifter Anschlagskultur ein intimes Leben quasi einhaucht. Zu keiner Zeit pianistisch an seine Grenzen gehend versteht es der Pianist, den inneren Gehalt, also den Gedanken hinter den Noten, transparent zu machen. Hier kann der Zuhörer eine musikalische Welt kennen lernen, deren Intimität und Gefühlsbetontheit nie zum reinen Selbstzweck wird. Rustem Hayroudinoff verliert sich nicht in den Klangwelten, er verzaubert vielmehr. Seine kleinsten Schattierungen und das herausarbeiten der Melodien innerhalb eines harmonischen Klangteppichs machen diese Interpretationen zum Genuss. Fast improvisatorisch werden sie zelebriert, halten den Vergleich zu anderen Einspielungen durchaus stand.

Die 13 Préludes op.32 zeigen neben der Sensibilität des Pianisten für Melodiegestaltung und gesanglichem Ton noch eine weitere Facette seines Spiels. Reine Virtuosität ersetzt er durch beherrschte Lebendigkeit, äußere Effekte werden nur dann berücksichtigt, wenn sie kompositorisch gewollt sind. Die intelligente Handhabung des Tonmaterials verbindet er mit Energie und Spielfreude. Hineinkomponierte flüchtige Andeutungen Rachmaninows lässt er bestehen als Fragmente, spielt sie nicht in den Vordergrund. Das Fließen der musikalischen Gedanken gewinnt bei ihm seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Selbst bei den orchestral angelegten Préludes kommt es nicht zu den sonst üblichen gewaltigen Ausbrüchen, er geht nie über die Grenzen der inneren und äußeren Spannung hinweg, vermittelt Großartigkeit ohne Größe mit Lautstärke zu verwechseln. Diese Interpretation der Préludes von Sergej Rachmaninow ist uneingeschränkt empfehlenswert. Hier wird deutlich, warum Rustem Hayroudinoff von anderen Pianisten wie Lazar Berman, András Schiff und Murray Perahia so geschätzt wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Axel Engels,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rachmaninoff, Sergej: Complete Preludes

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Chandos
1
15.09.2003
79:58
2003
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0095115110720
CHAN 10107


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Rachmaninoff, Sergej


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Interpret(en):Hayroudinoff, Rustem (Piano)


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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