> > > Sonar in Ottava: Giuliano carmignola, Mario Brunello, Accademia dell'Annunciata, Riccardo Doni
Freitag, 4. Dezember 2020

Sonar in Ottava - Giuliano carmignola, Mario Brunello, Accademia dell'Annunciata, Riccardo Doni

In Oktaven


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zweifellos ein delikates Klangexperiment voller Reiz, das Giuliano Carmignola und Marco Brunello hier unternommen haben: Vivaldi und Bach kann man unbedingt so spielen.

'Sonar in Ottava' – so haben der Geiger Giuliano Carmignola und der Cellist Mario Brunello ihr aktuell bei Arcana erschienenes Album mit Instrumentalmusik vorwiegend von Antonio Vivaldi und Johann Sebastian Bach genannt. Was da in Oktaven klingt, sind eine Violine und ein Violoncello piccolo – letzteres genau eine Oktave unterhalb der Oberstimme gestimmt und gespielt. Damit bestreiten die beiden Italiener je zwei Doppelkonzerte: Von Vivaldi die beiden für zwei Violinen mit den Nummern 508 und 515 im Ryom-Verzeichnis. Von Bach erklingt das großartige Konzert für zwei Violinen BWV 1043 und das für zwei Cembali BWV 1060 – allesamt in der speziell oktavierten Version von Carmignola und Brunello. Dazu kommen zwei Besonderheiten: Eine Streichersinfonia von Vivaldi als spritziger Auftakt und, eingelagert in die Bach-Konzerte, eine viersätzige Sonate von Johann Gottlieb Goldberg, der nicht nur einer der berühmtesten Widmungsträger der Musikgeschichte ist, sondern auch Bachs Schüler von besonderer Befähigung war, dazu ein Komponist, dessen Musik nach den Eindrücken dieser Sonate mit eleganten Wendungen im Stil der Bach-Söhne überzeugen kann und zur gleichen Zeit den Einfluss des Kontrapunkts noch nicht ganz abgelegt hat.

Ein Programm also, mit dem sich Carmignola und Brunello auf der sicheren Seite befinden, mit Werken, die durch die Bearbeitung nicht nur keinen Schaden nehmen, sondern interessante Facetten einer behutsam entfalteten Sonorität gewinnen. Das alles ist auch gedanklich nachvollziehbar – denn die Idee der Anverwandlung ist für die Musik der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unbedingt plausibel und vielfach erprobt. Und das gar nicht einmal mit dem steten Ziel der Suche nach originalen Klanggestalten: Eine pragmatische Annäherung mit überzeugender Begründung kann vollkommen genügen, dazu kommt selbstverständlich – je nach dann erklingendem Instrument – eine entsprechend adaptierte Spielweise. Das geht mit diesem Programm vollkommen auf; selten werden Grenzen des Ansatzes spürbar, zum Beispiel im 'Largo ma non tanto' aus BWV 1043, wo das von Bach einkomponierte spielerische Übergeben der führenden Stimme hier im steten Wechsel des Instruments durchaus kleinere Brüche zeitigt.

Souverän im lichten Klang

Altmeister Giuliano Carmignola entfaltet den Ton seiner Guarnieri kontrolliert und über weite Strecken gedeckt, dabei edel ausschwingend, leicht und kammermusikalisch präzis konturiert. Er verzichtet auf jedes aufdringliche Virtuosengehabe und holt das Violoncello piccolo sensibel und wirklich behutsam in einen gemeinsamen Klang hinein, gewährt künstlerischen Raum neben sich, indem er stets den erlesen zarten Ton sucht. Mario Brunello setzt dieses Klangkonzept in die tiefere Oktave hinein fort, ebenfalls wendig und elegant in der Tongebung, mit einem Hauch instrumententypischer Gravität. Und tatsächlich: Die Zweistimmigkeit der Doppelkonzerte wirkt erweitert, bereichert, auch wenn man zu akzeptieren hat, dass das Violoncello piccolo bei aller Behändigkeit der Spielkunst Brunellos natürlich um eine Spur weniger leichtgängig ist als die Violine, dass Druck und Weglänge im Gebrauch des Bogens sich unterscheiden.

Begleitet werden die beiden Solisten von der Accademia dell'Annunciata, von Riccardo Doni vom Cembalo aus geleitet. Die Formation kultiviert ein leichtes, luftiges, durchscheinendes Ensembleideal, etabliert eine Szene voller hauchfeiner Klänge – beispielhaft sind die kargen, schemenhaft getupften Vivaldi-Largos. Und es findet sich keine Spur von der zu Recht so negativ konnotierten maschinell-rauen Spielweise manches italienischen Ensembles: Brio ja, aber mit Geschmack und goldenem Rahmen. All das spiegelt sich auch in besonnen gewählten und bei aller Frische maßvollen Tempi. Intoniert wird auf hohem Niveau; das leicht näselnde Violoncello piccolo bringt besondere Farben ein. In Sachen Artikulation wird durchweg das Luftige, das Moment des Durchscheinenden betont. Manche Phrase wirkt wie verweht, andere Momente bekommen wiederum schwärmerische Qualitäten. Ebenso fein wie das instrumentale Bild ist auch die technische Realisierung: Nuancenreich, schön gestaffelt und in gelungener Balance befindlich.

Zweifellos ein delikates Klangexperiment voller Reiz, das Giuliano Carmignola und Marco Brunello da unternommen haben: Vivaldi und Bach kann man unbedingt so spielen. Beide Solisten investieren ihr reiches interpretatorisches Vermögen, um diese oktavierten Preziosen zu Erfolgen werden zu lassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sonar in Ottava: Giuliano carmignola, Mario Brunello, Accademia dell'Annunciata, Riccardo Doni

Label:
Anzahl Medien:
Arcana
1
Medium:
EAN:

CD
3760195734728


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Bach, Johann Sebastian
Goldberg, Johann Gottlieb
Vivaldi, Antonio


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Arcana

Michel Bernstein hat mit ARCANA eine Institution im Bereich der Alten Musik geschaffen, deren Katalog mit einer Vielzahl prominenter Namen der Alten Musik aufwarten kann, darunter prominente Namen wie Rinaldo Alessandrini, Gunnar Letzbor oder Sigiswald Kuijken. Als der Labelgründer 2006 plötzlich verstarb, schien es zunächst so, als würde dies auch unweigerlich das Ende von ARCANA bedeuten. Zum Glück entschied sich der italienische Vertrieb Jupiter zum Kauf des Labels. Selbstverständlich plant man, es im Sinne seines Gründers weiterführen. Nach und nach werden nun Aufnahmen aus dem umfangreichen Backkatalog des Labels in neuer Gestaltung wieder veröffentlicht und der Katalog durch neue Aufnahmen bewährter Künstler und von Neuzugängen (darunter Marco Beasley und das Ensemble Accordone) erweitert.


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