> > > Juan Esquivel: Missa Hortus Conclusus: De Profundis, Eamonn Dougan
Sonntag, 25. Oktober 2020

Juan Esquivel: Missa Hortus Conclusus - De Profundis, Eamonn Dougan

Qualität von der Seite


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das rund und komplett klingende Ensemble De Profundis singt hochattraktive Musik von Juan Esquivel, die zu hören ein Genuss ist und die zu kennen sich unbedingt lohnt.

Die im Lauf des 20. Jahrhunderts allmählich vollzogene Wiederbelebung des großen Renaissance-Repertoires der Iberischen Halbinsel hat zunächst Cristóbal de Morales, Francisco Guerrero und Tomás Luis de Victoria in den Vordergrund gerückt. Diese drei ohne Zweifel großartigen Komponisten dominieren die Wahrnehmung bis heute, dabei in aufsteigender Reihenfolge für sehr verschiedene Phasen musikalischer Entwicklung stehend. Doch haben sich, dank unermüdlicher Arbeit von Editoren und starken Interpreten, mittlerweile weitere Komponisten vernehmlich machen können: Alonso Lobo gehört genauso zu dieser Gruppe wie Sebastián de Vivanco. Und noch jemand steht direkt daneben, namentlich weit weniger vertraut: Juan Esquivel, wohl um 1560 in Ciudad Rodrigo in der Nähe der portugiesischen Grenze geboren, ausgebildet an der dortigen Kathedrale unter anderem von einem Chormeister, der auch für Victoria und Vivanco eine Rolle spielte, später in Oviedo nachweisbar, dann in Calhorra tätig, schließlich, schon in jungen Jahren, 1591 in seine Heimatstadt zurückgekehrt und wohl bis in die Zeit um 1630 dort wirksam – mehr ist kaum bekannt, die entsprechenden Akten, die mehr bezeugen könnten, sind verloren gegangen.

Famose Linien

Aber Musik ist überliefert: Ein umfangreicher Druck von 1613, unter anderem mit 30 Hymnen, 16 Magnificats, dazu Psalmen und in einem zweiten Buch dieser Publikation noch einmal sechs Messen, ein Requiem und Responsorien. Darüber hinaus sind zwei weitere Drucke bekannt, auch sie reich bestückt. Aus diesem Fundus schöpft das im englischen Cambridge beheimatete Vokalensemble De Profundis, in der aktuell bei Hyperion erschienenen Aufnahme vom jungen Eamonn Dougan geleitet. Im Zentrum des Programms steht die wunderbar gebaute 'Missa Hortus conclusus' nach einem älteren Satz von Rodrigo de Ceballos, der ebenfalls erklingt. Die Messe ist geprägt von famosen Linien, sie entfaltet klangsinnliche Momente, daneben auch durchaus kompakte Wirkungen von einiger Größe. Kontrapunktik wirkt sublim, nicht mehr archaisch oder hart, sondern übertragen in eine erstaunliche Eleganz, die den einzelnen Abschnitten die Anmutung des Zugänglichen sichert. Dazu erklingen Motetten überwiegend marianischer Prägung, die noch weitaus expressiver wirken und in dieser Hinsicht den charakteristischen Merkmalen der Spätrenaissance eines Victoria nicht nachstehen – in jedem Fall große Satzkunst auch bei Esquivel.

Schöner Tiefklang

Das Ensemble De Profundis hat sich 2011 zusammengefunden, um sich in einer reinen Männerbesetzung gezielt der Polyphonie des europäischen Festlands in den tiefen Notierungen der originalen Sätze zu widmen. Bei den verschiedenen, öffentlich sehr positiv aufgenommenen Projekten wurde es unter anderem von Größen wie Andrew Parrott, Andrew Carwood, Robert Hollingworth oder David Skinner geleitet. Jetzt steht Eamonn Dougan an der Spitze der Formation, der als Co-Dirigent von The Sixteen schon mehrfach vernehmlich aus dem Schatten von Harry Christophers herausgetreten ist und mit einigen Programmen auf seine Zukunftsbegabung aufmerksam gemacht hat. Die unterstreicht er auch hier, bei Esquivel: Er entfaltet das Potenzial der 22 Vokalisten zu einem edel timbrierten Ensembleklang. In kontrollierten, ruhevollen Gesten wird die ungemein reiche lineare Schönheit entfaltet.

Natürlich sind in einer reinen Männerbesetzung die Randregister von besonderem Interesse: Die Altisten singen dunkel und sahnig, die Bässe gewinnen kantiges Profil und präzise Kontur. Damit bilden sie eine glückende Verbindung zum einzigen Instrument der Einspielung, das von Nicholas Perry charaktervoll gespielte Bajón, das alte spanische Fagott, das in der musikalischen Praxis der großen Kathedralen jener Zeit die Basslinie mitzeichnete. Es wird auch hier kernig hörbar und ist doch gewissermaßen eingeschmeichelt in die vokale Sphäre.

Perfekt kontrolliert

Dougan lässt das Geschehen in freien Tempi fließen, kontrastiert mit dem Drängen mancher Aufwallung, dann das typische Vermögen fast aller hochklassigen englischen Vokalensembles nutzend, auch im Renaissancerepertoire eine stupende Schlagkraft zu entfalten, freilich perfekt kontrolliert und wirklich kulturvoll. Intonatorisch bietet sich ein freies und dennoch stabiles Bild, auch an den klingenden Rändern sind keinerlei Einbußen hinzunehmen. Linear ist das Ensemble die reine Ohrenweide – Spannung und Entspannung vollziehen sich in oft idealem Maß, es wird insgesamt zielgerichtet gesungen, mit wachem Bewusstsein für die Stellung der je eigenen Stimme. Das Klangbild ist von angemessener Größe, wirkt lebendig und doch strukturklar, ist auf einen charmanten Zusammenklang hin orientiert: Eine wirklich geglückte Balance vieler Elemente.

Das rund und komplett klingende Ensemble De Profundis singt hochattraktive Musik von Juan Esquivel, die zu hören ein Genuss ist und die zu kennen sich unbedingt lohnt. Der insgesamt tiefe Klang der Formation bildet diese Perlen der späten Renaissance stimmig ab und belohnt die Hörer: Musik und Ensemble haben sattsam Qualität.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Juan Esquivel: Missa Hortus Conclusus: De Profundis, Eamonn Dougan

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
1
Medium:
EAN:

CD
034571283265


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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