> > > W.A.Mozart: Idomeneo: Teatro Real, Ivor Bolton
Mittwoch, 1. Dezember 2021

W.A.Mozart: Idomeneo - Teatro Real, Ivor Bolton

Statement gegen den Krieg


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Regisseur Robert Carsten packt Mozarts 'Idomeneo' in die Gegenwart und riskiert dadurch schwache Charaktere. Dirigent Ivor Bolton hält mit einer starken musikalischen Inszenierung dagegen. So gelingt ein brisantes wie großartiges Opernerlebnis.

'Idomeneo' gilt als eines der besten Bühnenwerke Mozarts, die aufregendste Oper in jedem Fall, zudem ideal für aktuelle Inszenierungen mit Brisanz. Jüngster Beleg dafür ist die Produktion aus der Spielzeit 2019 am Teatro Real in Madrid, die Opus Arte als Video zur Verfügung stellt. Um eines vorwegzunehmen: Die Blu-ray-Disc bietet keine wahrnehmbar bessere Auflösung als die DVD.

Dystopische Räume

Auf der Bühne ist es dauerhaft finster. Scherenschnittartig heben sich die Silhouetten der Protagonisten vom graugrünen Meereshintergrund ab. Am Strand stehen Flüchtlinge dichtgedrängt hinter einem Zaun, bewacht von Soldaten in Kampfmontur. Können die Götter ihnen ein noch härteres Schicksal bereiten? Diese Frage stellen sich Ilia und die Flüchtlinge. Sie kommen allerdings nicht aus Troja, wie das Textbuch erzählt. Sie sind Menschen der Gegenwart und kommen aus Syrien. In Gruppen blicken sie verängstigt um sich. Solche Bilder kennt man aus den Nachrichtenkanälen.

Darauf legt es Regisseur Robert Carsten in seiner auf die Gegenwart anspielenden Inszenierung an. Mit Projektionen, die den Bühnenraum ausfüllen, gestaltet er semireale Naturräume, suggeriert tobende Naturgewalten und tosendes Meer, rottet die Menschen hinter provisorisch erstellten Bauzäunen zusammen. Trügerisch hell wird es im Finale. Ein gelber Horizont überzieht eine vom Krieg zerstörte syrische Stadt. Schwer bewaffnete Soldaten patrouillieren. In dieser Kulisse fixiert Robert Carsten primär nicht Individuen, sondern uniforme Menschengruppierungen, Flüchtlinge wie Soldaten, Chor und Statisten, unabhängig ihrer Zugehörigkeit und Absicht, gesteuert von einer dunklen Macht, die die Geschicke kriegstreibend lenkt.

Die dunkle Macht

Neptun, Gott der Meere, gestattete Idomeneo nur unter Auflagen die sichere Landung in der Heimat. Er solle dem Gott opfern, was ihm zuerst begegnet. So rettete Neptun Idomeneo aus der Seenot und stürzte ihn in größte Seelennot. Denn ausgerechnet sein einziger Sohn Idamante kommt ihm entgegen. Er liebt die trojanische Prinzessin Ilia und hat ihrem Volk längst die Freiheit geschenkt. Als der Vater verlangt, dass er mit Elettra die Insel verlassen solle, verfällt er schweren Traumata. Nur Illias bedingungslose Liebe kann ihn davon befreien. Sie besänftigt damit den Gott und beendet den Krieg. Menschen legen ihre Waffen und Uniformen ab und erkennen einander. Diese Schlussszene umweht ein Erlösungshauch von Kundry und Parsifal, eingefangen in Bildern, die an amerikanische Weltrettungsblockbuster rühren. Feinde werden zu Brüdern und Schwestern. Menschlichkeit findet Raum und individuelle Selbstbestimmung. Platz für explizite wie differierende Charakterinterpretationen lässt diese Inszenierungsidee kaum zu, obgleich die Solisten durchweg exzellent singen und sich in die Charaktere hineinfühlen, während sie auf der Bühne immer wieder hin- und herlaufen

Exzellent gesungen

Zwei Szenen zeichnen sich durch besondere Ausdruckskraft aus. Im Gipfel der Schönheit erstrahlt das Liebesduett 'Spiegarti non poss'io'. Zärtlich und innig gestehen sich Idamante und Ilia ihre Liebe. Anett Fritsch und David Portillo stehen am Strand inmitten von Schwimmwesten auf Distanz und blenden mit ihrem innig zarten Gesang alles Störende aus. Das Orchester verstärkt durch absolute Klarheit und Leichtigkeit in der Begleitung diesen Moment größtmöglicher Intimität.

Die andere Szene bringt das eigentliche Kernproblem in dramatisch ausgefeilter Differenziertheit zum Klingen. Im Quartett der Hauptfiguren Idomeneo (Eric Cutler), Idamante (David Portillo), Ilia (Anett Fritsch) und Elettra (Eleonora Buratto) wird erkennbar, dass der weltpolitische Konflikt im Grunde nicht mehr ist als die Unfähigkeit zweier Parteien zur Versöhnung. Facettenreich und fesselnd gestaltet vor allem Eleonora Buratto als Elletra emotionale Zerrissenheit.

Ivor Bolton am Pult setzt vom ersten Ton an auf Extreme im Ausmusizieren vielfach nuancierter emotionaler Details in der Partitur. Dadurch wird die Musik durchscheinend, der Gesamtklang individualisiert, die Summe an Emotionen vielfach farblich pulsierend. Was Robert Carsten in einer zeitgenössischen Schau zugunsten des atmosphärischen Ganzen dem Orchestergraben überlässt, wird durch Ivor Boltons musikdramatischer Ausdeutung zum eigenständigen dramaturgischen Gestaltungselement.

Das Booklet zur DVD bietet auf 12 Seiten nur dürftige Information und ausschließlich in englischer Sprache. Opulente Szenenfotos und Angaben zur Besetzung stehen neben einer Zusammenfassung der Handlung sowie Überlegungen zu Robert Carstens Regieidee.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    W.A.Mozart: Idomeneo: Teatro Real, Ivor Bolton

Label:
Anzahl Medien:
Opus Arte
1

EAN:


809478072768


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Mozart, Wolfgang Amadeus


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