> > > Christoph Graupner: Das Leiden Jesu: Barockorchester Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick
Sonntag, 16. Januar 2022

Christoph Graupner: Das Leiden Jesu - Barockorchester Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick

Veritabler Graupner


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christoph Graupner mit delikater Musik: Florian Heyerick und seine Ensembles beweisen mit ihrer cpo-Reihe, dass der Darmstädter ein echter Meister ist.

Der belgische Dirigent und Musikologe Florian Heyerick hat sich in den vergangenen Jahren in einer kleinen Reihe bei cpo einem geschlossenen Kreis von Passionskantaten gewidmet, die Christoph Graupner 1741 auf Andachtstexte seines Schwagers Johann Conrad Lichtenberg komponiert hatte. Nun erscheint die finale vierte Folge mit der zehnten Kantate 'Das Leiden Jesu vor dem Geist und weltlichen Gericht', ergänzt um eine Reihe von Choralvertonungen aus Graupners Jahrzehnte umfassendem Kantatenschaffen.

Verlässlich erfindungsreich

Wiederum ist einfallsreiche, affektsichere Musik zu hören, erweist sich Graupner als Meister pointensicherer Instrumentierung und gekonnter Integration figurativer Formalismen in einen inspirierten, frisch durchpulsten Kontext. Im Zusammen- und Wechselspiel mit den Texten Lichtenbergs zeigt er sich verlässlich erfindungsreich, als Souverän beinahe schon empfindsam anmutender Duette – gerade letztere verlässlich verquickt mit einer charaktervollen instrumentalen Entsprechung.

Die dreizehn erklingenden Choräle sind so verschieden und reich an Varianten, wie es Graupners Musik insgesamt ist, sind harmonisch ambitioniert, auch in Faktur und Organisation anspruchsvoll, vom vokalen Solo bis zur Vollstimmigkeit alle Möglichkeiten ausschöpfend. Sehr gelegentlich kommt in diesem inhaltlichen Anhang zum Zyklus der Passionskantaten das Gefühl auf, etwas Inkomplettes zu hören, sind Graupners Choräle doch nie bindungslos, sondern stets deutlich Teil eines kompositorisch Ganzen. Interessant außerdem: Die ältesten der vorgestellten Choräle weisen eine klare kontrapunktische Bindung auf, nicht schulmäßig, sondern inspiriert, aber doch ästhetisch noch deutlich unselbstständiger als etliche der späteren Werke.

Harmonisches Ensemble mit Dominik Wörner als Solitär

Das Vokalensemble ist exquisit besetzt, mit Viola Blache im Sopran, mit Franz Vitzthum im Alt, mit Daniel Schreiber im Tenor und Dominik Wörner im Bass. Wörner ist es auch, der der kleinen Graupner-Reihe vokalsolistisches Fundament und personelle Kontinuität verliehen hat. Ansonsten waren die Besetzungen durchaus wechselvoll; einzelne Stimmen fügten sich weniger. Hier aber ist eine exzellent ausgeglichene Formation zu erleben, die Graupners Musik mit Zart- und Sprachgefühl aufgreift: Arios ohne Anfechtung und mit stilistischer Klarheit, in den Chorälen, um eine Ripieno-Stimme je Register erweitert, gesammelt, gleichwohl nicht statisch oder anämisch. Auch hier erweist sich Dominik Wörner als besondere stimmliche Autorität, prägnant und vorbildlich.

Die instrumentale Besetzung ist mit Streichern, zwei Oboen und Continuo für Graupner eher reduziert. Doch welche Farben gewinnt er allen erdenklichen Konstellationen ab – und wie glückend greifen die acht Instrumentalisten diese Impulse in solistischer Besetzung auf. Mit einem konzentrierten Klang, der geeignet ist, all das Mürbe und Zerbrechliche zu explizieren, das Graupners Instrumentalsatz innewohnt. Das einkomponierte Zögern, das nicht ganz Durchgehende der Sätze wird gekonnt aufgegriffen – Geduld gehört beim Darmstädter Meister ganz sicher zu den wesentlichen Anforderungen an die Interpreten. Artikulatorisch sind dezidiert knappe Konturen zu verzeichnen, weniger lineares Schwärmen. Wenn es aber doch lyrisch wird, dann umso wirkungsvoller. Schattige Gesten sind bedeutsamer als das helle Gleißen, weshalb auch dynamisch vor allem feine Nuancen gefordert sind, die Tempi eher sacht fließen als wild dahinzuschießen. Klanglich ist das Abbild ein schönes Porträt von Ensemble und Kompositionen, greift es gerade das Moment des Heiklen sehr gelungen auf. Graupner mit delikater Musik: Florian Heyerick und seine Ensembles beweisen mit ihrer cpo-Reihe, dass der Darmstädter ein echter Meister ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Christoph Graupner: Das Leiden Jesu: Barockorchester Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203534821


Cover vergössern

Graupner, Christoph


Cover vergössern

Dirigent(en):Heyerick, Florian
Orchester/Ensemble:Barockorchester Mannheimer Hofkapelle


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Handwerklich solide, aber recht brav: Aus den hier versammelten Werken für Klaviertrio von Carl Reinecke ragt das erste Trio op. 38 heraus. Die übrigen Stücke wirken dagegen bisweilen etwas blass. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Weihnachtsglanz in neuem Gewand: Es ist dies die vielleicht gelungenste Weihnachtsplatte der Saison 2021: Ein großer Wurf zur Weihnachtszeit. Das Ensemble Polyharmonique glänzt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Kompakte Symphonien: Das Label cpo wirft sieben interessante, kleine Symphonien von Julius Röntgen in Ersteinspielungen auf den Markt. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Umrundet: Eine Reise um die Ostsee hat sich vollendet: Das Ensemble Peregrina mit dem pommerschen Schlussstein der Erkundungen rund um das Mare Balticum. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Weibliche Perspektiven: Ein veritables künstlerisches Lebenszeichen von Singer Pur, mit etlichen starken weiblichen komponierenden Stimmen, die das Programm üppig mit Qualität aufladen. Eine fein programmierte und gesungene Platte. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Mit Stern: Herrnhuter Weihnacht gewährt einen Blick in einen kaum bekannten Bezirk der Musikgeschichte – unbedingt interessant, wenn auch nicht spektakulär. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich