> > > Christoph Graupner: Das Leiden Jesu: Barockorchester Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick
Donnerstag, 9. Juli 2020

Christoph Graupner: Das Leiden Jesu - Barockorchester Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick

Veritabler Graupner


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christoph Graupner mit delikater Musik: Florian Heyerick und seine Ensembles beweisen mit ihrer cpo-Reihe, dass der Darmstädter ein echter Meister ist.

Der belgische Dirigent und Musikologe Florian Heyerick hat sich in den vergangenen Jahren in einer kleinen Reihe bei cpo einem geschlossenen Kreis von Passionskantaten gewidmet, die Christoph Graupner 1741 auf Andachtstexte seines Schwagers Johann Conrad Lichtenberg komponiert hatte. Nun erscheint die finale vierte Folge mit der zehnten Kantate 'Das Leiden Jesu vor dem Geist und weltlichen Gericht', ergänzt um eine Reihe von Choralvertonungen aus Graupners Jahrzehnte umfassendem Kantatenschaffen.

Verlässlich erfindungsreich

Wiederum ist einfallsreiche, affektsichere Musik zu hören, erweist sich Graupner als Meister pointensicherer Instrumentierung und gekonnter Integration figurativer Formalismen in einen inspirierten, frisch durchpulsten Kontext. Im Zusammen- und Wechselspiel mit den Texten Lichtenbergs zeigt er sich verlässlich erfindungsreich, als Souverän beinahe schon empfindsam anmutender Duette – gerade letztere verlässlich verquickt mit einer charaktervollen instrumentalen Entsprechung.

Die dreizehn erklingenden Choräle sind so verschieden und reich an Varianten, wie es Graupners Musik insgesamt ist, sind harmonisch ambitioniert, auch in Faktur und Organisation anspruchsvoll, vom vokalen Solo bis zur Vollstimmigkeit alle Möglichkeiten ausschöpfend. Sehr gelegentlich kommt in diesem inhaltlichen Anhang zum Zyklus der Passionskantaten das Gefühl auf, etwas Inkomplettes zu hören, sind Graupners Choräle doch nie bindungslos, sondern stets deutlich Teil eines kompositorisch Ganzen. Interessant außerdem: Die ältesten der vorgestellten Choräle weisen eine klare kontrapunktische Bindung auf, nicht schulmäßig, sondern inspiriert, aber doch ästhetisch noch deutlich unselbstständiger als etliche der späteren Werke.

Harmonisches Ensemble mit Dominik Wörner als Solitär

Das Vokalensemble ist exquisit besetzt, mit Viola Blache im Sopran, mit Franz Vitzthum im Alt, mit Daniel Schreiber im Tenor und Dominik Wörner im Bass. Wörner ist es auch, der der kleinen Graupner-Reihe vokalsolistisches Fundament und personelle Kontinuität verliehen hat. Ansonsten waren die Besetzungen durchaus wechselvoll; einzelne Stimmen fügten sich weniger. Hier aber ist eine exzellent ausgeglichene Formation zu erleben, die Graupners Musik mit Zart- und Sprachgefühl aufgreift: Arios ohne Anfechtung und mit stilistischer Klarheit, in den Chorälen, um eine Ripieno-Stimme je Register erweitert, gesammelt, gleichwohl nicht statisch oder anämisch. Auch hier erweist sich Dominik Wörner als besondere stimmliche Autorität, prägnant und vorbildlich.

Die instrumentale Besetzung ist mit Streichern, zwei Oboen und Continuo für Graupner eher reduziert. Doch welche Farben gewinnt er allen erdenklichen Konstellationen ab – und wie glückend greifen die acht Instrumentalisten diese Impulse in solistischer Besetzung auf. Mit einem konzentrierten Klang, der geeignet ist, all das Mürbe und Zerbrechliche zu explizieren, das Graupners Instrumentalsatz innewohnt. Das einkomponierte Zögern, das nicht ganz Durchgehende der Sätze wird gekonnt aufgegriffen – Geduld gehört beim Darmstädter Meister ganz sicher zu den wesentlichen Anforderungen an die Interpreten. Artikulatorisch sind dezidiert knappe Konturen zu verzeichnen, weniger lineares Schwärmen. Wenn es aber doch lyrisch wird, dann umso wirkungsvoller. Schattige Gesten sind bedeutsamer als das helle Gleißen, weshalb auch dynamisch vor allem feine Nuancen gefordert sind, die Tempi eher sacht fließen als wild dahinzuschießen. Klanglich ist das Abbild ein schönes Porträt von Ensemble und Kompositionen, greift es gerade das Moment des Heiklen sehr gelungen auf. Graupner mit delikater Musik: Florian Heyerick und seine Ensembles beweisen mit ihrer cpo-Reihe, dass der Darmstädter ein echter Meister ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Christoph Graupner: Das Leiden Jesu: Barockorchester Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203534821


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Graupner, Johann Christoph
 - Das Leiden Jesu vor dem Geist und weltlichen Gericht - Dictum
 - Das Leiden Jesu vor dem Geist und weltlichen Gericht - Accompagnata
 - Das Leiden Jesu vor dem Geist und weltlichen Gericht - Aria
 - Das Leiden Jesu vor dem Geist und weltlichen Gericht - Accompagnata
 - Das Leiden Jesu vor dem Geist und weltlichen Gericht - Aria
 - Das Leiden Jesu vor dem Geist und weltlichen Gericht - Accompagnata
 - Das Leiden Jesu vor dem Geist und weltlichen Gericht - Choral
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -
 - Choral -


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Dirigent(en):Heyerick, Florian
Orchester/Ensemble:Barockorchester Mannheimer Hofkapelle


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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