> > > Richard Strauss: Adriadne auf Naxos: Wiener Staatsoper, Christian Thielemann
Samstag, 19. September 2020

Richard Strauss: Adriadne auf Naxos - Wiener Staatsoper, Christian Thielemann

Licht und Schatten


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die DVD-Produktion 'Ariadne auf Naxos' an der Wiener Staatsoper mit Starbesetzung zeigt ihre runzelnde Stirn im Vorspiel und enthüllt erst in der Oper ihr strahlendes Antlitz.

Christian Thielemann und die Wiener Staatsoper sind für viele der Inbegriff einer perfekten Liaison. Da überrascht es wenig, dass Thielemanns erste szenische Richard-Strauss-Darbietung am Wiener Opernhaus aus dem Jahr 2014 nun beim Label Arthaus auf DVD erschienen ist. Die vorliegende Produktion von 'Ariadne auf Naxos' wartet mit großen Namen auf, die vieles versprechen. Dem ein oder anderen möglicherweise zu viel. So zeigt die Produktion eine selten erlebte Disparität zwischen den Teilen Vorspiel und Oper, kurz gesagt: Das Vorspiel missglückt so beträchtlich, dass die fantastische Darbietung in der Oper umso kraftvoller zementiert wird.

Dafür gibt es viele Gründe, am Ende möchte man jedoch vor allem Thielemann als vermeintlichen Mr. Hyde ausmachen, der mit gemächlichem Tempo und wenig Liebe fürs Detail kaum in der Lage ist, die Fülle an witzigen Pointen richtig zu akzentuieren. Auch Regisseur Sven-Eric Bechtolf scheint mit dem Vorspiel längst nicht so viel anfangen zu können wie mit der Oper und lässt die vielen chaotisch auftretenden Charaktere relativ ideenlos über die Bühne auf- und abmarschieren, anstatt ein humorvolles und lebendiges Durcheinander zu modellieren.

Wenig zu lachen

Die Akteure selbst bringen den Zuschauer ebenso wenig zum Schmunzeln: Soile Isokoski nutzt ihre Rolle der eitlen Primadonna kaum, um gesanglich mal etwas über die Stränge zu schlagen, Jochen Schmeckenbecher überzeugt mehr durch einen warmen Bariton als durch eine amüsante Textgestaltung und selbst der vermeintliche Selbstläufer – die Rolle des Haushofmeisters – wird auf dieser DVD von Peter Matić nur bedingt effektvoll in Szene gesetzt. Obgleich Matićs wundervolle Synchronstimme (bekannt aus 'Schindlers Liste' oder 'Amadeus') verbunden mit seiner langjährigen Rollen-Erfahrung für klare Verhältnisse sorgen sollte, wirkt er hier fast schon zu zahm, um den diabolischen Sadismus des Charakters zu versprühen. Sophie Koch kämpft derweil mehr mit der anspruchsvollen Partie des Komponisten, anstatt diesem interessanten Charakter ein aufregendes Profil einzuhauchen. Erst gegen Ende werden die Intonationsschwächen ad acta gelegt, wobei insbesondere das Duett mit Daniela Fally alias Zerbinetta aufhorchen lässt. Dass Bechtolf diese Liebschaft im zweiten Teil vertieft und mit einem Kuss zwischen Komponisten und Zerbinetta zum abschließenden Fazit macht, ist nur konsequent.

Kehrseite der Medaille

Überhaupt zündet die Inszenierung in der Oper als glanzvollen Kehrseite der verrosteten Vorspiel-Medaille plötzlich in allen Belangen. Bechtolf lässt hier gewissermaßen die Handlung des Vorspiels weiterlaufen und spielt ganz im Sinne der Vorlage mit der Idee vom Theater im Theater. Die Interaktion der Figuren aus dem Vorspiel (Komponist, Musiklehrer, Tanzmeister etc.) mit den Charakteren aus der Oper geht gänzlich auf und sorgt für eine Fülle von humorvollen Situationen. So ist es nur logisch, dass das vom Haushofmeister in letzter Minute auferlegte Zusammenkleistern einer Opera seria mit einem Lustspiel in der Praxis nicht ohne Patzer und Zwischenfälle vonstattengehen kann: Ariadne wird wieder zur Primadonna, wenn Zerbinetta lange Koloraturen singen darf, Musiklehrer und Tanzmeister müssen immer wieder delegierend eingreifen, die Sängerin des Echos singt dennoch des Öfteren versehentlich dazwischen.

Im äußersten Kontrast zum Bildnis des Vorspiels stehen auch die gesanglichen Leistungen, die der makellosen Schönheit eines Dorian Grays in nichts nachstehen. Isokoski beeindruckt als Ariadne mit ihrem jederzeit perfekt kontrollierten Vibrato und grazilem Timbre, das vom leisesten Piano bis ins mächtigste Forte Glanz versprüht. Fally wiederum ist ein kongenialer Gegenpart mit ihrer jugendlichen wie auch glockenreinen Stimme und bewältigt die schwierige Partie mit spielerischer Leichtigkeit. Der viel zu früh verstorbene Johan Botha fällt aus diesem Trio etwas ab, Kraft und Ausdauer sind vorhanden, um die so ungemütliche Tenorpartie des Bacchus mit metallischer Durchschlagskraft zu bewältigen, allerdings klingen die Spitzentöne forciert.

Orchestrale Pracht

Auch Thielemann animiert nunmehr in freundlicher Gestalt von Dr. Jekyll das Wiener Staatsopernorchester zu beeindruckenden Leistungen. Dirigent und Wiener fühlen sich eben am wohlsten, wenn sie sich in prachtvoller Noblesse baden dürfen. Dabei entlocken sie der Partitur nicht nur eine pathetische Klangschönheit im besten Sinne des Wortes, Thielemann versteht es auch, den Orchesterapparat auf der einen Seite urplötzlich auf ein kammermusikalisches Pianissimo herunterzuschrauben (besonders gelungen bei 'Töne, töne, süße Stimme') und auf der anderen Seite im Finale wieder zu Wagnerschen Klanggewalten anzuspornen.

Schlussendlich ist diese Produktion ein zweischneidiges Schwert, bei dem man am liebsten auf das Vorspiel verzichten und gleich zur Sache kommen würde. Dabei war es doch jenes von Strauss und Hofmannsthal später hinzugefügte Vorspiel, welches die bis heute erfolgreiche Fassung des Werkes manifestieren konnte. Der vorliegenden Produktion kann man dagegen eine maximal stiefmütterliche Auseinandersetzung mit diesem Abschnitt zusprechen. Ein vernachlässigter Fokus wird auch bei der Aufmachung der DVD bemerkbar, die mit fehlerhaften Untertiteln und der Nichtexistenz jeglicher Zusatzfeatures glänzt. Der interessierte Käufer wird zumindest auf YouTube mit Bonusmaterial ausgestattet. Warum sich Arthaus nicht ebenso hierbei bediente? Man wird sich etwas dabei gedacht haben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Richard Strauss: Adriadne auf Naxos: Wiener Staatsoper, Christian Thielemann

Label:
Anzahl Medien:
Arthaus Musik
1
Medium:
EAN:

DVD
4058407093978


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Strauss, Richard


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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