> > > Jan Dimas Zelenka: Missa 1724: Collegium 1704, Collegium Vocale 1704, Václav Luks
Samstag, 25. September 2021

Jan Dimas Zelenka: Missa 1724 - Collegium 1704, Collegium Vocale 1704, Václav Luks

Immer wieder Zelenka


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wieder einmal gilt: Vaclav Luks und sein Collegium 1704 plädieren vehement für Jan Dismas Zelenka und dessen hochattraktive Musik.

In seiner aktuell beim Label Accent erschienenen Produktion legt das für seine Zelenka-Expertise bekannte und gerühmte Collegium 1704 mit seinem Leiter Vaclav Luks kein großes, geschlossenes Werk vor, keinen Zyklus. Kern ist vielmehr eine Anzahl von Mess-Sätzen, die überwiegend aus dem Jahr 1724 stammen und von Luks als 'Missa 1724' präsentiert werden. Eine gesammelte Messe also, die in wesentlichen Teilen auf ältere Vorlagen zurückgeht.

Parodie

Sind Luks und sein Ensemble also etwa mit minderwertigem Material unterwegs? Das ist mitnichten der Fall. Das Parodie-Verfahren war damals allen, auch den größten Meistern bekannt – allein Bach und Händel stehen dafür exemplarisch, vormals Geschaffenes, das möglicherweise einem fixen Anlass zugeordnet war, dadurch zu retten, dass es später abermals, gewiss umgearbeitet, Verwendung finden konnte. Einerseits eine Mischung aus selbstbewusster Künstlerpersönlichkeit, die das als bewahrenswert und trefflich gelungen Erkannte vor dem Vergessen retten will, und andererseits einem Komponisten, der in jeder Lebensphase auch arbeitsökonomisch denken und handeln musste: Was schon gültig gesagt war, sich als der erneuten Verwendung zugänglich erwies und seinen Zweck auch an neuem Ort erfüllte – das konnte die oft drangvolle Arbeitslast lindern helfen. Neben der Ehrenrettung der Parodie unterlag Vaclav Luks bei seiner Entscheidung für diese Missa noch einem zweiten Aspekt: Wie hätten diese Sätze sonst in einem sinnvollen Kontext präsentiert werden können, die doch disparat überliefert sind, sich auf diese Weise aber zu einem bemerkenswert schlüssigen Ganzen fügen, auch wenn Zelenka das so niemals für möglich gehalten geschweige denn konzipiert hat?

Sehr wirkungsvoll

Und es ist eindeutig Musik, die es wert ist, gesungen und gespielt zu werden: Sehr wirkungsvolle Sätze sind zu hören, die spürbar Traditionen aufgreifen und oft eine deutlich herausgestellte kontrapunktische Basis haben. Gleichzeitig entfalten sie vor allem einen klangsinnlichen Charme, der die Musik Jan Dismas Zelenkas klar von der weniger profilierter Zeitgenossen abhebt. Die Orchesterbesetzung ist zeitüblich; besondere Farben wie die der erwähnenswerten Posaunen nutzt Zelenka aber zu eigenständiger Zeichnung. An die Messe schließt sich – vermutlich aus Kapazitätsgründen, weil das Programm der Platte insgesamt nicht einmal 55 Minuten erreicht – ein 'Salve Regina' stilistisch und in der Qualität des Satzes nahtlos an.

Belebende Frische

Prägende Größe ist der Chor: Mit seinen 20 Stimmen überzeugt er mit schlanken, gleichwohl kräftigen Registern, die sich den Anforderungen Zelenkas an gestische Behändigkeit und chorische Beweglichkeit deutlich gewachsen zeigen. Es werden überaus lebendige Linien gestaltet, in perfekt rhythmisierten Gesten, das alles nobilitiert von einem jugendlichen Charme im Gesamtklang: Wie schon des öfteren bei Projekten von Vaclav Luks erweist sich der Chor als ein musikalisches Kraftfeld. Sicher auch deshalb, weil die Soli arios wenig gefordert sind, treten sie aus dem Chor hervor, agieren ohne Tadel, halten die feine Balance zwischen solistischer und Ensemblegeste ohne Mühen. Ein Beispiel, das zeigt, wie überzeugend vokalsolistisch auch ohne große Namen musiziert werden kann.

Das Orchesterspiel ist ein Ausbund an Frisch und federnder Energie, gerade in den raschen, druckvollen Sätzen. Da wird rhythmisch hochpräzis gespielt, gespannt und reich an Nuancen: Ein sprachgetriebenes Grundmovens lässt das Geschehen pulsieren, intensiv und kleinteilig instrumental expliziert. In den langsamen Sätzen entfalten sich klangliche Delikatesse und süße Lyrik bis fast zum Sentiment. Vaclav Luks und sein Orchester bleiben der Musik in dieser Hinsicht nichts schuldig. Intoniert wird ohne Makel, orchestral leicht; auch Chor und Solisten agieren in dieser Hinsicht vergleichbar luftig. Luks wählt sehr entschiedene Tempi, zu stimmigem Tableau gefügt. Ebenso passgenau ist die dynamische Arbeit, die sich in Steigerungen zu extrovertierten Gesten von einiger Kraft versteht.

Wieder einmal gilt: Vaclav Luks und sein Collegium 1704 plädieren vehement für Jan Dismas Zelenka und dessen hochattraktive Musik. In diesem Fall nicht mit einem großen, geschlossenen Werk, sondern mit einer Messe, die gleichsam aus der Tiefe des kompositorischen Raumes kommt. Und auch dieses Programm gerät sehr überzeugend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Jan Dimas Zelenka: Missa 1724: Collegium 1704, Collegium Vocale 1704, Václav Luks

Label:
Anzahl Medien:
Accent
1
Medium:
EAN:

CD
4015023243637


Cover vergössern

Zelenka, Jan Dismas


Cover vergössern

Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Accent:

  • Zur Kritik... Engelskonzert: Das Tiburtina Ensemble und Oltremontano Antwerpen: So kann man Artefakte der Bildenden Kunst über Jahrhunderte hinweg zum Klingen bringen – mit Geschmack, gedanklicher Schärfe und Klangimagination. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Solistischer Bach: Im Ergebnis ein luzider, lichtdurchfluteter Bach von Sigiswald Kuijken und La Petite Bande – gelegentlich zu statisch und etwas reduziert, stimmlich und in der instrumentalen Energetisierung. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Entdeckung eines bedeutenden Oratorums: Gregor Joseph Werner (1693-1766) war der Vorgänger Joseph Haydns am Fürstenhofe Esterházy. Von ihm ist nur ein schmales Oeuvre bekannt, darunter auch vorliegendes Oratorium. Wir haben es mit der Entdeckung eines großartigen Werkes zu tun. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
blättern

Alle Kritiken von Accent...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Orgelsinfonik: Hansjörg Albrecht gelingt die fabelhaft bildkräftige Deutung einer substanziell zutreffenden Orgeltranskription der ersten Bruckner-Sinfonie. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Englische Perlen: Ein erfrischender Blick auf fernes Repertoire: Das Huelgas Ensemble mit seinem Leiter Paul Van Nevel liefert verlässlich Vokalkunst auf höchstem Niveau. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Noble Fortsetzung mit Schnittke und Pärt: Der Estnische Philharmonische Kammerchor und sein Leiter Kaspars Putninš erweisen sich bei Alfred Schnittke und Arvo Pärt abermals als interpretatorisches Kraftwerk von Graden. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Glass für Genießer: Die vorliegende Einspielung begeistert durch intensives Musizieren. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Bis zum Showdown: Bizets 'Carmen' aus Dresden 1942. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Orgelsinfonik: Hansjörg Albrecht gelingt die fabelhaft bildkräftige Deutung einer substanziell zutreffenden Orgeltranskription der ersten Bruckner-Sinfonie. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

RHPP70

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2021) herunterladen (3400 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Henri Bertini: Nonetto op.107 in D major - Allegro vivace

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich