> > > Luciano Berio: Coro, Cries of London: Norwegian Soloists, Norwegian Radio Orchestra, Grete Pedersen
Donnerstag, 9. Juli 2020

Luciano Berio: Coro, Cries of London - Norwegian Soloists, Norwegian Radio Orchestra, Grete Pedersen

Humane Stimme


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Luciano Berios 'Coro' – ohne Zweifel Kunst von besonderer Form und erheblichem Rang. Und natürlich ein tolles Vehikel für den Norwegischen Solistenchor und das Norwegische Rundfunkorchester, ihre üppigen Fähigkeiten auszustellen.

Luciano Berio war ein Protagonist der Avantgarde, dem die menschliche Stimme im Reichtum ihrer Möglichkeiten eine wesentliche Inspiration war. Das unterstreicht eine aktuell bei BIS erschienene Platte, die Grete Pedersen mit ihrem Norwegischen Solistenchor und dem Norwegischen Rundfunkorchester vorgelegt hat: Neben den 'Cries of London' von 1974/76 für acht Stimmen steht das monumentale 'Coro' der Jahre 1975/76, schlicht 'per voci e strumenti' gedacht. Die 'Cries of London' waren ursprünglich für die King's Singers geschrieben worden; Berio erweiterte sie später auf acht Stimmen. Textbasis ist eine Sammlung historischer Londoner Marktrufe, die ein komisch-gewitztes performatives Moment evozieren und Berio ebenso zu repetitiven Strukturen einladen wie sie nicht selten in mit Lust geschaffener kontrapunktischer Wirrnis münden.

Diesem Kabinettstück geht das fast einstündige 'Coro' voraus. 1976 von WDR-Chor und Sinfonieorchester in Donaueschingen unter Leitung des Komponisten uraufgeführt und später auch für die Schallplatte aufgenommen, sind hier 40 Vokalisten – je zehn Soprane, Alte, Tenöre und Bässe – mit ebenso vielen Instrumenten verschränkt, weiter verstärkt um Klavier, Orgel und zwei Schlagzeuger mit üppiger Ausstattung. Aufzustellen sind diese Kräfte auf dem Podium in einer dezidiert geordneten, streng gemischten Szenerie. In den 31 Sätzen hat Berio Volksdichtungen sehr verschiedener Regionen, Kulturen und Sprachen verwendet, ohne Volkston allerdings und auch musikalisch in einiger Distanz zu allem siedelnd, das typischerweise damit in Verbindung zu bringen wäre. Als textlichen Kontrast dazu setzt der Komponist Gedichte des Chilenen Pablo Neruda, der als Poet intellektueller und symbolischer Mitstreiter des von Pinochets Putschisten 1973 in den Tod getriebenen sozialistischen Präsidenten Salvador Allende war und mit seiner Kunst die für Berio bedeutsame Verbindung von Künstlerschaft und politischer Positionierung verkörperte und in das Werk 'Coro' hineinreflektierte.

Die dadurch inspirierte, daraus auch gedanklich hervorgehende Musik ist von enormer Dichte, wie bei den 'Cries of London' oft polyphon organisiert. Dazu sind erhebliche, harsche, gar rohe Klangmanifestationen zu erleben, Ballungen dichtester harmonischer Schichtung bis hin zum Cluster, oft intensiv und lang gehalten – ein fortwährend spannungsreiches Riesenwerk. Aber zugleich gekennzeichnet von ausgedehnten, schimmernden Flächen, die angeraut und von instrumentaler Drastik umgeben sind. Charakteristisch ist eine weitlagige Akkordik, die vokal und instrumental die Ressourcen ausschöpft. Die Sätze auf Neruda-Gedichte wirken noch einmal gesteigert in ihrer Konzentration – in sie mündet erkennbar vieles aus dem restlichen Geschehen ein.

Souverän auf schwierigem Terrain

Eine Herausforderung für Ensembles von Könnerschaft und Wagemut ist das Programm allemal, auch wenn die Musik schon mehr als vierzig Jahre alt ist. Die von Grete Pedersen geleiteten Norweger zeigen sich ohne instrumentales Netz in den 'Cries of London' beweglich und sicher, erstaunlich klangsinnlich und vertraut mit Berios durchaus heiklem Idiom. Wenn eine Einschränkung zu machen ist, dann die, dass den acht Vokalisten vielleicht die letzte gestalterische Freiheit abgeht, eine gewisse Individualität, ein Moment charismatischer Ausstrahlung, das zum Beispiel den beiden Bässen gut getan hätte.

In 'Coro' erweist sich der Chor – auch in der räumlichen und stimmlichen Vereinzelung – als perfekt organisiertes Ensemble, in andauernder fruchtbarer Verschränkung mit der instrumentalen Sphäre. Alle sind einzeln gefordert, in vielen Passagen in tatsächlich solistischer Geste, und reüssieren doch gemeinsam. Bemerkenswert ist die Tatsache, wie durchgehend hochkonzentriert der Chor agiert, in einer Stunde intensivster Musik. In der Diktion der vielen Sprachen sind kleinere Nachlässigkeiten zu verzeichnen, die angesichts des mächtigen ästhetischen Kunstanspruchs des Gesamtklangs bei Berio allerdings nicht entscheidend ins Gewicht fallen.

Permanenter Ausnahmezustand

Das Norwegische Rundfunkorchester erweist sich als Souverän des permanenten Ausnahmezustands, dezidiert in nahezu jeder Geste, mit viel gleißender Kraft. Aber auch die zerbrechliche Kleinteiligkeit mancher vielleicht als Interludien anzusprechender Passagen gelingt dem als Solistenensemble eindrucksvoll agierenden Orchester. Manche Passage ist gleichsam ohne Tempo, stehende Flächen von lastender Schwere werden von einzelnen Impulsen durchzogen, dann folgen rasche, entschlossene Ausbrüche, denen wiederum filigran aufgefächerte Texturen nachfolgen. Insgesamt ist festzuhalten, dass Berio instrumentale wie vokale Stimmen erstaunlich idiomatisch einsetzt, nicht gegen ihren Charakter oder Grundprinzipien typischer Arten der Tonerzeugung Stellung bezieht. So scheint auch in satztechnisch dichter und ästhetisch avancierter Szenerie das Moment des Natürlichen auf. Technisch ist das Klangbild dieser hybriden SACD komplett – gut gestaffelt, erstaunlich transparent und mit der Befähigung, auch größere Energien mühelos aufzunehmen.

Und so kommt es, dass Berio mit seiner Musik noch heute zu seiner Hörerschaft spricht. Denn trotz mancher Zumutung ist es eine humane, konzentrierte Tonsprache von großer Dringlichkeit, die sich auch der Gegenwart mitteilt. Ohne Zweifel Kunst von besonderer Form und erheblichem Rang. Und natürlich ein tolles Vehikel für den Norwegischen Solistenchor und das Norwegische Rundfunkorchester, ihre üppigen Fähigkeiten auszustellen. Bei aller Anerkennung der Ensembleleistungen bleibt aber der Eindruck, dass vor allem Berios 'Coro' ganz gewiss Musik ist, die entscheidend von der packenden Live-Situation lebt. Dennoch sehr hörenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Luciano Berio: Coro, Cries of London: Norwegian Soloists, Norwegian Radio Orchestra, Grete Pedersen

Label:
Anzahl Medien:
BIS Records
1
Medium:
EAN:

CD SACD
7318599923918


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Berio, Luciano


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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