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Freitag, 5. März 2021

Johann Pachelbel: Magnificat - Himlische Cantorey, Jan Kobow

Auf der Höhe seiner Zeit


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sehr schöne Musik von Johann Pachelbel, mit großartigem Können und ebenso ausgeprägter Leidenschaft von Jan Kobow und der Himlischen Cantorey geboten.

Von Johann Pachelbel sind mehr Vertonungen des Magnificats überliefert als von jedem anderen deutschen Komponisten des 17. Jahrhunderts. Einer Sammlung, die einer seiner Söhne auf seinem Weg in die Neue Welt offenbar in England zu Geld machte und die sich in der Bibliothek des St. Michael's College in Tenbury überliefert hat und heute in der Oxforder Bodleian Library aufbewahrt wird, verdanken wir viele singuläre Überlieferungen Pachelbelscher Werke. Die aktuell bei cpo vorliegende Platte der vom Tenor Jan Kobow geleiteten Himlischen Cantorey mit einem deutlichen Schwerpunkt bei Magnificat-Vertonungen ist auch deshalb erfreulich, weil Pachelbel, obwohl eigentlich dank einer Reihe hochkarätiger Aufnahmen in der gesamten Breite seines Œuvres diskografisch gut zu verorten, noch immer Hilfe gegen seinen ungerechtfertigten Ruf als ‚One-Hit-Wonder‘ braucht: Sein Kanon in D, wohl nicht nur berühmt, sondern mit Blick auf Gerechtigkeit gegenüber dem Gesamtwerk berüchtigt zu nennen, hängt ihm zäh an.

Was wir hier von der Himlischen Cantorey hören, sind schön gebaute geistliche Werke, klangsinnlich, affektiv klar und mit der immanenten Fähigkeit zur großen Geste. Insgesamt vier der Magnificat-Vertonungen schmücken das Programm: Nach dem prächtigen und vielgestaltigen Entrée sind auch Varianten zu hören, die schlichter in der Haltung und knapper in der Dimension sind – man bedenke nur den erstaunlichen Unterschied zwischen dem ersten und dritten hier erklingenden Magnificat, dem in C und dem in g: Das erste erstreckt sich über mehr als achtzehn Minuten, das andere ist nach nicht einmal vier Minuten verklungen. Dazu sind zwei Geistliche Konzerte auf deutsche Texte zu hören, die differenzierter im Satz sind und feiner in der Gliederung. Auch diese Sätze befinden sich klar auf der Höhe ihrer Zeit, stehen zum Beispiel vergleichbarem Repertoire bei Johann Rosenmüller oder Dietrich Buxtehude nicht nach. Sie bieten den Vokalisten idiomatische Solo-Flächen und verlangen nach dezidierter Ensembleinteraktion. Dazu erklingt eine knappe lateinische Missa in D. Dreisätzig in der Anlage, ist sie mit knapp sieben Minuten Aufführungsdauer überschaubar dimensioniert, scheint praxisorientiert gesetzt, bietet Stile-antico-Anklänge im Kyrie, wirkt in ihrem Kern dennoch klangsinnlich orientiert.

Könner mit Leidenschaft

Jan Kobow hat für die Aufnahme dieses Programms eine feine Sängerschar zusammengestellt: Die zentralen Soli singen im Sopran Veronika Winter und Ina Siedlaczek, im Alt Anne Bierwirth, Tenor natürlich Jan Kobow und im Bass Ralf Grobe. Dazu treten, teils zur Verstärkung der führenden Stimmen in den Tutti, teils ebenfalls mit solistischen Aufgaben betraut, die Sopranistin Charlotte Schäfer, der Altus Gerd Fischer, der Tenor Sören Richter und der Bass Hans Wijers. Die Soli lösen sich aus dem Kontext, bewegen sich leicht und behände durch die Sätze; Klangempfinden und technisches Rüstzeug sind unbestritten, vor allem die Ausweitung des solistischen Klangs in die allfälligen Ensembles gelingt mühelos. Auf diesem Grat von Solo und Tutti wandeln die Sätze fortwährend und die Vokalisten folgen Pachelbel darin sicher und umstandslos. Chorische Wirkungen entfalten sich trotz der schmalen Besetzung durchaus, natürlich in feiner Abstufung. Mit dem Konzert 'Verzag doch nicht, du armer Sünder' hat Jan Kobow sich ein famoses Solo beschert: Neben seinen sattsam bekannten Qualitäten, der klaren Stimmführung und der agilen Diktion ist es hier die edel ansprechend Mittellage, die für den Vortrag besonders einnimmt.

Instrumental wird ein vergleichbar delikater Ansatz verfolgt, getragen vom feinen Ton der Violinen und Gamben, gelegentlich geweitet um Trompeten, Pauken, Dulzian oder Orgel, dann und wann auch ganz auf den Basso continuo konzentriert, der Kontur gibt und nachvollziehbar grundiert, dabei der Luftigkeit des Gesamtansatzes Rechnung trägt. Selbst in kompakten Ritornellen oder größeren Schlusswirkungen bleibt der Ensembleklang über Überdruck; im zweiten erklingenden Magnificat gewinnt der Dulzian eine elegante Statur und vernehmliche Rolle. Dynamisch geraten die Bilder in den rahmenden, größer besetzten Kompositionen durchaus kräftig in der Zeichnung; ansonsten wird in üppigem Maß klingender Feinsinn geboten – auch der freilich nicht zaghaft. Die Nürnberger Sebalds-Kirche als Pachelbel-Ort schaltet sich mit Größe und räumlichen Effekten ein; dennoch sind keinerlei Einbußen an Präzision und klarer Staffelung zu verzeichnen: ein mehr als angemessenes Gesamtbild für diese Kompositionen.

Sehr schöne Musik von Johann Pachelbel, mit großartigem Können und ebenso ausgeprägter Leidenschaft geboten. Dem breiten Publikum weniger vertraute und im Repertoire noch deutlicher zu verankernde Musik muss genauso engagiert interpretiert werden, wie es Jan Kobow und die Himlische Cantorey hier tun.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Johann Pachelbel: Magnificat: Himlische Cantorey, Jan Kobow

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203770724


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Pachelbel, Johann


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
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Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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