> > > Weber, Carl Maria von: Der Freischütz: Essener Philharmoniker, Tomas Netopil
Samstag, 21. Mai 2022

Weber, Carl Maria von: Der Freischütz - Essener Philharmoniker, Tomas Netopil

Pulsbeschleuniger mit Gänsehautgarantie


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser Essener 'Freischütz' ist ein Tondokument zum Mitfiebern und zum Staunen, wie lebendig Musiktheater und wie aufregend diese altbekannte romantische Geisteroper sein kann.

Das gibt es leider viel zu selten: einen 'Freischütz', der den Puls des Hörers höherschlagen lässt. Wie das funktioniert, macht der Livemitschnitt vom Jahreswechsel 2018/19 aus dem Essener Aalto-Theater vor, der beim Label Oehms auf CD erschienen ist. Allein die atmosphärische Dichte, die diese Lesart bietet, ist ein schlagkräftiges Argument für die x-te 'Freischütz'-Einspielung auf dem Plattenmarkt.

Reizvoller, schlanker Klang

Die Ouvertüre mit den Essener Philharmonikern unter Tomás Netopil hebt an und man fühlt sich direkt in einen lebendigen Opernabend versetzt. Düster sind die Farben, scharf die Akzente. Dabei greift Netopil nicht einmal zu den erwarteten romantischen Aufwallungen und dicker Textur. Die Streicher fallen viel mehr durch ein recht vibratoarmes Spiel auf, was einen fahlen Klang erzeugt, der im besten Sinne an den Nerven kratzt. Wenn das Drama es erfordert, können die Musiker auch ordentlich zulangen, aber sie setzen diese Effekte sparsam und wohlüberlegt ein. Einen reizvolleren, schlankeren 'Freischütz'-Klang mit so viel Mut zum Detail und zur Entromantisierung hat man lange nicht gehört.

Was diesen 'Freischütz' weiterhin so besonders macht, ist die offenbar ertragreiche Arbeit eines Produktionsteams mit den singenden Darstellern. Da ist jede Phrase inhaltlich durchdrungen, alle Figuren haben eine klare Haltung zum Geschehen. Niemand singt um des bloßen Singens Willen. Auch die ansonsten gern betulichen Dialoge sind hervorragend einstudiert, klar im Timing und ihrer Intention. Kein Satz ist zu viel, die Schonungslosigkeit der Geschichte vom Ende des 30-jährigen Krieges mit Händen greifbar. ‚Verrückt oder im Krieg gewesen!‘, sagt einmal Kaspar in dieser packenden Textfassung. Und eben dieser Satz verweist auf die Traumata der Protagonisten, ihre Zeichnung durch die Schrecken des Krieges. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich keine märchenhafte Geistergeschichte, sondern ein gnadenlos menschliches Drama, das mit allerhand jenseitigen Elementen zu fesseln weiß – auch in der bloßen Tonkonserve. Ein Eindruck der Inszenierung kann nur auf wenigen Fotos im Beiheft erhascht werden, aber es scheint existenziell zugegangen zu sein auf der Essener Bühne.

Keine großen Stimmen, dafür glaubhafte Charaktere

Bei all der emotionalen Durchdringung bleibt in diesem Mitschnitt leider das Gesangliche ein wenig auf der Strecke. Das soll nicht heißen, dass nicht wunderbare Solisten am Werk sind, aber die Konzentration des Mitschnitts aufs rein Akustische nimmt den Sängerinnen und Sängern einen ordentlichen Teil ihrer Interpretation, die offenkundig ein überzeugendes Gesamtpaket war – und ist. So erscheint Maximilian Schmitt als vokal eher leichtgewichtiger Max. Seinem lyrischen Tenor gewinnt er zahlreiche innige Momente ab, die dramatischeren Passagen bringen ihn an seine Grenzen, aber den Bühnencharakter schließlich auch. Als Kaspar punktet Heiko Trinsinger weniger mit dämonischer Schwärze als vielmehr durch sprachliche Genauigkeit und seinen ausgeklügelten Vortrag. Das helle Timbre überrascht, passt aber wunderbar ins Gesamtkonzept.

Vokale Pracht

Jessica Muirheads Sopran flackert ordentlich. Die beiden großen Agathe-Arien bewältigt sie jedoch mit so viel Innerlichkeit, zarten Piani und charaktervoller Direktheit, dass man ihr diesen Umstand schnell verzeiht. Dafür packt Tamara Banješević als Goldkehlen-Ännchen ordentlich zu und entkommt so der gefährlichen Soubretten-Schublade. Der Eremit ist bei Tijl Faveyts in den besten Händen – er repräsentiert am Ende dann doch so etwas wie vokale Pracht im ansonsten spielbetonten, lebendig wahrhaftigen Sangesreigen. Martijn Cornet singt mit seinem wendigen Bariton und hervorragender Artikulation einen recht spröden Ottokar, während Karel Martin Ludvik einen souveränen Kuno abgibt.

Dieser 'Freischütz' bietet keine Atempausen, er steuert unaufhaltsam auf ein Ende zu, das unter Netopils Leitung wunderbar unpathetisch, dafür nachdenklich gerät. Und am Ende der Wolfsschlucht läuft es einem kalt den Rücken herunter: Der äußerst wirkungsvolle Kniff, die Stimme Samiels von gleich mehreren Darstellern gleichzeitig sprechen zu lassen, hat in einem solistischen ‚Hier bin ich!‘ seine erschreckende Konsequenz – ein Kind entpuppt sich als wilder Jäger. Dieser Essener 'Freischütz' ist ein Tondokument zum Mitfiebern und zum Staunen, wie lebendig Musiktheater und wie aufregend diese altbekannte romantische Geisteroper sein kann. Wer sich allerdings auf große Stimmen konzentrieren möchte, sollte eher zu anderen Einspielungen greifen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Weber, Carl Maria von: Der Freischütz: Essener Philharmoniker, Tomas Netopil

Label:
Anzahl Medien:
OehmsClassics
2
Medium:
EAN:

CD
4260034869882


Cover vergössern

Weber, Carl Maria von


Cover vergössern

OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag OehmsClassics:

  • Zur Kritik... Zeitgenossen der Vergangenheit: Höchst selten gespieltes Repertoire, im Falle von Paul Arma sogar eine Ersteinspielung – so richtig überzeugen können die drei hier versammelten Violinsonaten jedoch nicht. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Weibliche Perspektiven: Ein veritables künstlerisches Lebenszeichen von Singer Pur, mit etlichen starken weiblichen komponierenden Stimmen, die das Programm üppig mit Qualität aufladen. Eine fein programmierte und gesungene Platte. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Leidenschaftlich und souverän: Dmitrij Kitajenko und das Gürzenich-Orchester präsentieren einen leidenschaftlich vorgetragenen Tschaikowsky, allerdings mit bekanntem Standard-Repertoire. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von OehmsClassics...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Nostalgische Kunst-Folklore: Magdalena Kožená macht mit 'Nostalgia' auf zwei viel zu selten gespielte Liederzyklen von Bartók und Mussorgsky aufmerksam. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Ein gut gemeintes Präsent: Die Wiener Symphoniker gratulieren Franz Lehár mit viel Erwartbarem zum 150. Geburtstag. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Herzenstöne: Ein so unprätentiöses und zugleich leidenschaftliches Album wie dieses von Sarah Wegener und Götz Payer hört man viel zu selten. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Nostalgische Kunst-Folklore: Magdalena Kožená macht mit 'Nostalgia' auf zwei viel zu selten gespielte Liederzyklen von Bartók und Mussorgsky aufmerksam. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Wieder da: Die Gesamteinspielung der Sinfonien von Josef Tal mit der NDR Radiophilharmonie Hannover unter Israel Yinon hat nach fast zwanzig Jahren nichts von ihrer Faszination verloren. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Intereuropäischer Austausch: Nach vielen Jahren endlich wieder einmal eine Orgelproduktion aus der St Paul’s Cathedral London. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2022) herunterladen (2400 KByte) Class aktuell (4/2021) herunterladen (7000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich